Mädchen, sollen wir euch beim Kotzen die Haare halten?

Das ist doch sicher der ultimative Liebesbeweis nach der Partynacht. Oder?
Von Niko Kappel und Lara Thiede

Foto: Hamsta / photocase Bearbeitung: jetzt

Liebe Mädchen,

jeder kennt es, keiner mag es und trotzdem passiert es ab und an: das Sich-Übergeben-Müssen, weil man zu viel getrunken hat. Als würde das nicht schon reichen, um einen Abend zu zerstören, gibt es bei vielen Mädchen darüber hinaus noch ein Problem, das von eurem äußeren Erscheinungsbild herrührt: Die meisten von euch haben lange Haare, die das plötzliche Erbrechen des Mageninhalts auf den Boden oder in die Toilette deutlich erschweren. Bei einer spontanen Magenentleerung – also wenn vorher keine Zeit mehr dafür war, die Frisur mit einem Zopf kotztauglich zu machen – braucht ihr Hilfe. Irgendjemand muss euch die Haare halten, sonst spuckt ihr sie mit eurem Erbrochenen voll.

Fühlt ihr euch uns verbundener, wenn wir euch beim Kotzen die Haare gehalten haben?

Das Haarehalten wird in der Popkultur sogar romantisiert. Bei James Arthur oder der deutschen Band Kettcar klingt es so, als würde durch Hilfestellung beim Kotzen so eine Art Stimmung entstehen, eine romantische Bindung, eine Geschichte, die einen näher zusammenbringt. Aber so richtig verstehen wir es nicht, wieso ihr es angeblich schön findet, wenn wir euch daran hindern, euch die Haare vollzukotzen. Wir sehen das nämlich eher als Freundschaftsdienst, nicht als romantische Geste. Fühlt ihr euch uns wirklich verbundener, wenn wir euch beim Kotzen schon mal die Haare gehalten haben?

Beim Kotzen sind Menschen ja meistens ziemlich wehrlos. Ihr könntet also in so einer Situation nicht sagen, dass ihr gerade nicht wollt, dass wir euch oder eure Haare anfassen. Euer Sprechorgan ist dann ja anderweitig beschäftigt. Deshalb fragen wir lieber jetzt, bevor so eine Extremsituation das nächste Mal eintritt. Findet ihr es übergriffig, wenn wir euch, wie ihr da so vor euch hinkotzt, in die Haare greifen, ohne dass ihr danach verlangt habt? Und gibt es eigentlich einen Unterschied, ob euch ein Kumpel oder eine Freundin die Haare hält? Wir sind auf jeden Fall ratlos und wüssten gerne, wie wir uns beim nächsten Mal verhalten sollen, wenn sich euer Mageninhalt schwallartig vor der Nachtbushaltestelle entleert.

Eure Jungs

Die Mädchenantwort:

Liebe Jungs,

ihr solltet wirklich nicht sofort glauben, was ihr in mittelguten Popsongs hört. Denn nur weil ein paar Sänger (alles Männer übrigens) denken, ihr super-aufopferungsvoller Akt des Haarehaltens sei romantisch und entscheidendes Element einer glücklichen Liebesgeschichte, stimmt das ja nicht automatisch. Im Gegenteil: Wir wehren uns jetzt mal ganz heftig gegen die Behauptung, uns grundsätzlich nach Unterstützung beim Kotzen zu sehnen.

Denn ihr schreibt zwar von euch aus: „Bei einer spontanen Magenentleerung (...) braucht ihr Hilfe. Irgendjemand muss euch die Haare halten, sonst spuckt ihr sie mit eurem Erbrochenen voll.“ Aber  dieser „Irgendjemand“, das sind meistens wir selbst. Wir haben das in der Regel ganz gut im Griff. Lange Haare tragen schließlich viele von uns – und das nicht erst seit gestern. Die zusammenzuhalten, schaffen wir meistens gerade noch so, auch wenn unser Pegel nicht mehr gesund ist. Die meisten von uns Langhaarigen haben ohnehin immer ein Haargummi dabei – oder besorgen sich notfalls noch rechtzeitig eins. Spätestens dieses kleine Ding macht euren Einsatz also oft überflüssig.

Nein, meistens entsteht keine besonders romantische Stimmung, wenn wir gerade über der Schüssel hängen

Außerdem ist unser Mageninhalt und wie wir den im Ernstfall nach draußen befördern, eine relativ intime Sache. Beim Kotzen wollen wir deshalb meistens allein sein. Ja, wirklich, allein. Und das ganz besonders dringend, wenn unsere Begleitung gleichzeitig das Date ist, an dem wir sexuell interessiert sind. Denn natürlich ist uns bewusst, dass wir in unseren dunkelsten Momenten nicht unbedingt attraktiver werden. Wir würden also sagen: Nein, meistens entsteht keine besonders romantische Stimmung, wenn wir gerade über der Schüssel hängen. Und wir fühlen uns auch nicht automatisch verbundener mit euch, sobald ihr uns mal beim Kotzen „geholfen“ habt. Eher peinlich berührt. Wir schämen uns für unseren Kontrollverlust. Und ob das der beste Grundstein für eine Beziehung auf Augenhöhe ist – da kennt ihr die Antwort vermutlich selbst.

Etwas harmloser bewerten wir das vermutlich, wenn ein Kumpel, eine platonische Freundin oder unseretwegen auch der mehrmonatige bis langjährige Partner dabei sind. Denn die dürften uns schon in den meisten Situationen erlebt haben – vor denen ist das Scham-Level dann doch noch mal ein anderes. Und dann, das müssen wir schon zugeben, ist es manchmal auch gar nicht doof zu wissen, dass jemand in der Nähe ist, der uns ein bisschen über unsere eigene Maßlosigkeit hinweg tröstet. Mit Haarehalten hat das aber wenig zu tun. Wir wünschen uns da eher, dass ihr uns mit etwas Abstand beisteht. Vor der geschlossenen Toilettentür zum Beispiel. Oder zwei Meter von der Nachtbushaltestelle entfernt.

Aber auch hier bestätigt natürlich die Ausnahme die Regel. Denn leider bringen wir uns mit Alkohol manchmal in Situationen, in denen wir tatsächlich eure Hilfe brauchen: wenn wir schon so voll sind, dass eigentlich gar nichts mehr geht, wir weder laufen noch richtig sprechen können, sich unser Bewusstsein großteils verabschiedet hat. Dann funktioniert auch das Haarehalten nicht mehr ganz so gut wie sonst bei uns, ihr dürft übernehmen. Manche von uns werten das dann tatsächlich als Zeichen der Fürsorge, weil ihr uns auch in diesem schlimmsten Zustand nicht abweist. Und das tut dann doch ganz gut. Andererseits gibt es in Situationen wie dieser aber auch Wichtigeres als Haare, die nicht schmutzig werden sollen. Eine Flasche Wasser zum Beispiel. Oder einen Krankenwagen.

Eure Mädchen