Mädchen, wie ist das, mehrmals zu kommen?

Im Bereich multiple Orgasmen seid ihr ja etwas fähiger als wir.
Von Christian Helten und Katja Lewina

Bildrechte: prokop / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Liebe Mädchen,

es gibt da etwas, das wir Jungs sehr bedauern: unsere Orgasmen. Nicht die Orgasmen selbst natürlich, da habe ich mich jetzt falsch ausgedrückt. Es geht eher darum, dass sie leider sehr zuverlässig eine traurige Tatsache mit sich bringen. Die Gewissheit nämlich, dass es das jetzt erst mal war.

Wenn wir kommen, heißt das im Regelfall: Ende, aus, nichts geht mehr, und wenn doch, dann erst nach ausgiebiger Pause. Man kann sich das vorstellen wie das Ende einer Nacht im Club: Grade noch hat der DJ einen Track gespielt, der alle zum Ausrasten bringt, maximale Extase. Dann dreht er den Sound aus, jemand macht das Licht an - und weg ist die Magie. Keine Tanzfläche voll schöner Menschen im Halbdunkel mehr, kein Bass, sondern nur noch fertige Gestalten im Neonlicht. Man merkt plötzlich die Müdigkeit und begreift, dass man jetzt langsam ins Bett sollte. So ist es nach dem Orgasmus bei uns auch. Unser Penis verabschiedet sich in den Ruhezustand, und der Rest unseres Körpers sagt: Bitte jetzt ganz gemütlich ablegen.

Das ist schade. Denn wäre dieser postorgasmische Müdigkeitsanfall nicht, hätten wir nichts dagegen weiterzumachen. Zum Beispiel, weil ihr ja vielleicht noch nicht gekommen seid, aber auch aus Eigennutz: Ein zweiter Höhepunkt - why not?

Und damit zur Frage: Weil ihr im Bereich multiple Orgasmen ja etwas fähiger seid als wir - zumindest nach allem, was man so hört - wüssten wir da gerne etwas mehr drüber. Wie das geht, zum Beispiel, und wie es sich anfühlt natürlich auch: Ist das eher so, als würdet ihr von einem Gipfel mit einem Gleitschirm geschmeidig auf den nächsten fliegen? Oder müsst ihr erst wieder runter ins Tal staksen und dann mühsam wieder auf Höhepunkt Nummer zwei? Und ist der zweite Orgasmus dann eine Steigerung des ersten oder kommt er an den gar nicht mehr ran? Oder mal so und mal so?

Außerdem hätten wir gerne ein bisschen Anatomie-Nachhilfe: Hat das Mehrmals-Kommen irgendwas mit der Art der Orgasmen zu tun? Also vaginal oder klitoral? Geht beides? Erst der eine, dann der andere? Und was heißt das für uns? Wie können wir behilflich sein?

Und zuletzt: Wie verbreitet ist diese Gabe eigentlich? Ist Gabe überhaupt das richtige Wort? Oder ist der Multiorgasmus erlernbar, so wie es auch uns gewisse Herrenmagazine immer wieder erzählen, wenn sie uns auffordern, mit unseren Penissen Taschentuch-Gewichtheben zu betreiben, um unsere Beckenbodenmuskulatur zu trainieren (Bevor ihr fragt: Nein, dieser Aufforderung kommt kaum einer von uns nach). Und wenn ihr mehrfach kommen könnt: seid ihr da dann stolz drauf? Oder macht es Sex gar schwieriger, weil das Wissen, öfter kommen zu können, dazu führt, dass ein Einzelorgasmus dann fast schnöde und langweilig wird?

Erzählt mal bitte…

Eure Jungs

Dirk Schmidt

Liebe Jungs,

dass wir theoretisch endlos vögeln und natürlich kommen können, während eure Energie für (zunächst) nur ein einziges Mal reicht, ist natürlich himmelschreiend ungerecht. Kein Wunder, dass auf Grund dieses Ungleichgewichts verschiedenste Theorien über die patriarchale Unterdrückung der Frau entstanden, à la „schließlich musste man das lüsterne Weib ja irgendwie in seine Schranken weisen“. Dabei ist es in Wirklichkeit lange nicht so, dass jede von uns achtzehn Mal hintereinander kommen kann — oder das überhaupt möchte. Bei manchen von uns flacht die Erregung nämlich genau so schnell ab wie bei euch, während bei anderen stundenlange Höhenflüge so normal sind wie der morgendliche Gang zur Toilette.

Für viele von uns wird der erste immer der krasseste bleiben, andere hingegen kickt erst der zweite oder dritte.

Die meisten von uns liegen vermutlich irgendwo dazwischen: Mehr als ein Orgasmus ist auf jeden Fall drin, kommt aber nicht immer in Frage. Oft entscheidet zum Beispiel auch die Qualität des ersten Ohhhs darüber, ob es noch Nachfolger gibt. Kamen wir kurz und schmerzlos oder riss uns die Ekstase minutenlang die Beine weg? Haben wir einen Quickie hingelegt oder uns einem ausgiebigem Vorspiel hingegeben? Oft gilt: Je länger das Heranpirschen an den Orgasmus gedauert hat und je heftiger er war, desto unwahrscheinlicher wird eine Wiederholung. Denn nach intensiver Stimulation sind auch unsere Nervenden erst mal durch und spüren nicht mehr so viel, wie sie für ein weiteres Happy End müssten.

Ob überhaupt noch was geht, spüren wir aber ziemlich schnell, wenn wir nach dem ersten Mal einfach weitermachen (oder ihr das für uns erledigt). Denn weil unsere Nervenden ja bereits bis zum Höhepunkt ihrer Empfindlichkeit gekitzelt wurden, lässt die nächste Woge erfahrungsgemäß nicht lange auf sich warten. Und die darauffolgende dann noch weniger. Während die Abstände zwischen den einzelnen Orgasmen tendenziell immer kürzer werden, variiert ihre Intensität von Frau zu Frau. Für viele von uns wird der erste immer der krasseste bleiben, andere hingegen kickt erst der zweite oder dritte.

Dabei gibt es so gut wie keinen Unterschied zwischen klitoralen und vaginalen Spielereien: Die Klitoris ist ein sehr viel größeres Organ als nur diese kleine Perle, die unsere Vulva ziert. Sie ist es, die unseren Vaginaleingang so sensibel für Berührungen macht und uns aufjauchzen lässt, widmet man sich unserem G-Punkt. Ganz egal, wo ihr uns liebkost — wenn die kleinen Schalterchen unserer Nervenenden erstmal auf „On“ gedreht sind, sind sie empfangsbereit. Manche Frauen spüren allerdings in ihrer Vagina auch tatsächlich sehr viel mehr, wenn ihre Klitorisperle vorher ausgiebigst auf ihre Kosten gekommen ist.

Die meisten von uns haben völlig zu recht keinen Bock, Sex zum Hochleistungssport zu erklären.

Damit wären wir auch schon bei der Frage, was ihr, liebe Jungs machen könnt, damit bei uns nicht gleich nach einem Track wieder das Licht angeht. Ihr könnt es euch sicher schon selbst denken: einfach weiter machen. Möglicherweise solltet ihr uns aber erst mal ein wenig Luft zum Atmen gönnen, eure Bewegungen runterfahren und sanfter werden. Denn klar, der Gleitschirmflug unserer Erregung geht auch nicht immer nur steil bergauf. Ob wir dann noch mehr wollen, merkt ihr dann hoffentlich selbst. Und wenn nicht: fragt einfach nach. Manchen von uns ist es nach dem Orgasmus nämlich sogar eher unangenehm, noch weiter angefasst oder penetriert zu werden.

Wie vielen Frauen das so — oder genau anders herum — geht, lässt sich schwer sagen. Weil man in der Wissenschaft heute aber davon ausgeht, dass Orgasmen sich trainieren lassen, müsste theoretisch auch für jede Frau die multiple Version drin sein. Grundsätzlich spielt die Gewohnheit sicher bei der Frage, wie oft wir hintereinander kommen, eine Rolle. Schließlich ist die Idee, dass nach dem großen Jauchzen erst mal Kuscheln (und eben nicht weiter machen) angesagt ist, ziemlich weit verbreitet. Darum lohnt es sich auf jeden Fall, gemeinsam mit euch oder auch mit sich allein auszuprobieren, was da noch so alles gehen kann. Das von euch erwähnte Beckenbodentraining übrigens zwar kann auch bei uns die Orgasmusfähigkeit deutlich erhöhen, aber die meisten von uns haben völlig zu recht keinen Bock, Sex zum Hochleistungssport zu erklären.

Und darum hat das mit den vielen Orgasmen bei uns selbst auch nicht so wahnsinnig viel mit Stolz zu tun. Es seid eher ihr, die sich auf eure prächtige Liebhaber-Brust trommeln à la „Jetzt ist sie grade acht Mal gekommen, was bin ich nur für ein Tier“. Seid euch gewiss: Was wir mit euch können, können wir allein oder mit anderen genau so gut. Darum zerbrecht euch nicht so viel den Kopf darüber, wie oft wir in leidenschaftliche Zuckungen verfallen. Hauptsache, wir kommen auf unsere Kosten. In den meisten Fällen nämlich ist ein Mal exzellent gekommen sowieso viel besser als drei Mal nur so halb.

Eure Mädchen

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