„Andere durften schwanger sein, aber ich nicht mehr“

Katarina erlitt eine Fehlgeburt. Und fühlte sich damit alleine gelassen.
Protokoll von Maike Frye
kinderkriegenkolumne fehlgeburt

Illustration: jetzt

Vater + Mutter = Kind – das war einmal. Heute ist die Frage nach der Familienplanung hochpolitisch. Will man überhaupt welche? Was bedeutet das für die Beziehung? Und wenn man sich dafür entscheidet – geht das dann so einfach? In dieser Kolumne erzählen Menschen von ihrer Entscheidung für und gegen Kinder. 

Katarina (34) erlitt in der 10. Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt. Ihre Ausschabung war für das Krankenhaus reine Routine: „Als feststand, dass ich schwanger war, waren mein Mann und ich voller Vorfreude auf dieses Baby. Wir hatten zu dem Zeitpunkt bereits drei Kinder – ein viertes war unser absoluter Wunsch. Die Schwangerschaft verlief wie sonst auch, so hatte ich zumindest den Eindruck. Dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung mit dem Baby war, sollte ich erst beim Frauenarzt erfahren. Dort wurde mir nach einem Ultraschall mitgeteilt, dass das Herz des Kindes in der 10. Schwangerschaftswoche aufgehört hatte zu schlagen. Gemerkt hatte ich davon jedoch nichts.

Das Ganze nennt man „Missed Abortion“, eine verhaltene Geburt, bei der der Körper keine Abstoßungsreaktionen wie Blutungen oder Krämpfe zeigt. Wenn es dazu kommt, ist in den meisten Fällen vorher etwas beim Aufbauprozess des Fötus schiefgelaufen, sodass das Baby nicht überlebensfähig gewesen wäre. Der Körper bricht den Prozess dann einfach ab. Mein Arzt sagte mir, dass sogar jede vierte Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt endet. Das war mir vorher nie klar. Denn diese Zahl bekommt man allerdings erst mitgeteilt, wenn man bereits Mitglied im Club geworden ist.

Als ich erfahren habe, dass mein Kind tot ist, habe ich zunächst nicht viel gefühlt. Es war vermutlich so, wie wenn dir jemand mitteilt, dass du eine unheilbare Krankheit hast. Ich habe zunächst rein rational verstanden, was der Arzt mir gesagt hat. Aufgrund meiner vorherigen Schwangerschaften wusste ich auch, wie das Bild auf dem Ultraschall  hätte aussehen sollen. Doch da war definitiv kein Herzschlag. Emotional getroffen hat mich diese Erkenntnis erst später, dafür aber umso härter. In den Tagen danach habe ich mich so hilflos gefühlt. Ich konnte nicht akzeptieren, dass mein Kind tot war. Ich wollte es einfach unbedingt zurückhaben – und zwar lebendig.

Es dauerte nicht einmal zwei Stunden und mein Kind war weg

Nachdem dann aber klar war, dass es keine Chance für das Kind gab, wurde eine Ausschabung gemacht. Dafür musste ich bereits am Abend zuvor eine Tablette schlucken, die das Gewebe lockert, sodass der Arzt gut an die Gebärmutter herankommen kann. Mein Mann begleitete mich an diesem Tag auf dem schweren Weg in den Operationssaal und stand mir emotional so gut bei wie er konnte, auch wenn ihm der Verlust unseres Babys ebenfalls sehr wehtat. Mit in den OP durfte er allerdings nicht.

Dort angekommen wurde mir zunächst erklärt, was genau passieren wird. Doch wirklich abspeichern konnte ich das nicht, ich war in der Situation einfach nicht aufnahmefähig. Man kann es sich aber wohl so vorstellen, dass unter Vollnarkose mit einer Art „Ministaubsauger“ das schwangerschaftstypische Gewebe abgesaugt wird. Anschließend schabt der Arzt die Gebärmutter  noch einmal aus, sodass auch wirklich nichts zurückbleibt. Als ich wach wurde, war alles vorbei. Es hatte inklusive Aufwachen nicht einmal zwei Stunden gedauert und  mein Kind war weg. Ich fühlte mich so unglaublich leer und traurig.

Mein totes Kind und ich waren Routine

Die Zeit nach der Ausschabung war einfach grausam. Körperlich hatte ich keine Schmerzen, doch emotional fühlte es sich so an als ob eine nahestehende Person gestorben wäre. Und nun war es jemand, den ich zwar gar nicht genau gekannt, aber trotzdem geliebt habe.

Es gab für mich leider keinen richtigen Abschied von dem Kind. Viel Empathie habe ich im Krankenhaus nicht erfahren. Dort waren mein totes Kind und ich einfach Routine.  Aufklärung darüber, was mit dem entfernten “schwangerschaftstypischen Material” ­– so war die Formulierung später im Arztbrief – gemacht wird, gab es nicht. Ich glaube nicht, dass ich eine Sternenkind-Bestattung gewollt hätte, aber ich hätte zumindest gerne die Information gehabt, ob so etwas möglich ist.

Magersucht nach Schwangerschaft – so schwer war mein Weg | Bin ich bereit für ein Kind? Folge 2

In den Monaten nach meiner Fehlgeburt fiel es mir schwer, andere Schwangere zu sehen. Ich konnte es kaum ertragen. Natürlich wusste ich rational, dass diese Frauen rein gar nichts für mein Schicksal konnten, dennoch tat es unheimlich weh, Schwangere zu sehen. Denn die anderen durften schwanger sein, aber ich selbst nicht mehr. In der Zeit habe ich aber auch sehr viel Unterstützung erfahren – von meinem Mann, der selbst sehr ergriffen und betroffen war, sowie von meiner Familie und meinen Freundinnen. Mittlerweile habe ich das Erlebnis soweit gut verarbeitet. Mir hat vor allem geholfen, auf meinem Blog darüber zu schreiben.

Bei meiner nächsten Schwangerschaft hatte ich bis zuletzt Angst, dass etwas passieren könnte

Betroffenen möchte ich raten, unbedingt darüber zu sprechen. Am Anfang findet man vielleicht keine Worte, doch die werden kommen. Es gibt auch Selbsthilfegruppen und Vereine, die in solchen Fällen unterstützen und man hat zudem nach einer Fehlgeburt, egal in welcher Woche, ein Anrecht auf eine Nachsorge-Hebamme. All das weiß ich jetzt. Das Einzige, was es leider nicht zu geben scheint, sind Rückbildungskurse explizit für Mütter, die ihr Kind verloren haben. Bei so einem Kurs wird der Körper gestärkt und besonders der Beckenboden trainiert, der durch Schwangerschaft und Geburt gelitten hat. Das hilft beispielsweise eine leichte Inkontinenz beim Niesen oder Husten wieder zu beheben.

Ich selbst habe durch den frühen Zeitpunkt keinen dieser Kurse gebraucht, aber ich glaube, dass es im Falle einer später auftretenden Fehlgeburt unglaublich grausam ist, einen Kurs mit frisch entbundenen Mamas und ihren Babys belegen zu müssen. Da muss im Gesundheitssystem definitiv nachgebessert werden.

Mittlerweile habe ich das große Glück, wieder Mama geworden zu sein. Dieses Mal lief alles unkompliziert, dennoch hatte ich bis zum Schluss Angst, dass noch etwas passieren könnte. Seit der Geburt unseres vierten Kindes sind wir nun komplett und für mich ist der Kinderwunsch somit abgeschlossen. Zum Teil aber auch, weil ich diese Ängste nie wieder erleben möchte.

kinderkriegenkolumne fehlgeburt
  • teilen
  • schließen