Jungs, denkt ihr über die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere nach?

Irgendwie haben wir nicht so das Gefühl.
Von Charlotte Haunhorst und Raphael Weiss
jm frage kinder karriere

Foto: rclassen / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Liebe Jungs,

wann immer wir Frauen darüber sprechen, ob wir überhaupt Kinder wollen, kommt es ziemlich schnell zu dieser Frage: Wie geht das mit dem Job zusammen? 

Das ist dann der Ausgangspunkt für ziemlich viele weitere Fragen: Wie lange werde ich aussteigen müssen? Kann und will ich danach Vollzeit arbeiten? Was kostet eigentlich ein Kitaplatz? Wird mein*e Chef*in mich danach überhaupt noch eines Blickes würdigen? Und kann ich mir das alles überhaupt leisten? Und je mehr wir darüber nachdenken, umso mehr wollen wir uns oft die Haare raufen und weinend zusammenbrechen. Weil das alles so wahnsinnig kompliziert ist, keine*r einem sagen kann, wie genau das im eigenen Fall jetzt ablaufen wird und ob man sich am Ende nicht vielleicht doch einfach zwischen Kind und Karriere entscheiden muss und eigentlich nur verlieren kann. 

2018 nahm nur jeder dritte Vater überhaupt Elternzeit

Wenn wir mit euch über das Thema sprechen, seid ihr zwar schon oft empathisch, sagt Dinge wie „Jaja, das kriegst du schon hin“ oder „Wir werden eine Lösung finden“. Was ihr allerdings ziemlich selten sagt: „WAH, OH GOTT, ICH DENK DA AUCH STÄNDIG DRÜBER NACH, WIE SOLL ICH KIND UND KARRIERE NUR ZUSAMMENKRIEGEN???“

Nun könnte man natürlich ziemlich simpel argumentieren und sagen: Das Thema geht euch nun mal auch statistisch nix an. 2018 nahm nur jeder dritte Vater überhaupt Elternzeit, die durchschnittliche Dauer waren drei Monate. Zur Einordnung: Prinzipiell sind zwölf Monate bezahlte Elternzeit alleine möglich, wenn ein Elternteil mindestens zwei Monate nimmt und der andere den Rest sogar 14. Nur jeder vierte Vater arbeitet nach der Elternzeit in Teilzeit. 

Nun beharrt ihr ja auch sonst immer drauf, nicht einfach eine Zahl in einer Statistik zu sein und wir behaupten jetzt einfach mal, dass ihr als moderne Männer natürlich zukünftig alles ganz anders machen wollt als die Generationen vor euch.

Deshalb die Frage: Jungs, inwiefern denkt ihr über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nach? Wie stellt ihr euch das vor? Habt ihr Angst, eure Karriere damit zu zerschießen? Angst vor Altersarmut? Oder träumt ihr eigentlich davon, viel Zeit mit eurem Kind zu verbringen und traut euch nur nicht, das wegen patriarchaler Rollenbilder, aka euer Vater hat auch immer die Familie ernährt, laut zu sagen?  

Also, erzählt uns von euren Familienfantasien. Wir werden auch ganz empathisch sagen „Das kriegst du schon hin!“

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:

Liebe Mädchen,

zunächst einmal: Ja, ihr habt Recht. Männer machen sich weniger Gedanken darum, wie sie Beruf und Familie miteinander vereinbaren können, als Frauen. Ja, ihr habt Recht, das ist nicht fair und ja, Männer nehmen viel zu wenig Elternzeit.

Klar, gibt es dieses alte Bild: Der Vater als Versorger, die Mutter als Kinderbeauftragte, die ein, zwei Stündchen in der Woche arbeiten darf, wenn sie Lust darauf hat. Aber dieses Bild bröckelt. 

Ich persönlich möchte nicht das Aufwachsen meiner Kinder verpassen und gleichzeitig die komplette Verantwortung meiner Partnerin zuschieben.  Auch kein junger Mann in meinem Freundeskreis wünscht sich so ein Familienmodell. Für mich steht es außer Frage, dass ich Elternzeit nehmen werde. Ich möchte genauso viel Verantwortung haben, ich möchte genauso wichtig für meine Kinder sein.

Die deutlich geringere Elternzeit bei Vätern ist erschreckend. Und natürlich liegt das vor allem daran, dass viele Männer immer noch der Familienernährer sind oder sein wollen. Aber was die Statistik nicht sagt, ist, dass es Männern von Arbeitgebern deutlich schwerer gemacht wird, Elternzeit zu nehmen als Frauen. Viele Männer, die es trotzdem tun, berichten von Mobbing, wütenden Chefs, Kündigungen und Drohungen. Nicht nur von ihren männlichen Kollegen. Es wird noch sehr viel Zeit brauchen, bis der Großteil der Gesellschaft und besonders die Arbeitswelt begriffen haben wird, dass viele Männer nicht nur gleichberechtigt sein wollen, sondern dass ihnen tatsächlich auch das Recht darauf zusteht.

Wir haben dieses Urvertrauen, dass alles schon irgendwie laufen wird

Dass wir trotzdem nicht gemeinsam mit euch ausflippen und in den Kanon einstimmen und schreien: „FUCK ICH WERDE RAUSGESCHMISSEN UND DANN STEHEN WIR BEIDE OHNE JOB DA UND ALLES WIRD EINE KRASSE KATASTROPHE“ – das liegt vielleicht daran, dass wir uns noch nicht so wirklich vorstellen können, wie es sein wird, dieses Gespräch mit unserem Chef oder unserer Chefin zu führen und dass wir es gewohnt sind, dass es für uns halt irgendwie schon laufen wird. Dieses Urvertrauen, das man wahrscheinlich nur haben kann, wenn man von Geburt aus an der privilegiertesten Position in der Gesellschaft steht und weiß, dass alles irgendwie schon gut gehen wird.

Und jetzt noch ein kleiner Versuch der Ehrenrettung älterer Männer, die keinen Tag Elternzeit genommen haben: Ich weiß, dass mein Vater, auch wenn er sehr viel gearbeitet hat und viel beruflich unterwegs war, das nicht nur aus einem egomanischen Selbsttrieb gemacht hat. Wir haben in den vergangenen Jahren viel miteinander darüber gesprochen. Auch wenn er es heute bereut, selten bei der Familie gewesen zu sein – es ging ihm dabei auch um Familienplanung, darum, dass seine Kinder abgesichert sind, dass genug Geld da ist, um auch härtere Zeiten zu überstehen. Aber wir können ja zum Glück aus den Fehlern unserer Eltern lernen und ein besseres und gerechteres Leben für uns alle anstreben.

Mit plötzlich doch leicht nervöser Stimme

Eure Jungs

jm frage kinder karriere
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