„Elternschaft wird überromantisiert“

In unserer neuen Kolumne geht es ums Kinderkriegen. Folge zwei: Özlem möchte das nicht.
Protokoll von Sina Pousset

Illustration: Julia Schubert

Vater + Mutter = Kind – das war einmal. Heute ist die Frage nach der Familienplanung hochpolitisch. Will man überhaupt welche? Was bedeutet das für die Beziehung? Und wenn man sich dafür entscheidet – geht das dann so einfach? In dieser Kolumne erzählen Menschen von ihrer Entscheidung für und gegen Kinder. 

Özlem ist 27 Jahre alt, heißt eigentlich anders – und will keine Kinder. Sie erzählt:

Vor kurzem war ich bei einer Freundin zu Besuch, die gerade ein Baby bekommen hatte. Ihr Vater war auch da. Als sie das Kind wickeln ging, machte er den Kommentar, ich könne ja mitgehen und „schon einmal üben“. Das hat sich kurz angefühlt wie ein angerostetes Korsett, das mir die Luft zum Atmen nimmt.

Kinderwollen scheint der Konsens zu sein. Viele sind erstaunt, wenn ich erwähne, dass ich eigentlich keine Kinder will. Schon die Nachfrage „Und warum willst du keine Kinder?" irritiert mich. Sie suggeriert, dass ich damit von der Norm abweiche und dass diese Abweichung erklärungsbedürftig ist.

„Wie sehr ist es eigentlich antrainiert, dass wir Frauen uns für Kinder interessieren müssen?“

Eine symptomatische Szene: Mit einer Gruppe toller junger Frauen saß ich an einem Tisch im Café, da begannen neben uns ein paar Kinder zu spielen. Die gesamte Aufmerksamkeit des Tischs verlagerte sich von unserem angeregten Gespräch plötzlich zu den Kindern. Mich hat dieser Automatismus total irritiert. Wäre das bei einer Gruppe Männern auch so gewesen? Und ist der Kinderwunsch jeder einzelnen Frau an diesem Tisch wirklich so stark, wie diese kollektive Reaktion suggeriert? Wie sehr ist es eigentlich antrainiert, dass wir uns als Frauen für Kinder interessieren müssen?

„Familie ist das Wichtigste“ ist auch so ein anachronistischer Satz, den ich häufig höre. Klar, eine intakte Familie kann wunderschön sein. Aber warum muss sie denn automatisch „das Wichtigste“ sein? Ich habe den Eindruck, dass „Blut“ noch immer zum stärksten sozialen Kitt stilisiert wird.

Meinem Empfinden nach ist es überhaupt nicht selbstverständlich, dass Menschen Kinder haben oder haben wollen. Diese Entscheidung verändert dein Leben total. Sie bringt Verantwortung mit sich und macht zum Beispiel bestimmte Formen des Alleinseins schwieriger oder unmöglich. Ein Kind zu bekommen, funktioniert wahrscheinlich auch besser in einer stabilen Partnerschaft – oder in einem stabilen Sozialverbund mit einigen wenigen, festen Bezugspersonen. Das haben und möchten aber nicht alle. Warum also sollte das Kinderkriegen selbstverständlich sein?

„Zu sagen, dass Kinder einem nicht auch etwas nehmen würden, finde ich unehrlich“

Ich finde, auf Kinder muss man richtig Bock haben – und den habe ich einfach nicht. Ich bin gerne tagelang alleine, lese, schreibe, liege auf meinem Teppich oder tanze durch meine Wohnung, sehe erst spät am Abend enge Freunde. Ich brauche das Alleinsein und möchte keine allzu eingefahrenen Routinen haben, die Kindern wahrscheinlich gut tun würden. Ich mag es, von der Bildfläche verschwinden zu können, ans Meer zu fahren, mit wem ich will, wann ich will. Zu sagen, dass Kinder einem nicht auch etwas nehmen würden, finde ich unehrlich. Stattdessen wird Elternschaft überromantisiert.

Manche Kinder finde ich interessant, cool, schön und klug. Sicher sind Kinder bereichernd, man lernt bestimmt dazu – nicht nur, weil man ständig erklärt, sondern weil man Perspektiven wechselt, bestimmte Gefühlslagen erst kennenlernt, liebt und zurückgeliebt wird. Das alles heißt für mich aber nicht, dass ich selbst welche großziehen möchte.

Ich weiß auch, dass ich den schwangeren Körper nicht schön finde. Mehr noch: Ich weiß ganz sicher, dass ich ohnmächtige Wut über diesen überzeichneten Körper, der „weiblich“ schreit, spüren würde; dass mein schwangerer Körper sich falsch anfühlen würde, wie einer, mit dem ich mich am allerwenigsten identifizieren könnte. Ich identifiziere mich zwar als Frau, aber mag die limitierenden Klischees nicht, die dieser Körper ausstellt: Die Frau als „Mutter“, deren Existenz sofort an Fruchtbarkeit gebunden wird. Ich mag androgyne Körper, trage selbst oft Kleidung meines Freundes, früher meines Bruders und meines Vaters. Ideal wäre, wenn „Geschlecht“ als Kategorie in der Gesellschaft keine große Rolle mehr spielt.

„Nur ein Lebewesen zu wollen, das einem selbst genetisch ähnelt, scheint mir narzisstisch“

Ich verstehe auch nicht, warum „Kinder wollen“ oder „Kinder kriegen“ automatisch heißt: leibliche Kinder bekommen. Wenn man Liebe und Umsicht geben kann und möchte, warum dann keine Kinder adoptieren? Nur ein Lebewesen zu wollen, das einem selbst genetisch ähnelt, erscheint mir ein bisschen narzisstisch.

Allerdings bevorzugt eine Adoption wegen der Gesetzeslage „konservativere“ Formen des Zusammenlebens, ganz konkret: die Ehe. An der Ehe stört mich, dass sie „Zweisamkeit“ predigt, dass sie historisch ein wichtiger Teil des Patriarchats ist, und dass sie die „Bringschuld“ umkehrt. Ich möchte eine Beziehung nicht für immer versprechen, sondern mich immer wieder für sie entscheiden.

Natürlich fühle ich mich gesellschaftlich unter Druck gesetzt, Kinder wollen zu müssen. Solange immer mal wieder die Geburtenrate eine Top-Nachricht ist und die Abtreibungsparagraphen wie bisher im Strafgesetzbuch dieses Landes stehen, wird das so bleiben. Den Mutter-Mythos gibt es noch und der soziale Druck ist real.

Ich kenne nur eine junge Frau, eine gute Freundin, die schon als Teenagerin immer wieder gesagt hat: Ich möchte keine Kinder haben. Dagegen kenne ich viel mehr Frauen, die mir im Laufe der Jahre schon gesagt haben, dass sie Kinder möchten. Ich wüsste gerne, ob diese Frauen das wirklich so meinen oder ob die Frage für sie insgeheim sehr viel ambivalenter ist oder sich ganz anders stellen würde, wenn wir anders darüber sprechen würden. Und natürlich, ob Männer genauso darüber nachdenken würden.

Schon als Kind haben mich Kindergeburtstage beeindruckt, bei denen die Elternteile ihre Kinder alle gleich behandelt haben. Die keine Unterschiede gemacht haben zwischen leiblich und nicht-leiblich. Das würde ich mir auch für den Umgang unserer Gesellschaft mit Kindern wünschen. Und, dass diejenigen, die keine Kinder wollen, genauso selbstverständlich sind. Dass ihnen der wirklich dumme Vorwurf „Du bist doch bloß egoistisch“ erspart bleibt und dass sie diese Entscheidung so frei treffen können, wie jede andere in ihrem Leben auch.

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