„Man wählt den Spender nach Eckdaten aus: Größe, Augenfarbe, Haarfarbe“

Will ich Kinder? Und wenn ja, wie? In unserer neuen Kolumne geht es um diese Entscheidung. Folge 1: Per Samenspende zum Kind.
Protokoll von Sina Pousset

Illustration: Julia Schubert

Vater + Mutter = Kind – das war einmal. Heute ist die Frage nach der Familienplanung hochpolitisch. Will man überhaupt welche? Was bedeutet das für die Beziehung? Und wenn man sich dafür entscheidet – geht das dann so einfach? In dieser Kolumne erzählen Menschen von ihrer Entscheidung für und gegen Kinder. 

Franci, 31, lebt mit ihrer Frau Linda und ihrem Sohn Jonte (23 Monate), der von einem privaten Samenspender aus Holland stammt, in NRW.

Foto: privat

„Linda und ich sind seit über acht Jahren zusammen, seit anderthalb Jahren verheiratet. Wir sind beide Familienmenschen. Dass wir uns Kinder wünschen, war klar, nur nicht wie. Gemeinsame Adoption war zur Zeit unserer Familienplanung verboten. Beim Durchgehen der Optionen blieb nur eine, die für uns realistisch war: Eine Schwangerschaft mithilfe einer Samenspende.

In Deutschland gibt es nur wenige private Kliniken, die Insemination für lesbische Paare durchführen, obwohl das nicht gegen das Gesetz ist. Solche Kliniken sind sehr teuer und ermöglichen die Spende nur anonym. Das kam für uns nicht infrage. In unserem Freundeskreis stellte ein Kind ihren Mamas mal die Frage: Wer ist denn eigentlich mein Papa? Und ich möchte nicht sagen müssen: Das wissen wir nicht. Ich will auch nicht den Wunsch, ein Kind zu haben, über dessen Anspruch auf Kontakt zum Vater stellen. So würde ich ja für mein Kind entscheiden.

Die Frage war also: Wie findet man jemanden, der den Samen spendet und Kontakt will? Im Internet kann man sich auf Websites für private Samenspender ein Profil erstellen. Das ist schon eine komische Welt, es gibt viele Angebote, bei denen man sich nach der Ernsthaftigkeit fragt. Wir waren kritisch: Wie viel geben wir hier von uns preis? Wir haben einen Steckbrief ausgefüllt und ein Foto mit Sonnenbrille hochgeladen. Unsere Berufe haben wir nicht verraten. Wir haben versucht, kurz aber persönlich zu bleiben. Man schreibt ja nicht: Wir wünschen uns ein Kind, liebe Grüße.

Man wählt den Spender nach Eckdaten aus: Größe, Augenfarbe, Haarfarbe. Die Preise für die Spende verhandelt jeder selbst. Manche haben uns aktiv kontaktiert, das fand ich komisch – ich will als Frau ja was von ihnen. Andere wollten nur die Fahrt- und Hotelkosten erstattet haben. Dabei ist es ja kein typisches Hobby, als Spender durch Deutschland zu reisen. Ein Mann hatte ein ansprechendes Profil, der Kontakt war nett. Dann kam raus, dass er das Kind vor seiner Partnerin und Freundeskreis geheim halten wollte. Das entsprach nicht unseren Vorstellungen.

Wir benutzten die Bechermethode

Nach drei Monaten fanden wir unseren Spender, einen Holländer, der auf diese Weise schon elf Kinder gezeugt hatte. Er hatte einen Text mit vielen Infos, nicht nur kurz und oberflächlich, sondern authentisch. Anfangs überlegten wir: Ist es uns wichtig, jemanden zu finden, der noch gar keine Kinder hat? Aber das ist eine unrealistische Wunschvorstellung. Meistens wollen die Männer dann das Umgangsrecht mit ihrem Kind, das wollten wir allerdings auch nicht.

Wir waren zum Urlaub sowieso in Holland, gerade hatte mir Linda dort einen Heiratsantrag gemacht. Da schrieb er: „Treffen wir uns morgen, um uns persönlich kennenzulernen?“ Wir gingen erst mal in ein Café zum Reden, ich war total nervös, Linda total entspannt. Das Gespräch ging anderthalb Stunden und war sehr locker. Wir hatten auf dem Heimweg schon ein gutes Gefühl. Trotzdem mussten wir das erst Mal sacken lassen.

Nach einer Woche schrieben wir ihm, dass wir ihn gern als Spender hätten. Er schrieb zurück: „Ihr werdet zwei interessante und spannende Mütter sein.“ Ein paar Monate später trafen wir uns dann im Hotel hinter der holländischen Grenze. Kurz vor unserer Abfahrt stellten wir fest, dass mein Eisprung wahrscheinlich nicht wie ausgerechnet stattfinden wird. Es war also absehbar, dass das erste Mal in die Hose geht. Dadurch gab es weniger Druck, kein „Es muss jetzt funktionieren!“ Wir benutzten die Bechermethode, das heißt, der Mann verschwindet im Bad und man führt den Samen dann selbst ein. Beim zweiten Versuch hat es geklappt. Er wollte nur 175 Euro für seinen Test auf HIV und Geschlechtskrankheiten, da das in Holland nicht von der Kasse übernommen wird.

Seit Januar hat Jonte offiziell zwei Mamas

Nach der Geburt haben waren wir zu dritt beim Notar. Linda und ich haben erklärt, dass der Spender keinerlei rechtliche Pflichten gegenüber Jonte hat und wir keinen Unterhalt einfordern. Er hat sich außerdem einverstanden erklärt, dass Linda Jonte adoptiert. Dass auch die zweite Mutter das Kind adoptieren kann, ist oft ein langer, steiniger Weg. Man wird durchleuchtet, körperlich und psychisch, muss die Beziehung zum Kind beschreiben – wie man sich verhält, wenn das Kind austickt, ob man eine gute Mutter ist. Eigentlich unmöglich, wo man da durch muss.

Ich hoffe, dass sich das noch ändert. Man ist nicht automatisch eine gute Mutter, nur weil das Kind im eigenen Leib gewachsen ist. In Neuseeland kann man von Anfang an zwei Mütter eintragen, da gibt es kein Sich-Beweisen-Müssen.

Im Oktober vergangenen Jahres stellten wir dann den Antrag auf Stiefkindadoption, da man dafür ein Jahr verheiratet sein muss. Anfang Januar war der Termin zur Anhörung. Das fand ich sehr schnell. Wir mussten bestimmt zwanzig Dokumente vorlegen, alles vom Familienfoto über den Lebenslauf bis hin zur Beziehungsgeschichte. Am Ende waren wir vielleicht fünf Minuten im Saal. Im Prinzip war das Prozedere ein Witz. Die einzige Frage der Richterin an Linda war, ob sie schon eine Beziehung zum Kind aufgebaut hat. Auf der einen Seite war ich überrascht, weil ich dachte, der Termin würde sich für mich wichtiger anfühlen. Auf der anderen Seite dachte ich: Dann ist es für die Richterin auch eindeutig. Es gibt nichts mehr dran zu rütteln. Seit Januar hat Jonte offiziell zwei Mamas.

Im Sommer wird unser Sohn zwei Jahre alt. Wir sind gerade in unser erstes gemeinsames Haus gezogen. Viele unserer Nachbarn sind eine Generation älter, da denkt man vielleicht schon: Wie reagieren die jetzt darauf? Aber wir sind so herzlich aufgenommen worden. Sie passen auf Jonte auf oder helfen uns bei der Gartenarbeit, während die anderen das Kind bespaßen. Keiner hat was blödes gefragt oder gesagt. Das liegt vielleicht auch daran, wie normal wir damit umgehen.

In unserem Kindergarten, der eine Elterninitiative ist, gehörten wir zu den drei Familien, die aus zwanzig Bewerbern ausgewählt wurden. Es ist schön zu merken, dass sie offen sind und es auch für sie dazugehört, eine Familie in anderer Konstellation mit dabeizuhaben. Blicke in der Öffentlichkeit bemerke ich selten, das habe ich mittlerweile ausgeblendet.

Seinen Vater hat Jonte bis jetzt einmal gesehen. Er war damals acht Monate alt, und hat noch nicht verstanden, wer das ist. Aber die beiden hatten sofort einen Draht zueinander. Sein Vater hatte ihn auf dem Arm und hat ihn gefüttert. Wir schicken ihm regelmäßig Fotos, worauf er sich immer total lieb meldet.

Wir wünschen uns noch ein zweites Kind vom selben Spender, diesmal wird Linda die leibliche Mutter sein. Eine Schwangerschaft wollten wir beide gern erleben. Wir sprechen schon darüber, aber konkret steht es für uns noch nicht an. Wir haben auf jeden Fall nie daran gezweifelt, ob es die richtige Entscheidung war, den Weg so zu gehen.“

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