„Die Männer haben bestimmt, was für mich Sünde war“

Fast ihr ganzes Leben verbrachte Rebecca in Angst vor der Hölle, den Verführungen des Teufels und davor, verfolgt zu werden.
Illustration: FDE

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Wenn man Rebecca* heute kennenlernt, sieht man ihr all das Leid gar nicht an. Sie sieht immer noch aus wie die zierliche, junge Frau, die man vor ein paar Jahren in ihrer Freikirche hätte treffen können. Man merkt ihr nicht an, dass sie seit frühester Kindheit Angst vor der Hölle, der Welt und den Menschen hatte. Angst davor, keine gute Christin zu sein. Angst vor den Verführungen des Teufels. Angst vor der Endzeit, in der Christ:innen verfolgt und ermordet würden. Ein Leben nach ihrem 30. Geburtstag war für Rebecca unvorstellbar. Zuvor würde der Tag des Jüngsten Gerichts kommen und sie würde an der Seite von Jesus ihr Leben als Märtyrerin geben, da war sie sich sicher. Heute ist Rebecca 25* und hat ihre Ängste besiegt.

Die fundamentalistische Freikirche, in der Rebecca aufgewachsen ist, hat sie vor zwei Jahren verlassen – und damit auch ihr früheres Leben. Wenn sie heute davon erzählt, spricht sie von einem Leben, das von der Bibel bestimmt war; genauer gesagt von den Ältesten der Gemeinde, die die Bibel interpretierten. Allen voran erinnert sich Rebecca an ihn: Den Kopf der Gemeinde, den spirituellen Leiter und Prediger mit vermeintlich direktem Draht zu Gott. Um ihn herum gab es eine Handvoll verheirateter Männer, die das Gemeindeleben und die Bibelkreise leiteten. Dort wurde jeder Aspekt des Lebens auf das gute Christsein beleuchtet – bis ins Intimste. Rebecca sagt, diese Männer haben bestimmt, was für sie Sünde war: welche Kleidung zu eng, welche Filme zu weltlich, welche Gedanken zu lüstern. Ganz zu schweigen von Homosexualität, Selbstbefriedigung oder Freundschaften zwischen Jungs und Mädchen – alles Sünde, meinten die Gemeindeältesten. „Das war es, was mich am meisten zerstört hat: Diese Übergriffigkeit in jeden Teil meines Lebens“, sagt Rebecca heute.

In diesen Momenten blitzt ein Funke der ganzen Wut auf, die Rebecca in sich trägt. Ihre sonst so ruhige Stimme beginnt zu beben und sie wählt ihre Worte auf einmal weniger bedächtig als sonst. Aber diese Momente sind selten: Meistens achtet Rebecca darauf, dass ihre Haare immer eine Hälfte ihres Gesichts bedecken, wenn sie vor der Laptopkamera über ihre Traumata spricht. Als wären sie ihr Schutzschild. Sie sagt dann ein zartes „Jo, so woa des“ in ihrem Dialekt daher, obwohl sie gerade vom letzten verbliebenen Grund ihrer Zerrissenheit erzählt: ihrer Familie. Rebeccas Eltern und ihre zwei älteren Brüder sind nämlich bis heute Teil der fundamentalistischen Gemeinde und leben ein gottesfürchtiges Leben in Erwartung der Endzeit. Seit Rebecca nicht mehr glaubt, hat sie kaum noch Kontakt zu ihnen. Zu viel Schmerz, zu viele Konflikte sind für sie mit diesem Glauben verbunden. Die einzige Brücke zu ihrem alten Leben bleibt Rebeccas Mutter. „Sie ist eben eine echte Mama für mich, vielleicht mehr, als ich es mir eingestehen will“, sagt Rebecca. 

„Wenn der Mensch in dieser Weise stirbt, dass er Gott nicht anerkennt, dann ist es vorbei“

Am Telefon erzählt Rebeccas Mutter, ihre Tochter sei der Mittelpunkt der Familie gewesen. Sie habe schon immer „die Hand Gottes gespürt in Rebeccas Leben“. Manchmal hat diese Hand ihre Tochter erdrückt. „Das war mir damals nicht bewusst”, sagt Rebeccas Mutter heute.

Was denkt sie darüber, dass Rebecca nicht mehr glaubt?

„Ich bete jeden Tag für sie“, sagt Rebeccas Mutter. „Aber ich denke, dass sie wieder zurückkommt zu Gott.“.

Und was, wenn nicht? 

„Wenn der Mensch in dieser Weise stirbt, dass er Gott nicht anerkennt, dann ist es vorbei.“ Vorbei, das heißt für Rebeccas Mutter: Ihre Tochter käme in die Hölle, für immer.  

Trotz all dieser angstvollen Erinnerungen und Erzählungen ist ihre Mutter der Grund, warum Rebecca ihr altes Leben noch nicht ganz zurücklassen kann: „Es würde mich zerreißen, sie zu verlieren.”

Der Einzige, der Rebecca immer unterstützt hat, war Fabi*. Kennengelernt haben sie sich bei einem Jesus-Festival, da war Rebecca 13. Andere Jugendliche entdecken in diesem Alter ihre Sexualität. Für Rebecca war das „ein konstanter Kampf gegen mich selbst“, erinnert sie sich. Fabi und Rebecca sollten „rein“ bleiben bis zur Ehe, erst dann würden sie gesegnet sein. Also war sechs Jahre lang alles Sünde zwischen Fabi und ihr. Sexuelle Gedanken. Unbedachte Berührungen. Ein Filmabend auf der Couch. Gott war immer mit im Schlafzimmer. Als Rebecca 19 war, haben die beiden geheiratet. Sie waren verliebt – aber eine Hochzeit aus freien Stücken war es trotzdem nicht. Eher ein Ausweg aus der Sünde. „Ich fühle mich beraubt“, sagt Rebecca heute. Nicht nur der freien Entscheidung, auch der Unbeschwertheit. Vom Segen war in der Hochzeitsnacht nichts zu spüren. Es war nur Sex – und die erste große Ernüchterung ihres Glaubens. 

Die Menschen, von denen sich Rebecca Unterstützung erhofft hätte, haben den Übergriff totgeschwiegen

Und dann kam der Tag, an dem Rebeccas Abkehr vom Glauben tatsächlich begann. Nach dem Abi half sie Geflüchteten in einer Unterkunft beim Deutschlernen und bei den Hausaufgaben. Einmal war sie allein mit einem Mann in seinem Zimmer, als er plötzlich anfing, sie zu berühren. Rebecca konnte sich losreißen und fliehen, aber das Trauma sitzt noch heute tief. Vor allem, weil sie danach allein gelassen wurde. Die Menschen, von denen sich Rebecca Unterstützung erhofft hätte, haben den Übergriff totgeschwiegen. Zu schambehaftet war das ganze Thema für ihre Familie und ihre Freunde aus der Gemeinde. Einmal sagte jemand zu ihr, sie müsse sich ja auch nicht wundern, wenn sie mit einem fremden Mann allein gewesen sei. „Dann habe ich erst wirklich gemerkt, wie gemein mein Umfeld ist“, sagt Rebecca.

Immer mehr Zweifel an ihrem Glauben kamen in ihr auf. Rebecca lernte beim Studium neue Menschen kennen: strenggläubige Muslime, Homosexuelle, Andersgläubige und Atheisten. Sie fragte sich: „Warum lässt Gott sie alle so verdammt glücklich sein? Und warum sind sie so nett, obwohl sie Jesus nicht folgen?” Rebecca fing an, ihren Glauben zu dekonstruieren: die Unfehlbarkeit der Bibel, die lauernden Dämonen, die Höllenangst, alles kam auf dem Prüfstand. Zum ersten Mal in ihrem Leben stellte sie Fragen, erkannte Widersprüche. Ein schmerzhafter Prozess. Aber Fabi war an Rebeccas Seite. Gemeinsam entfernten sie sich Schritt für Schritt von der Gemeinde – und von Gott.

Am Ende ihrer Dekonstruktion war vom Glauben nichts mehr übrig. „Ich habe nur noch wenig Respekt vor religiösen Gefühlen”, sagt Rebecca heute, „mir geht es um das Wohl der Menschen”. Die Gemeinde, in der sie aufgewachsen ist, bezeichnet sie mittlerweile als Sekte: „Sie schotten sich ab, lassen keine Widerrede zu, keinen Austausch.“ 

Was ist dran an Rebeccas Anschuldigungen? Ulrike Schiesser ist Psychologin bei der österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen und beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit Sekten. Sie erklärt: „Man spricht von sektenartigen Strukturen. Und die können überall auftreten: In religiösen Gemeinschaften, Firmen, Sportvereinen, politischen oder esoterischen Gruppierungen“. Auch zu Rebeccas früherer Gemeinde gab es bereits Anfragen bei der Bundesstelle. Der Expertin sind aber keine näheren Informationen zu sektenartigen Strukturen dort bekannt.

Doch wie würde man die überhaupt erkennen? Schiesser nennt dazu fünf Kriterien: eine wahrheitsbestimmende Führungsperson, die strenge Abgrenzung nach außen, ein einfaches Schwarz-Weiß-Denken, die Unterdrückung interner Kritik und die Auswirkung in jegliche Lebensbereiche. Ulrike Schiesser sagt, es sei völlig okay, wenn Rebecca wütend ist und das Wort „Sekte” benutzt. „Für die Aussteiger ist es oft ein Empowerment, wenn sie merken: Mit dieser Zuordnung zur Struktur verstehe ich endlich, was da eigentlich war.“ Und tatsächlich erzählt auch Rebecca, es habe ihr Kraft gegeben, ihre Vergangenheit klar zu benennen. Erst zwei Jahre sind seit ihrem Ausstieg vergangen, aber es wirkt, als habe sie schon heute eine kritische Distanz zu ihrem alten Leben aufgebaut. Und Rebecca ist entschlossen, anderen Menschen zu helfen, die unter ihrer religiösen Erziehung gelitten haben, so wie sie.

Rebecca ist zur Hassfigur der konservativen und fundamentalistischen Christ:innen geworden

Deshalb hat sie angefangen, öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen. Rebecca hat ein Netzwerk für Freikirchenaussteiger:innen mit aufgebaut und leitet mehrere Gruppen, in denen sie andere ermutigt, „Cycle-Breaker“ zu sein, wie sie sagt, also aus dem Kreis aus Glaube und Angst auszubrechen. Über 200 Menschen sind dem Netzwerk bisher beigetreten. Die meisten von ihnen sind in strengen Freikirchen aufgewachsen. Einige glauben immer noch, andere wollen mit Religion nichts mehr am Hut haben. Für sie gibt es getrennte Gruppen, einen faith-space und no-faith-space. Offenheit und Rücksicht sind für Rebecca dabei aber am wichtigsten, jeder Geschichte soll genug Raum gewährt werden.

Durch ihr Engagement ist sie zur Hassfigur vieler konservativer und fundamentalistischer Christ:innen geworden. Häufig bekommt sie Nachrichten, die ihr die Hölle wünschen oder hört von Gläubigen, die hinter ihrem Rücken schlecht über sie reden. Rebecca hasst Konflikte, immer schon. Aber sie bestimmen nun mal ihr Leben. Und deshalb hat sie hat auch einen Weg gefunden, mit ihnen umzugehen: Die Ablehnung verwandelt sie in Tatendrang. Dennoch wird es ihr manchmal zu viel mit dem ganzen Hass und den schmerzhaften Erinnerungen. „Ich habe schon genug Zeit mit meiner Vergangenheit verschwendet“, sagt sie. Genug mit dem, was war. Deswegen hat sie sich entschieden, ihren Namen aus der Öffentlichkeit rauszuhalten.

Rebecca sagt, sie spüre keine Leere, da wo ihr Glaube früher war. „Jetzt sehe ich die Welt endlich in Farbe und das will ich genießen. Aber ich vermisse es schon, zu wissen, dass am Ende alles gut wird.“ Einfache Antworten auf schwierige Fragen will sie nicht mehr. Und auch nicht mehr als Märtyrerin sterben. In fünf Jahren wird Rebecca 30 und sie plant schon ihr Leben danach gemeinsam mit Fabi. Ein Leben nach dem Glauben – und nach der Vergangenheit.

*Die Namen aller Protagonist:innen wurden geändert, sind der Redaktion aber bekannt. 

*Weil Rebecca nach der Veröffentlichung dieses Textes Angst hat, dass sie trotz verändertem Namen erkannt werden könnte, wurden einzelne Details aus diesem Text am 7. Oktober gestrichen.

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