„Ich glaube, dass viele Menschen jetzt aus der Kirche austreten, um ihren Glauben zu retten“

Daniela Ordowski setzt sich im Bund der Deutschen Katholischen Jugend für mehr Frauenrechte in der Kirche ein.
Foto: Privat

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Die Kritik an der katholischen Kirche wird seit der vergangenen Woche mit dem Segnungsverbot für homosexuelle Paare immer lauter. Und mittlerweile wächst auch der Widerstand innerhalb der Kirche. Über 230 Theologieprofessor*innen protestieren in einer Stellungnahme gegen die Diskriminierung homosexueller Menschen und einige Bischöfe sprechen sich öffentlich gegen das Verbot aus. Auch die Bundesvorsitzende der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) Daniela Ordowski empfindet die Beschlüsse als weltfremd. Die 27-jährige Politikwissenschaftlerin setzt sie sich für mehr Frauen- und Menschenrechte in der katholischen Kirche ein. Im Interview mit jetzt erzählt sie, was ihr trotzdem die Kraft und Willen gibt, noch an der Institution festzuhalten.

jetzt: Die Kirche segnet Motorräder, Autohäuser, Tiefgaragen – homosexuelle Menschen aber nicht. Wie stehst du als Vertreterin junger Katholik*innen dazu? 

Daniela: Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, was die Kirche alles segnet und gleichgeschlechtliche Paare nicht. Dabei ist ja eigentlich Gott* diejenige, die segnet, und nicht die Kirche. Ich halte das schon fast für eine Frechheit, dass die katholische Kirche sich rausnimmt, das entscheiden zu können. Ich bin der Meinung, dass auch gleichgeschlechtliche Paare gesegnet werden sollten.

Wie reagieren denn die Mitglieder der Landjugend auf das Verbot?

Da ist unglaublich viel Wut, aber auch viel Unsicherheit. Es gibt viele junge Leute, die sich jetzt Gedanken machen, ob sie Teil einer Kirche sein möchten, die so offen diskriminiert.

Im Christentum gibt es das Gebot der Nächstenliebe. Sollte nicht eigentlich jeder Mensch vor Gott gleich sein?

Das sehe ich auf jeden Fall so. Ich glaube das ist etwas, dass gerade auch für uns junge Menschen unglaublich schwierig ist, zu verstehen: Wie man nach innen Nächstenliebe predigt und dann aber Menschenrechte an den Kirchenmauern abprallen lässt. Das macht die Kirche unheimlich unglaubwürdig.

„Das man sich so offen gegen Rom stellt, das ist so bisher noch nicht passiert“

Die Begründung für das Segnungsverbot, die aus dem Statement der vatikanischen Glaubenskongregation hervorgeht, ist unter anderem, dass die Ehe nach der Bibel nur zwischen Mann und Frau vollzogen werden darf. Braucht die Auslegung der Bibel hinsichtlich Sex eine Neuauflage?

Ja. Die Bibel kann nicht einfach aus der Zeit, in der sie verfasst wurde, herausgenommen und 1:1 in unsere Zeit hineingesetzt werden. Die Dinge wurden damals vor einem ganz anderen Kontext geschrieben. Auch dass die katholische Kirche Frauen diskriminiert, wird von einigen durch die Bibel begründet was in der heutigen Gesellschaft nicht mehr gerechtfertigt werden kann.

Theolog*innen protestieren öffentlich gegen das Segnungsverbot und einige Bischöfe wollen trotzdem homosexuelle Paare segnen. Nimmt der Widerstand gegen Anordnungen aus Rom zu?

Das man sich so offen gegen Rom stellt, das ist so bisher noch nicht passiert. Man spricht da momentan von pastoralem Ungehorsam, zu sagen, wir segnen Menschen weiterhin, auch wenn Rom etwas anderes gesagt hat. Ich hoffe, dass dieser Mut anhält.

Neben dem Segnungsverbot steht die Kirche stark in der Kritik für den Umgang mit Missbrauch in den eigenen Reihen. Welche Veränderungen braucht es da? 

Das wahre Problem ist, dass die Menschen den Schutz der Institution Kirche über den Schutz der Betroffenen stellen. Die Perspektiven der Betroffenen von sexualisierter Gewalt müssen in den Mittelpunkt rücken. Ich glaube, dass wir in der Kirche ernsthafte Aufarbeitung betreiben müssen.

Empfindest Du manchmal eine gewisse Scham für Aussagen oder Positionen der Kirche?  

Definitiv. Es vergehen sehr wenige Tage, an denen ich mich nicht für die Kirche rechtfertigen muss – und dass auch oft vor mir selbst. Aber ich habe für mich einfach entschieden: Solange ich in der Kirche für Veränderungen kämpfe, kann ich für mich rechtfertigen, dass ich da noch dabei bin. Wenn der Punkt kommt, an dem ich denke, es lohnt sich nicht mehr, weil ich glaube, dass sich nichts ändert, dann müsste ich vielleicht wirklich diese Kirche verlassen.

Wie sehr beschäftigt dich, dass immer noch alte Männer entscheiden und dabei die Veränderungen der Welt außer Acht lassen? 

Das Problem der Kirche momentan ist, dass sie sich immer mehr in die Bedeutungslosigkeit bewegt, weil sie so fern ist von der Lebensrealität der Menschen. Und zwar nicht nur von den Jüngeren. Die Aufgabe der Kirche ist es, uns zu begleiten. Aber wie will ich denn Menschen begleiten, wenn ich nur Regeln und Verbote aufstelle, die eigentlich keine Relevanz mehr haben, da sie so fernab der Realität sind. Und ja, das liegt mitunter daran, dass nur alte weiße Männer die Entscheidungen treffen. Wie möchten denn die Leute in Rom über Ehe und Sexualität sprechen, wenn sie selbst keine Erfahrungen haben. Oder Frauen aus Leitungsämtern der Kirche ausgeschlossen werden, obwohl sie 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

„Wir müssen Frauen zu Priesterinnen weihen, weil das echte Gleichberechtigung wäre“

Du bist Feministin und Katholikin. Wie geht das überhaupt zusammen?

Für mich persönlich geht das sehr gut zusammen. Ich hatte in meiner Jugend das Glück, in der Verbandsarbeit immer unglaublich viele Frauen als Vorbilder zu haben, ob als Gruppenleiterinnen oder in den Vorständen der Katholischen Jugendbewegung. Da habe ich immer gesehen, dass ich hier als Frau Verantwortung übernehmen kann. Aber in der Institution Kirche, in den Pfarreien, hatte ich oft das Gefühl, dass die finalen Entscheidungen dann doch der Mann trifft. 

Die Mitgliederzahlen der katholischen Kirche sinken immer weiter. Kann man das noch aufhalten?

Ich glaube, dass viele Menschen jetzt aus der Kirche austreten, um ihren Glauben zu retten. Mir ist aber unglaublich wichtig, dass diese Veränderungen, die die Kirche jetzt durchmachen muss, nicht passieren, um Menschen in der Kirche zu halten. Wir müssen Missbrauch aufarbeiten, weil wir Missbrauch aufarbeiten müssen. Wir müssen Frauen zu Priesterinnen weihen, weil das echte Gleichberechtigung wäre. Nicht als Mittel zum Zweck, um damit Leute in der Kirche zu halten.

Wie oft hast du in den vergangenen Wochen mit Freund*innen diskutiert, die das Vertrauen in die katholische Kirche endgültig verloren haben?

Ich habe viele E-Mails bekommen, aber auch auf Social Media haben sich viele gemeldet und ich kann die Leute auch verstehen. Auch ich habe teilweise meinen Glauben in die Institution verloren. Aber eben nicht ganz. Anfang der letzten Woche war ich nur wütend. Aber jetzt rückblickend ist da vor allem Hoffnung, weil unglaublich viele Menschen mutige Zeichen gesetzt haben.

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