Was du über uns wissen wollen könntest

Die SZ gibt es seit 75 Jahren, jetzt seit 27 Jahren. Ein Text über eine aufregende Zeit, in der wir uns ständig verändert haben.
Von Charlotte Haunhorst
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Die SZ wird 75, jetzt 27. Zeit für einen Rück- und Ausblick.

Illustration: FDE

Die SZ wird 75 – und wir als Enkel sind zur Party eingeladen, ganz herzlichen Dank dafür! Wie jeder anständige Millennial (jetzt ist immerhin auch schon 27 Jahre alt und fällt damit in diese Generation) wollen wir diesen Anlass nutzen, um über etwas zu sprechen, das uns wirklich sehr am Herzen liegt: uns selbst. 

Das erste jetzt-Magazin erschien gedruckt im Mai 1993 als Beilage der SZ. Idee war es damals, gezielt die Lebenswelt junger Menschen in der Zeitung vorkommen zu lassen – durch ein eigenes Heft mit eigener Redaktion. Das gedruckte Heft wurde im Jahr 2002 eingestellt, von 2011 bis 2017 gab es nochmal eine eher auf Karriere und Uni ausgerichtete Neuauflage. Und trotzdem ist die Idee von damals – Journalismus von jungen Menschen für junge Menschen – immer noch das, was unsere tägliche Arbeit bei jetzt prägt. Auch, wenn viele von uns das Original-Heft nur noch vom Blättern aus dem Archiv kennen.

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Der Dinosaurier unter den Jugendmagazinen: jetzt gibt es seit 1993.

Illustration: FDE

Die aktuellen jetzt-Redakteur*innen sind zwischen 24 und 35 Jahren alt, manche unserer Praktikant*innen sind sogar erst nach der Jahrtausendwende geboren. Das ist wichtig, um auf Augenhöhe mit unseren Leser*innen kommunizieren, nicht von oben herab. Jetzt war schon immer das Medium, in dem Nachwuchsjournalist*innen die Chance hatten, ihre Texte zu publizieren. Umso weniger überrascht es, dass viele Menschen aus der ersten jetzt-Generation heute bei renommierten Medien arbeiten.

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Diese Skizze zeigt unsere*n Durchschnittsleser*in: eine junge erwachsene Person, die vermutlich in einer WG lebt.

Illustration: FDE

Aber auch das ins Zentrum stellen der Leser*innen ist typisch für jetzt. Immerhin hat unsere Seite 2001 als eines der ersten deutschen Medien eine eigene Community gestartet, bei der alle selbst Texte veröffentlichen konnten. Diese hat so gut funktioniert, dass darüber 2002 gegen die Einstellung des Print-Heftes sogar eine echte Demonstration organisiert werden konnte.

Wenn wir uns andererseits die jetzt-Leser*innenschaft heute auf Basis statistischer Daten genauer anschauen, ist diese Community genau zur Hälfte männlich und zur Hälfte weiblich (Non-Binäre Personen werden leider nicht als solche erfasst, Anm. d. Red.). Der oder die durchschnittliche Leser*in ist zwischen 18 und 34 Jahre alt und will auf jetzt eher die große Liebe finden als ein neues Auto. Höchstwahrscheinlich wohnt er oder sie außerdem in einem WG-Zimmer in einer deutschen Großstadt. Und, ganz wichtig: Unsere Leserinnen und Leser kommen zu uns wegen unserer Texte. Dabei lesen sie besonders gerne unsere Inhalte zum Thema Politik – und unsere jeden Mittwoch erscheinende Whatsapp-Kolumne.  

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Wer alle Whatsapp-Kolumnen lesen wöllte, bräuchte dafür zwei volle Arbeitstage.

Illustration: FDE

Dieses 2015 von der Kollegin Nadja Schlüter entwickelte Format hat uns gezeigt, dass junger Journalismus viele Menschen erreichen kann, ohne „schwere Kost“ automatisch auszublenden. Klar geht es in den virtuellen Chatverläufen viel um Liebe, Beziehung und Stress mit der WG. Aber eben auch um das Coronavirus, anstehende Wahlen oder Nachhaltigkeit. Würde jemand alle Folgen der Whatsapp-Kolumnen hintereinander weglesen wollen, bräuchte er oder sie dafür mit durchschnittlicher Lesegeschwindigkeit 16 Stunden, 18 Minuten und 8 Sekunden. In dieser Zeit könnte man auch Anna Karenina von Tolstoi schaffen – was unterhaltsamer wäre, sei einmal dahin gestellt.

Dass politische Themen bei uns noch stärker konsumiert werden als ebenjene Kolumne oder auch Sexthemen (diese kommen bei den meistgelesensten Themen erst auf Platz sechs), zeigt uns, dass die junge Generation überhaupt nicht so Ich-bezogen ist, wie ihr immer vorgeworfen wird. Stattdessen interessiert sie sich sehr wohl für Themen von gesellschaftlicher Relevanz – eben gern in den Verbindung mit lebensweltlichen Inhalten. 

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Was euch offenbar am meisten interessiert: Politik. Aber eben auch Chats, Social Media und natürlich die Liebe.

Illustration: FDE

Wir bei jetzt haben aber auch in den vergangenen Jahren gelernt: Wer mit Journalismus die junge Zielgruppe erreichen will, muss sich ständig verändern. Wir können gar keinen Journalismus machen, der alle zufrieden stellt – wenn wir schreiben, was Opa und Oma interessant finden, schreiben wir sehr wahrscheinlich an den Interessen unserer eigenen Zielgruppe vorbei.

Wir sind es gewohnt, unseren Lebensentwurf erklären zu müssen – und wir machen das gerne

Dementsprechend haben wir uns in den vergangenen Jahren massiv verändert: Die jetzt-Community wurde 2016 zum Schmerz vieler Nutzer*innen abgeschaltet – lebt mittlerweile aber mit einer jüngeren Generation auf Plattformen wie Instagram oder Tiktok wieder auf. Und die wünscht sich andere Dinge: Seit 2019 erscheinen bei uns freitags nicht mehr „Jungs-Mädchen-Fragen“ sondern „Querfragen“, bei denen explizit alle Geschlechter und sexuellen Orientierungen mit eingeschlossen werden. Außerdem verwenden wir in unseren Texten das Gendersternchen – weil wir wissen, dass ein Großteil unserer Leser*innenschaft das als selbstverständlich empfindet und sich ärgert, wenn manche Menschen in der Anrede nicht explizit eingeschlossen werden.

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Bei uns arbeiten fast doppelt so viele Frauen wie Männer.

Illustration: FDE

Jetzt macht Journalismus von jungen Menschen für junge Menschen. Deshalb erscheint es uns auch merkwürdig, in diesem Text von „jungen Menschen“ zu schreiben – das sind wir ja selbst. Aber wie bei jeder Geburtstagsparty mit der Familie, sind wir es als junge Generation gewohnt, unseren Lebensentwurf erklären zu müssen und wir machen das gerne. Es hilft uns ja auch dabei, uns immer besser kennenzulernen. Unsere Identität ist uns wichtig – wie den meisten Millennials eben. Wir machen vieles richtig, manches müssen wir noch lernen. Das ist anstrengend für unsere Eltern und Großeltern – und in diesem Fall auch für die SZ. Aber wir sind dankbar, dass sie uns, anders als viele andere Verlagshäuser ihren Jugendmedien, auf diesem Weg immer unterstützt und die Treue gehalten hat. 

Also, liebe SZ: Herzlichen Dank für die Einladung zu eurer Party. Wir hoffen, dass wir, wenn wir in 48 Jahren 75 werden, immer noch gemeinsam feiern können. Und uns gemeinsam über die Jugend und ihren Journalismus wundern.

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