„Wir wollen eure Lichthupe sehen!“

Clubs sind immer noch zu, Konzerte abgesagt, Festivals auch. Dann also ein Besuch in der Autodisco.
Berit Dießelkämper, Heide
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Die Autodisco unter dem Heider Fernsehturm, 100 Kilometer nordwestlich von Hamburg.

Foto: Niko Kappel

Weil es ja gerade nicht anders geht, hockt Mika vor dem heruntergelassenen Fenster des gelben Opel Cabrios. In dem Auto sitzen zwei junge Frauen. Er fragt: „Seid ihr von hier?“ Ihre Antwort geht im Beat und Hupen der anderen Autos unter. Mika hastet geduckt die paar Meter zurück zu seinem Auto, greift durch das offene Beifahrerfenster und holt zwei Kurze heraus. Zurück zum Cabrio: anstoßen, Prost, Kopf in Nacken.

Mika will feiern, flirten, einen ausgeben. Deswegen ist er heute Abend hier auf dem Parkplatz unter dem Heider Fernsehturm, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Hamburg. Die Clubs der Stadt sind immer noch zu, Konzerte und Festivals immer noch abgesagt, dann eben Autodisco mitten in der norddeutschen Provinz. Klar, das muss man sich ansehen – auch um zu verstehen wie das funktioniert, im Auto zu feiern. Und ob das eine ernsthafte Alternative sein kann, wenn man eigentlich die ganze Zeit sitzen muss, nicht flirten kann und zumindest als Fahrer*in auch nicht saufen.

Zwei Stunden früher: Es ist viertel vor zehn am Pfingstsamstag. Nach neun Wochen Lockdown in Schleswig-Holstein wird hier in Heide, 20 000 Einwohner*innen, seit Mitte Mai jeden Freitag und Samstag Party gemacht. Am Tag zuvor war das Motto „Hardstyle Car X-plosion” mit DJ the Flow aka Dr. Druck und special guest Hardstyle-Henning. Heute legt DJ Diamond auf. Morgen ist die Pfingstfete der Landjugend, die Interessensvertretung junger Menschen auf dem Land.

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Die Clubs der Stadt sind immer noch zu, Konzerte und Festivals immer noch abgesagt, dann eben Autodisco mitten in der norddeutschen Provinz.

Foto: Niko Kappel

Die Sonne ist gerade untergegangen und vor dem Eingang der Autodisco, die tagsüber ein Autokino ist, hat sich eine kleine Schlange gebildet. In zweiter Reihe hält ein rotes Opel Cabrio. Ein Mann im Rammstein T-Shirt und eine Frau in weißer Jeans springen rauchend heraus, auf der Rückbank sitzen eine junge Frau und ein kleiner Junge. Am Rückspiegel hängt ein elektrisches Stroboskop, dazu legen sie noch eine LED-Leuchtschrift auf das Armaturenbrett, öffnen die Motorhaube und klemmen ein herzförmiges Banner ein. Aus dem schwarzen Bus daneben, ein Mercedes Viano, guckt ein Kopf aus dem Dachfenster.

 „Corona-Maske auch für das Auto?“

 „Bisschen… muss doch auch geschützt sein.“

Der Kopf liest, was auf dem Banner steht.

 „Ihr seid die Geilsten, Autodisco 2020“

 „Ja! Wir sind auch die geilsten, aber egal.“

Dann kleben der Mann und die Frau zusammen mit dem Jungen noch eine LED-Leiste von außen um das Auto herum.

Wenn man sich schon selbst nicht zurechtmachen muss, weil man niemanden kennenlernen kann und eh mit den gleichen Menschen nach Hause geht, mit denen man gekommen ist, dann eben ein aufgetakeltes Auto. Haben sich auch andere gedacht und Lichterketten in ihr Auto gehängt, um ihre Radioantennen gewickelt und Blinklichter auf ihre Dächer gesetzt. Der Einlass beginnt und die Autos fahren auf das Gelände. Einer der Veranstalter weist die Einweiser an, einige Autos noch einmal umzuparken. Für mehr Abstand, falls jemand besoffen die Tür aufschlägt, sagt er. Mittlerweile ist es fast dunkel und es riecht nach Gras. Also Drogen-Gras, nicht frisch gemähtes Dorf-Gras.

Pünktlich um halb elf sitzen über 100 Menschen in ihren Autos aufgereiht vor einer Leinwand mit Licht-Show und warten darauf, endlich trinken und feiern zu können. Links von der Leinwand ist eine kleine überdachte Bühne mit DJ Pult und DJ Diamond. Von dort wird der Sound auf die Autoradios übertragen. DJ Diamond mixt Hardstyle-Beats mit der Stimme von Mark Forster. Dabei geht er so ab, als würde unter ihm die Menge toben, aber eigentlich guckt er nur auf einen starren Haufen Blech.

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Von der kleinen überdachten Bühne von DJ Diamond wird der Sound auf die Autoradios übertragen.

Foto: Niko Kappel

Gelegentlich wackelt der Haufen Blech auch hin und her – immer dann, wenn der Moderator die Autos und das beinhaltete Partyvolk zu irgendeiner Reaktion animiert:

„Könnt ihr mich hören?“

Hupen.

„Wir brauchen die Warnblinker!“

Warnblinker blinken.

„Wir wollen eure Lichthupen sehen!“

Lichthupen leuchten.

Und so hupen und blinken sie zusammen auf Mindestabstand und jede Auto-Besatzung für sich. Das Einzige, was sie verbindet, ist der Kameramann, der durch die Scheiben in die Autos filmt, was dann wiederum für alle anderen auf die Leinwand übertragen wird. Dann tanzen sie im Sitzen, stoßen an und trinken. Fahrer, Beifahrer, alles egal. Bei der „KissCam“ sollen sie sich küssen, Tröpfcheninfektion auch egal.

Das Auto dürfen die Besucher*innen nur im Notfall verlassen oder wenn sie zu einem der Dixiklos in den Ecken des Geländes müssen. Aber eine Party wäre keine Party, wenn sich alle an die Regeln halten würden. Exzess in Zeiten von Corona sieht dann so aus: Der weiße Audi A1 ist ganz offensichtlich mit dem schwarzen VW Golf neben ihm befreundet, denn immer wieder gehen die Türen auf und die Insassen wechseln geduckt vom einen in das andere Auto. Während des Wechselvorgangs tanzen sie auf dem Platz zwischen den Autos Discofox. Bis jemand von den Veranstaltern kommt und sie bittet, wieder in die Autos zu gehen.

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Eine Party wäre keine Party, wenn sich alle an die Regeln halten würden.

Foto: Niko Kappel

Oder der weiße Mitsubishi Eclipse Cross: Vorne sitzen zwei junge Frauen, auf der Rückbank zwei junge Männer. Man sieht sie durch die getönte Scheiben nur dann, wenn im Inneren die Handykameras blitzen – oder wenn sie auf den heruntergelassenen Fenstern sitzen und sich über das Dach die Getränke reichen. Bis jemand sie bittet, wieder in ihr Auto zu gehen. Das geht dann ein paar Mal so. DJ Diamond mischt währenddessen die Lyrics von Apache 207 „Roller“ mit dem Beat von David Guettas „Memories“. Im Mitsubishi wird immer nur das Ende der Lines mitgesungen, den Rest des Textes kennen sie nicht, oder sind dafür zu langsam oder zu betrunken:

„… Tradition“

„... Party Hoes“

Zwei Mitarbeiterinnen laufen durch die parkenden Autos und verkaufen Popcorn, Nachos, Getränke und Leuchtartikel. Sie tragen blinkende Haarreifen und eine von ihnen einen Feigling-Bauchladen um den Hals. Das Moderatoren-Mikro versagt während er durch die Autoreihen läuft, aber seit all den Zoom-Calls und Skype-Sessions ist man ja an krepierende Kommunikationstechnik gewöhnt. Es fühlt sich ein bisschen so an wie die Minidisco von früher: Die ganze Zeit muss irgendetwas passieren, die Feiernden müssen bei Laune gehalten werden, sonst wird ihnen in ihren Blechhaufen langweilig. Der Moderator fragt die Kennzeichen ab:

„Wer hat hier alles ein Heider Kennzeichen?“

Sehr lautes Hupen.

„Schleswig?“

Mittellautes hupen.

„Plön?“

Ein Auto hupt.

Vor ein paar Wochen, sagt einer der Veranstalter, gab es eine Beschwerde wegen der Lautstärke und die Polizei kam vorbei. Seitdem soll vorsorglich ab halb zwölf nicht mehr gehupt werden. Also gibt es um halb zwölf eine kurze Durchsage: „Bitte nicht mehr hupen, sonst werden wir verhaftet.“ Jemand hupt. Ansonsten halten sich alle an die Vorschriften, vermutlich ist die Angst zu groß, auch das hier könnte wieder verboten werden.

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Der Moderator fragt die Kennzeichen ab: „Wer hat hier alles ein Heider Kennzeichen?“ Sehr lautes Hupen.

Foto: Niko Kappel

So langsam wird die Besoffenheitsdiskrepanz zwischen Fahrer*innen und dem Rest ihres Blechhaufens bemerkbar. Die Nebelmaschine hat den Platz eingeräuchert, der Zigarettenrauch aus den Autofenstern hat dabei geholfen. Um kurz vor zwölf  kommt DJ Diamond zum Abschluss von seiner Bühne runter, tanzt auf dem Vorplatz und rennt durch die Autoreihen. Dann spielt er „Angels“ von Robbie Williams und alle leuchten mit ihren Handytaschenlampen und man hat irgendwie das Gefühl, das hier ist etwas Bedeutendes, etwas Besonderes, nie Dagewesenes – aber trotzdem völlig absurd.

Nach eineinhalb Stunden, ist Zapfenstreich. Die Menschen steigen aus, rennen um ihre Autos, montieren die Lichter ab, öffnen die Motorhauben, holen Batterien heraus und geben sich selbst Starthilfe. Nach fünf Minuten ist der Platz komplett leer. Sie fahren nüchtern bis betrunken in die Nacht aber wahrscheinlich doch einfach nur nach Hause. Ein paar bleiben vor dem Gelände zurück, stehen um ihre Autos herum, trinken weiter, dicht an dicht ohne Mindestabstand und man fragt sich, was dann der ganze Aufriss eben eigentlich sollte.

DJ Diamond sagt, das sei immerhin etwas, was man den Menschen in dieser Zeit geben kann. Für Kulturschaffende sei das gerade die einzige Möglichkeit, besser als nichts. Ein paar Besucher*innen sagen, so sehr vermissen sie das Feiern und Saufen auch nicht. Es ist eher die Normalität und das mit Freund*innen Abhängen. Das hier ist eben besser, als alleine zu Hause zu sitzen und irgendwie macht es ja schon auch Bock. Morgen dann wieder, nächstes Wochenende auch, einfach so lange bis alles wieder normal ist – falls es das denn jemals wird.

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