Julia Bernhard illustriert unangenehme Gespräche im Leben junger Frauen

Sie sagt dazu: „Ich finde es spannend, zu analysieren, wie rückschrittlich unsere Rollenbilder sind.“
Interview von Lena Mändlen

Julia Bernhard hat mit „Wie gut, dass wir darüber geredet haben“ ihr Graphic-Novel-Debüt veröffentlicht.

Andreas Balonier

„Aber in deinem Alter hat man doch einen Freund“, „Wann bist du endlich mit deinem Studium fertig?“ oder „Ich will gerade nichts Festes“. Das Leben ist voll von unangenehmen Gesprächen, die man am liebsten umgehen möchte. Meistens beendet man sie dann mit dem Gefühl, dass da gerade ganz schön was schief gelaufen ist – und dass man sich am liebsten in der Sofaritze verkriechen möchte. In ihrem Graphic-Novel-Debüt „Wie gut, dass wir darüber geredet haben“ visualisiert Julia Bernhard genau solche Momente. Die 26-Jährige hat in Mainz Grafikdesign und Illustration studiert, zeichnet unter anderem für den New Yorker und veröffentlicht auf Instagram regelmäßig bissige und sehr unterhaltsame Illustrationen, die die absurden Momente im Leben junger Frauen auf den Punkt bringen. 

Jetzt: Was fasziniert dich an zwischenmenschlicher Kommunikation?

Julia Bernhard: Mich fasziniert, dass der eigentliche Kommunikationsprozess sehr simpel ist. Eine Person sagt etwas und beim Empfänger oder der Empfängerin müsste genau diese Information ankommen. Weil Realität und Wahrnehmung aber immer relativ sind und der Mensch ein Störfaktor im System ist, kommt oft viel grober Unfug beim Gegenüber an, der so nicht gemeint war. Der Subtext grätscht uns immer rein. 

Abgesehen vom Thema „gescheiterte Kommunikation“: Was verbindet die einzelnen Geschichten deiner Graphic Novel miteinander?

Mich beschäftigt vor allem die Erwartungshaltung, die die Gesellschaft gegenüber Frauen in meinem Alter hat, und darum geht es auch in den Unterhaltungen. Beispielsweise, wenn die Zimmerpflanze der Protagonistin rät, dass sie nicht depressiv in der Gegend rumliegen soll, oder wenn ihre Freundin ihr erklärt, dass es sozialer Suizid sei, um die 30 und Single zu sein. Mit dem Aspekt werde ich auch jeden Tag in meinem Privatleben konfrontiert. Daher finde ich es spannend, zu analysieren, wie rückschrittlich unsere Rollenbilder sind. Wir tun immer so, als wären wir eine unglaublich aufgeklärte und progressive Gesellschaft. Aber wenn es um Familiengründung geht, sind wir total rückständig.

Auszug aus „Wie gut, dass wir darüber geredet haben“

Illustration: Julia Bernhard

Auszug aus „Wie gut, dass wir darüber geredet haben“

Illustration: Julia Bernhard

Auszug aus „Wie gut, dass wir darüber geredet haben“

Illustration: Julia Bernhard

Hast du die Situationen, die du in den Geschichten schilderst, selbst so erlebt?

Teilweise sind die Situationen von Unterhaltungen inspiriert, die Freundinnen und Freunde von mir oder ich selbst schon so erlebt haben, aber nicht genau in der Form. Ich glaube, die Situation mit der Großmutter, die fragt, wann man denn endlich Kinder bekommt, kennt jede Frau – auch wenn meine Oma das nicht ganz so extrem formuliert hat. (lacht) 

„Wenn ich Frauen mit unrasierten Beinen zeige, kommentieren viele Männer, dass sie das ekelhaft finden“

Auf Instagram bekommst du sehr viele positive Kommentare von Frauen, die sich in deinen Illustrationen wiedererkennen. Kriegst du auch negative Reaktionen?

Das negative Feedback macht einen verschwindend geringen Anteil aus. Ich bekomme aber natürlich auch negative Kommentare und muss leider sagen, dass die meistens von Männern kommen. Die Männer haben oft Probleme mit Posts, in denen es um Körperbilder geht. Wenn ich beispielsweise Frauen mit unrasierten Beinen zeige, kommentieren viele Männer, dass sie das ekelhaft finden. Außerdem sind 91 Prozent der Leute, die mir auf Instagram folgen, weiblich – Ich denke, das sagt schon alles. 

Was willst du mit deinen Illustrationen erreichen?

Ich hoffe sehr, dass meine Illustrationen es ein Stück weit schaffen, das Denken von Menschen zu verändern. Vor allem, wenn es um die Akzeptanz von alternativen Körperbildern und einer anderen Art zu leben und zu lieben geht. Ich selbst habe mir auch vorgenommen, keinen Accounts mehr zu folgen, in denen „perfekte“ Frauen ihr Leben vermarkten. Ich möchte selbst gezielt Seiten abonnieren, die mir etwas Neues zeigen, anstatt das typische Medienbild von Frauen zu reproduzieren. Und ich hoffe, dass ich das auch mit meinem Account schaffe. Dabei ist mir bewusst, dass auch die Mehrheit der Frauen, die ich zeichne, schlank und weiß ist. 

Auf Instagram hast du fast 100 000 Followerinnen und Follower. Welchen Stellenwert hat die Plattform in deinem Leben?

Es ist für mich ein wunderbares Medium des Meinungsaustauschs und ich habe dadurch viele Jobanfragen bekommen. Aber ich finde es wichtig, dass man sich die Anzahl seiner Followerinnen und Follower nicht zu Kopf steigen lässt – denn die macht mich nicht per se zu einem besseren Menschen oder zu einer besseren Künstlerin. Ich hatte einfach Glück. Ich sehe Instagram als ein interessantes Paralleluniversum, das wenig mit der Realität zu tun hat und den Alltag nicht zu stark beeinflussen sollte. Deswegen definiere ich mich darüber auch nicht.

Siehst du Plattformen wie Instagram oder Tinder als Erleichterung oder als Hindernis für zwischenmenschliche Kommunikation?

Neue Medien machen es auf jeden Fall leichter, den ersten Kontakt zu initiieren. Aber dadurch, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne durch sie nachweislich geringer wird, haben wir ein Stück weit verlernt, konzentriert miteinander zu kommunizieren. Das merke ich auch an mir selbst. Ich hoffe aber, dass Leute wieder schätzen lernen, wie wichtig es ist, persönlich miteinander zu kommunizieren. Es ist schließlich wissenschaftlich nachgewiesen, dass digitale Kommunikation für Menschen als soziale Wesen nicht befriedigend ist.

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