Zwischen Arm und Reich bricht ein Krieg aus

Zumindest in Lucas Fassnachts Roman „#KillTheRich“. Und das ist vielleicht gar nicht so weit hergeholt.
Interview von Nadja Schlüter

Lucas Fassnacht hat Altgriechisch studiert und ist jahrelang bei Poetry Slams aufgetreten. „#KillTheRich“ ist sein Debüt als Thriller-Autor.

Foto: Frank Hanewacker/Sedan Sieben

In Brasilien begehren unzufriedene Bürger*innen gegen Präsident Bolsonaro auf, es kommt zu Aufständen und Toten. Der Hashtag #killtherich geht viral, die Börsen brechen ein, weltweit gehen Arme und Unterdrückte auf die Straße. Conrada van Pauli, Bereichsleiterin im Europäischen Auswärtigen Dienst für Südamerika, wird nach Brasilía geschickt, um dort zu vermitteln – und ahnt nicht, dass sie sich mit ihren Bemühungen um Frieden einen mächtigen Feind gemacht hat.

„#KillTheRich“ heißt Lucas Fassnachts fast 700 Seiten dicker Roman, der am 23. September bei blanvalet erscheint. Der 31-jährige Autor hat in Erlangen Altgriechisch, Germanistik und Linguistik studiert und lebt aktuell in Nürnberg, wo er Workshops für Kreatives Schreiben gibt und Literatur-Shows veranstaltet. Im Interview erzählt er, warum er einen globalen Bürgerkrieg für gar nicht so weit hergeholt hält und warum man Marine Le Pen nicht an den Zehen ihres Geliebten lutschen lassen darf.

jetzt: Die Inspiration für dein Buch war der Film „World War Z“, der 2013 im Kino lief. Wieso das?

Lucas Fassnacht: Ich habe mir den Trailer des Films angesehen, in dem man Brad Pitt mit seiner Familie sieht, die in New York im Stau steht. Dann kreisen Hubschrauber, man hört Polizeisirenen, alle steigen aus den Autos und rennen weg. Die zweite Minute habe ich gar nicht mehr angeschaut, weil ich dachte: Alles klar, den Film will ich unbedingt sehen! Da geht es bestimmt genau um das Thema, das mich interessiert und das das ganze 21. Jahrhundert prägen wird.

Nämlich?

Dass es zwischen Arm und Reich irgendwann knallen muss, wenn es keine Umverteilung gibt.

Darum geht’s in dem Film aber gar nicht …

Im Kino habe ich dann schnell gemerkt, dass gar keine Demonstranten auf der Straße sind, sondern Zombies. Ich saß also da und war sehr enttäuscht – fand aber die Idee mit Arm gegen Reich immer noch gut. Und irgendwann dachte ich: Schreibe ich sie halt selbst auf. Das habe ich dann 2016 gemacht und so ist mein Roman enstanden. 

„Im Internet können die Armen jeden Tag beobachten, wie die Superreichen leben“

Die Revolte der Armen gegen die Reichen wird in „#KillTheRich“ unter anderem über das Internet gestartet. Waren Bewegungen wie „Occupy“ dein Vorbild dafür?

Auf jeden Fall, und der Arabische Frühling, für die Art, wie sich der Aufstand verbreitet. Der Trickle-Down-Effekt – wenn die Reichen reicher werden, werden es die Armen auch –  konnte bis heute nicht bewiesen werden, und langsam verstehen die Leute, dass ihnen da ein Bär aufgebunden wurde. Genauso wie beim Märchen der „unsichtbaren Hand des Marktes“, die schon alles regeln werde. Die Vermögenskonzentration wird hinterfragt – und „Occcupy“ war das Ventil für die dadurch entstandene Wut. Im Grunde übernehme ich in meinem Buch die Dynamik der Bewegung und denke sie weiter. 

Soziale Medien spielen dabei eine sehr wichtige Rolle.

Ja, denn nur durch das Internet wird die globale Revolution möglich. Es bietet eine Plattform, auf der sich alle Zurückgelassenen und Wütenden zusammenschließen können und dann in einer Art negativem Hype auf die Barrikaden gehen. Gleichzeitig können die Armen aber auch nur dort jeden Tag beobachten, wie die Superreichen überhaupt leben, auf Instagram können sie denen zum Teil direkt ins Wohnzimmer schauen. Im Mittelalter hast du nicht mitbekommen, wie der Kaiser gelebt hat; heute kann jemand in Tansania sehen,  wie Trump in den USA auf dem Golfplatz steht – und bekommt außerdem noch mit, wie er afrikanische Länder als „Shitholes“ bezeichnet.

„Wie ich Trump im Roman darstelle, ist nicht viel krasser als die Realität“

Im Buch kommen viele reale Institutionen und Personen vor, zum Beispiel die EU und die UN, Bolsonaro, Trump und Putin. Hat dich die Realität beim Schreiben manchmal eingeholt?

Als Schauplatz für den ersten Aufstand im Buch habe ich mich für Brasilien entschieden, um dort den extremen Unterschied zwischen Arm und Reich zu verdeutlichen. In letzter Zeit waren die Aufstände in Venezuela viel in den Medien, aber auch Bolsonaro stand im Rahmen der Amazonasbrände im Fokus. Überall auf der Welt, wo die Schere zwischen den Benachteiligten und den Mächtigen extrem auseinandergeht, hätte die Handlung spielen können. Das zeigt sich ja auch im Verlauf der Geschichte – und regelmäßig in den Schlagzeilen, die wir lesen. 

Wie hat es sich angefühlt, Personen wie Putin oder Trump zu Romanfiguren zu machen?

Bei Putin wollte ich vor allem zeigen, wie ich ihn wahrnehme: Als berechnenden Psychopathen, der zwar checkt, was in anderen vorgeht, aber sich nicht mit ihren Gefühlen identifizieren kann, sondern immer nur kalkuliert. Und für den alles nur ein Spiel ist.

Und Trump? Bei einer Pressekonferenz legst du ihm ganz schön krasse Sachen in den Mund, da nennt er eine Journalistin „Pferdegesicht“ oder sagt einer anderen, dass sie mal ein Kleid anziehen soll. 

Das ist nicht viel krasser als die Realität, sondern eine Art Compilation aus Sachen, die er mal gesagt oder getwittert hat, teils ein bisschen umgeschrieben.

Bei Le Pen wählst du allerdings einen Umweg: Nicht sie, sondern eine fiktive Schwester mit Fußfetisch beißt ihrem Geliebten in den Zeh …

Ursprünglich war das mal Le Pen selbst. Aber eine solche Darstellung wäre eine Unterstellung gewesen und damit juristisch heikel. 

„Für mich sind weibliche Figuren besonders spannend“

Mir hat besonders gefallen, dass du mit Conrada van Pauli vom Europäischen Auswärtigen Dienst eine Frau zur Heldin der Geschichte gemacht hast.

Für mich sind weibliche Figuren besonders spannend, gerade, wenn ich Machtverhältnisse beschreibe. Conrada muss sich gegen alle Widerstände Macht erkämpfen, sich immer wieder behaupten, und steht damit denen entgegen, die die Macht zu bewahren zu versuchen.

Schließlich wird José Colasanti, ein Chauffeur, der Interimspräsident von Brasilien. Dass „der kleine Mann ganz groß“ wird, ist aber auch so ein bisschen ein populistisches Ideal, oder?

Ich mochte die Idee, dass er Chauffeur geworden ist, damit er lesen kann, weil er ja immer so viel warten muss. Dadurch ist er sehr gebildet, auch, was die politischen Angelegenheiten in seinem Land angeht. Hinzu kommt, dass er dauernd irgendwelche Würdenträger durch die Gegend fährt und alles mitkriegt, wenn sie telefonieren. Generell lehne ich Populismus ab und habe ja auch damit gespielt: In einer Szene sagt Colasanti, dass er erst nur einen sauberen Übergang bis zu den Neuwahlen wollte – aber jetzt habe er so viele Möglichkeiten, die müsse er doch auch nutzen! Da steht es also auf der Kippe, ob er seine neu gewonnene Macht wieder abgibt oder daran festhält. Er hätte auch die Geschichte von Daenerys aus „Game of Thrones“ erleben können: Die will eigentlich nur das Beste und wird am Ende böse.

Wer ist in deinem Buch der größte Feind einer friedlichen und sozialen Welt: die Berater und Anwälte der Mächtigen? Die Staatschefs? Der Kapitalismus?

Ich würde sagen: die korrumpierte oder korrumpierbare Macht.

„Es geht in dem Buch um Dinge, von denen ich finde, dass man sie ändern muss“

Bist du eigentlich ein guter Verschwörungstheoretiker? Immerhin gibt es in deinem Roman eine riesige Verschwörung, die aber natürlich nur eine Theorie ist …

Ich habe Freude an Verschwörungstheorien, aber es war mir wichtig, nichts zu schreiben, was eine ferne Dystopie und nicht plausibel ist. Es gibt nunmal Institutionen, bei denen sich ein paar hundert mächtige Leute unter Ausschluss der Öffentlichkeit treffen und dann werden die wahrscheinlich auch unter der Hand Deals machen. Im Falle der Panama und der Paradise Papers oder der Libor-Zinsmanipalution kam es dann ja am Ende auch raus.

Bist du also insgesamt eher pessimistisch? Geht die Welt vor die Hunde?

Nein, der Kampf ist noch nicht entschieden! Und es lohnt sich auf jeden Fall, zu kämpfen.

Sollen deine Leser*innen also am Ende auch einen Handlungsimpuls mitnehmen und sagen: „Stimmt, die Welt ist ungerecht, ich tue jetzt was dagegen“?

Es geht in dem Buch um Dinge, die mich nerven, und von denen ich finde, dass man sie ändern muss. Aber ich mag keine Bücher, die sagen: „Macht es so und so.“ Ich habe meine Meinung und bringe die gerne in den Diskurs ein – aber mir ist auch klar, dass es erstmal einen Diskurs geben muss. Und darüber hinaus will ich die Leser*innen natürlich auch unterhalten. Ich habe zu viele Jahre Poetry Slam gemacht, als dass ich mir jetzt die eine oder andere Pointe versagen könnte.

Lucas Fassnacht: „#KillTheRich – Wer Neid sät, wird Hass ernten“, Roman, 688 Seiten, 22,00 €

Cover: Blanvalet
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