[object Object]

Foto: Cristina Gottardi / Unsplash / Collage: jetzt.de

Mittwoch, morgens halb zehn in einer Redaktion in Deutschland: „Wo ist der Artikel fürs Jugendwort 2018?“

  • „Wir haben keinen.“
  • „Wie, wir haben keinen? Wir brauchen einen!!!“

Donnerstag, morgens halb zehn in Deutschland: Ich mache ich auf den Weg in die Münchner Innenstadt. Weil wir die Jugendwörter in der Redaktion geschlossen blöd finden – was ist „Snackosaurus“ bitte für ein Ausdruck, sheesh – wollen wir das Ganze auf unsere älteren Mitbürger münzen. Wenn Langenscheidt irgendwelche absurden Begriffe sammelt und daraus einen zum Jugendwort kürt, können wir ja wohl auch durch München laufen, und Altenwörter einsammeln. Also sollte ich fragen: Haben die älteren Herrschaften dieses Jahr oder in ihrer Jugend vielleicht ein Wort gehabt, das ihren Sprachgebrauch besonders beeinflusst hat? Oder sogar ein Wort gehört, das ihnen noch nie untergekommen ist? Daraus sollte dann ein lustiger Gegenentwurf zu Langenscheidts Verbrechen an der Sprache entstehen. Und mit „wir“ meine ich mich und mit „versuchen“ meine ich „hat nicht geklappt“.

Ich stehe also am Marienplatz und werde prompt von einer aufgeregten ZDF-Reporterin wie aus dem Hinterhalt überfallen: „HABEN SIE KURZ ZEIT, UM ÜBER DAS JUGENDWORT 2018 ZU REDEN?!“ kläfft sie in mein Ohr und drückt mir schonmal plakativ einen Zettel ins Gesicht. „NE SORRY, HABE ES EILIG!“ rufe ich nonchalant zurück und hoffe, dass sich Leute für mich mehr Zeit nehmen, wenn ich sie das gleich frage. Ich laufe, meiner Mission folgend, zum Eingang von Galeria Kaufhof und schreie dort dann einem perplexen Herren „HABEN SIE KURZ ZEIT, UM ÜBER DAS JUGENDWORT 2018 ZU REDEN?“ ins Ohr.

Nirgendwo steht die Zeit stiller als im Dining-Bereich von langsam sterbenden Kaufhausketten

Der ältere Mann reagiert verwirrt. Ich schaue schuldbewusst drein. Anders als beim ZDF-Zwischenfall fand ich das Geschrei bei mir gerechtfertigt. Wer weiß, ob der Herr mich richtig versteht. Außerdem ist es Donnerstagmorgen um halb zehn ziemlich laut und überfüllt im Eingang von Galeria Kaufhof, warum auch immer. Schließlich meint der Mann, er wisse nicht genau und da müsse ich doch jemand anderen fragen bitte. Schade, weiter.

Ich möchte in das Restaurant im fünften Stock. Ein eiskalt kalkuliertes Ziel. Denn nirgendwo steht die Zeit stiller als im Dining-Bereich von langsam sterbenden Kaufhausketten. Gestandene Hausmannskost à la Rostbraten mit Rostbraten trifft auf Kaffeevollautomat trifft auf Altersschnitt 60 plus. Und bingo, ich werde nicht enttäuscht. Motiviert sondiere ich die Lage.

Ab hier geht’s bergab mit dem Erfolg. Zuerst spreche ich mit Achim. Er will gerade sein Geschirr wegbringen, nimmt sich aber dankenswerter Weise die Zeit mir zu erklären, dass er schon immer „normal“ gesprochen habe. Er sei direkt nach dem Krieg jung gewesen, da war nicht viel mit Englisch und Kauderwelsch. Auf die Frage, wie alt er ist, damit ich das in meinen Artikel schreiben kann: „74 Jahre alt, deswegen spreche ich ja normal.“ 

15 Minuten später ist von meiner Koffein-Motivation nur noch das Zittern übrig. Die meisten wollen gar nicht erst mit mir reden (was verständlich ist, ich störe sie immerhin direkt nach oder vor dem Essen) oder meinen, mir nichts Erwähnenswertes sagen zu können. Ich ziehe die letzten Register und setze mich zu Fred. Fred ist 70 Jahre alt. Ihn habe ich schon länger ausgespäht. Er sitzt alleine da, eine Zeitung liegt neben ihm. Direkter Sympathieträger. Und tatsächlich, ich glaube ich habe Glück:

-„Und, haben Sie vielleicht ein Wort für mich?“

- „Klar, drei sogar!”

-„Wundervoll, welche sind das denn?“

-„Merkel muss weg!“

Ohne „Merkel muss weg“ habe ich exakt null verwertbare Antworten erhalten

Er verliert sich in Verschwörungstheorien und ich stehe wieder auf. Kein Glück im Kaufhof-Restaurant also. Resigniert fahre ich die fünf Rolltreppen wieder runter und überlege, wie ich weiter vorgehen soll. Ohne „Merkel muss weg“ habe ich exakt null verwertbare Antworten erhalten. Und das will ich nun wirklich nicht in die Liste integrieren. Unten angekommen sehe ich die ZDF-Reporterin immer noch wild umherlaufen. Alternativlos entschließe ich mich dazu, es ihr gleichzutun. Ich will ja nicht lindnern und wenigstens ein bisschen Text vorweisen.

Wenig später habe ich meinen ersten und einzigen Treffer. Ich spreche den Ehrenmann Paul (78) an, weil er mit seiner Mütze sehr lieb aussieht, was ich nach dem Wutbürger brauche, und ich glaube, dass er wenigstens versuchen wird, mir weiterzuhelfen. Leider sagt auch er das gleiche, wie alle anderen. Damals hätte man einfach keine vergleichbaren Begrifflichkeiten gehabt. Stolz meint er aber, dass er sogar etwas von „der Jugend von heute“ in sein Repertoire übernommen hat. Das kleine Wörtchen „Cool“. „Cool“ antworte ich und Paul lacht kurz beschämt über meinen schlechten Witz. Dann fällt ihm noch etwas ein: „Wir haben früher immer ‘zefix gesagt, wenn etwas schiefgelaufen ist. Man wollte nicht so religiös wirken und ‘Kruzifix’ sagen, also haben wir es abgekürzt. Zählt das?“. „Zählt!” rufe ich erfreut. Paul freut sich auch. Aufhören, wenn es am schönsten ist, denke ich mir und fahre mit einem von zehn angepeilten Begriffen zurück in die Redaktion.

Dort dann herbe Enttäuschung und Mitleid. Einfach kurz in die Stadt, zehn Begriffe sammeln und schnell eine Liste zusammenkleistern, so einfach ist es dann doch nicht. Selten wurde so ungern mit mir geredet. Aber wer will das den Leuten auch verübeln? Ich habe auch das Weite gesucht, als ich die ZDF-Reporterin das Schlagwort „Jugendwörter“ sagen hörte. Und dass es damals nicht so viele Einflüsse gab, die Sprache bis in die Unkenntlichkeit verzerren können, das ist ebenfalls einleuchtend. Viele haben übrigens auch gemeint, dass sie sich gar nicht an die Worte von damals erinnern könnten. Ich hoffe, mir wird es im Alter ebenso gehen.

Mehr Jugendwörter: