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Frederika Amalia Finkelstein lebt in Paris. 2014 erschien ihr vielbeachtetes Debüt „L'Oubli“, „Survivre“ ist ihr zweiter Roman.

Foto: privat

Am 13. November 2015 töteten Terroristen in Paris 130 Menschen, unter anderem im Bataclan, in dem gerade ein Rockkonzert stattfand. Die 27-jährige Frederika Amalia Finkelstein hat über die Zeit danach den Roman „Survivre“ geschrieben, im September ist er unter dem Titel „Überleben“ auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen.

Finkelstein beschreibt darin, wie die Anschläge das Leben der 25-jährigen Pariserin Ava verändert haben: Obwohl sie selbst kein Opfer ist und niemanden bei den Anschlägen verloren hat, irrt sie wie traumatisiert durch die Stadt, pinnt sich Fotos der Opfer und der Täter an die Wand, die alle Teil ihrer Generation sind, und versinkt mit ihrem Smartphone immer wieder in Bildern und Videos der Anschläge und anderer Gewalttaten. „Überleben“ ist ein Buch über Ängste und Zwänge, die die meisten von uns kennen: Terror und Krieg sind uns ganz nah gekommen, sie sind in unseren Städten aufgetaucht, wir begegnen ihnen täglich in den sozialen Netzwerken, wir kennen die Paranoia, die Panikmache und die Gewalt der Bilder.

Im Interview spricht die Autorin über die Beziehungen von Terrorismus und Medien, eine neue Definition von Krieg und darüber, wie sie selbst die Anschläge in ihrer Stadt verarbeitet hat.

jetzt: Frederika, wo warst du während der Attentate 2015?

Frederika Amalia Finkelstein: Ich war mit Freunden unterwegs, auf der anderen Seite der Seine, etwa 30 Minuten zu Fuß vom Tatort entfernt. Ich bekam eine Nachricht von meinem Bruder, ich solle nach Hause gehen, es werde geschossen und es sei Panik ausgebrochen. Daheim habe ich meine Familie angerufen und mich bei meinen Freunden versichert, dass es ihnen gut geht. Dann habe ich die ganze Nacht damit verbracht, alleine in meiner Wohnung zu sitzen und Nachrichten zu schauen.

Hast du sofort nach den Anschlägen angefangen, an dem Buch zu arbeiten?

Ich habe damals eigentlich an einem anderen Buch geschrieben, aber nach dem Attentat war ich in einem Schockzustand und alles, was ich schrieb, fühlte sich falsch und unnötig an. Ein paar Wochen nach dem 13. November fing ich an, mich intensiv mit dem, was passiert war, zu beschäftigen. Ich wurde geradezu besessen davon und hatte das Gefühl, dass ich genau darüber schreiben muss.

Avas Großmutter sagt, dass ihre Enkelin keinen Krieg kennt, Ava widerspricht. Wieso?

Wir befinden uns heute auch in einer Art Krieg. Eigentlich müssten wir den Begriff neu definieren. Terrorismus ist für mich Krieg und auch Social Media kann wie Krieg sein.

„Terroristen verüben Anschläge, damit sie gefilmt werden und damit darüber berichtet wird“

Für Ava ist Social Media sehr wichtig, sie beschäftigt sich darüber intensiv mit den Anschlägen. Besonders fasziniert ist sie von einem Foto aus dem Bataclan, auf dem man die Toten im Saal liegen sieht. Warum reizt sie das so?

Ich habe gemerkt, dass es mir genauso geht. Ich glaube, wir alle werden von Gewalt angezogen, und je mehr Gewalt es gibt, desto größer wird der mediale „Genuss“. Das wollte ich im Buch abbilden. Seit 9/11 haben Terrorismus und die Medien diese sehr enge Beziehung. Ich glaube sogar, dass es bei Terrorismus im Kern um Medien geht. Terroristen verüben Anschläge, damit sie gefilmt werden und damit darüber berichtet wird. Sie wollen berühmt sein und glorifiziert werden.

Und jemand wie Ava stürzt völlig haltlos in diese digitale Terror-Welt.

Ja, sie ist fasziniert von Bildschirmen und nutzt sie, um in den Fluss aus kontinuierlicher Gewalt einzutauchen. Gleichzeitig will sie aus diesem Albtraum aufwachen und zu dem zurückkehren, was real sein könnte.

Ava ist enttäuscht, dass die Toten auf dem Foto aus dem Bataclan verpixelt sind. Warum?

Wenn sie sie nicht erkennen kann, bleiben sie anonyme Körper. Damit kann Ava nicht umgehen, weil sie will, dass sie nicht grundlos gestorben sind.

„Wenn Gewalt einen bestimmten Punkt erreicht, erschließt sie sich uns einfach nicht mehr“

Aber sie sind grundlos gestorben.

Ava versucht, sich einzureden, dass sie aus einem Grund gestorben sind, aber gleichzeitig weiß sie, dass das nicht stimmt. Diese Sinnlosigkeit ist das Hauptproblem am Bösen. Ich bin gerade in Berlin und war in der „Topographie des Terrors“-Ausstellung, die die Geschichte des Dritten Reichs dokumentiert. Als ich dort noch mal über all die Leben gelesen habe, die von den Nazis vernichtet wurden, dachte ich, dass das absolut keinen Sinn ergibt. Wenn Gewalt einen bestimmten Punkt erreicht, erschließt sie sich uns einfach nicht mehr. Das gilt auch für die Anschläge in Paris: Warum sind diese Menschen gestorben? Es gibt keine Grund. Man könnte sagen, dass sie Symbole des Lebens in der westlichen Welt waren, dass sie vielleicht repräsentieren, wofür wir kämpfen müssen, für Demokratie und Freiheit. Aber davon abgesehen gibt es keinen Grund.

Ava, deine Protagonistin, identifiziert sich mit den Opfern, was verständlich ist – aber auch mit den Tätern. Wieso?

Ich mochte den Gedanken, dass die Terroristen, obwohl sie schreckliche, moralisch absolut verwerfliche Taten begangen haben, trotzdem auch Opfer sind, Opfer des Systems und unserer Gesellschaft. Sie sind gescheiterte Existenzen. Auf eine gewisse Weise kann Ava sich darum mit ihnen identifizieren: Sie sieht sie als Verlierer und fühlt sich auch selbst ein wenig wie eine Verliererin. Ava glaubt nicht daran, dass es auf der einen Seite gute und auf der anderen böse Menschen gibt, sondern, dass alle auf der gleichen Seite stehen. Alle Menschen sind Opfer von Gewalt, Ungerechtigkeit und sozialer Grausamkeit. 

Am Ende verlässt Ava die Stadt. Läuft sie weg?

Einerseits ja, sie versucht, ihre Gefühle auszuschalten und zu fliehen. Andererseits ist es auch ein Schritt nach vorne, sie versucht, über den Terror hinwegzukommen. Wir wissen nicht, ob sie letztlich ankommt, der letzte Satz lässt das offen: „Langsam wache ich auf.“ Vielleicht wacht sie in Paris auf, vielleicht in einem metaphorischen Sinne. Ich würde gerne den Leser entschieden lassen, ob alles ein Traum war – oder ob Ava sagt, dass sie aufwacht, weil sie über den Albtraum hinweggekommen ist. 

Was hat dir selbst geholfen, darüber hinwegzukommen?

Ehrlich gesagt: dieses Buch zu schreiben. Das war sehr wichtig für mich.

Und was nimmst du mit aus dieser Zeit?

Ich kämpfe immer noch mit der Frage nach dem „Warum“. Aber ich habe gelernt, dass man nicht viel tun kann, außer das Böse hinzunehmen – und sich auf das zu konzentrieren, was schön ist im Leben. Ich weiß, das klingt ein bisschen naiv. Aber ich versuche, die Faszination für das Böse zu überwinden und mich auf das Schöne zu konzentrieren. 

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