„Ich habe versucht, alle 15 Minuten ein Lebenszeichen zu schicken“

Beim Anschlag von Wien mussten viele plötzlich Außergewöhnliches leisten: Ein Sanitäter, ein Café-Betreiber, eine Lehrerin, ein Seelsorger und ein Journalist erzählen.
Protokolle von Marija Barišić, Marcel Laskus und Raphael Weiss
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Alexandra Vrhovac, Thomas Hillinger, Lukas Matzinger und Bernhard Martinak erzählen, wie sie die Nacht des Anschlags in Wien erlebt haben.

Foto: Kader Yildiz, privat, Patrick Rieser, WRK/Dokuteam

Am Montag wurden in der Wiener Innenstadt vier Menschen bei einem islamistischen Terroranschlag getötet, mehrere Personen wurden schwer verletzt. In den Stunden der Panik und Ungewissheit war die Stadt voll mit Polizei und Rettungskräften. Lange Zeit war unklar, ob es weitere Täter gibt oder ob die Gefahr bereits gebannt war, nachdem ein Täter erschossen worden ist. Etliche Wiener*innen leisteten in dieser Nacht Außergewöhnliches: Ein Café-Betreiber sah den Täter und brachte andere in Sicherheit. Ein Sanitär fuhr mit mulmigem Gefühl zum Einsatzort. Eine Lehrerin erklärte ihren Schüler*innen die Tat. Ein Seelsorger sprach bis zum Morgengrauen mit Menschen, die nicht weiter wussten. Ein Journalist fürchtete um sein Leben und fing dann damit an, über das Attentat zu recherchieren. Sie alle erzählen von dem, was sie am Montag und am Tag nach dem Anschlag erlebt haben.

„Als ich meiner Freundin gesagt habe, dass ich zum Einsatz fahre, hat sie mich entrüstet angeschaut“

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Bernhard Martinak war als freiwilliger Sanitäter im Einsatz

Foto: WRK/Dokuteam

Bernhard Martinak, 30, seit zehn Jahren als  freiwilliger Sanitäter beim Wiener Roten Kreuz

„Ich saß daheim vor dem Fernseher, als ich vom Anschlag erfahren habe. Per Alarm-SMS wurde ich, so wie die anderen freiwilligen Sanitäter, zum Einsatz gerufen. Die Nachrichtenlage war zu dem Zeitpunkt noch ziemlich unsicher. Als ich meiner Freundin gesagt habe, dass ich zum Einsatz fahre, hat sie mich entrüstet angeschaut, aber für mich stand fest, dass ich helfen werde. Auf dem Weg zur Station hatte ich trotzdem ein ziemlich mulmiges Gefühl. Ich hatte Videos von einem Attentäter mit Schusswaffen gesehen, aber ich wusste, dass wir uns alle erst einmal an einem sicheren Ort versammeln und gebrieft werden, was mir schon mal ein bisschen Sicherheit gegeben hat.

Für meine Freundin und Familie war die Situation natürlich deutlich undurchsichtiger und angsteinflößend. Ich habe versucht, alle 15 Minuten ein Lebenszeichen zu schicken. Nach der Ankunft wurden wir Sanitäter zunächst alle auf einen Informationsstand gebracht. Es ist Wahnsinn, wie viele Fake News kursiert sind und wie wenig das dann tatsächlich mit der Realität zu tun hatte. Trotzdem war uns allen bewusst, wie gefährlich die Situation noch immer ist. 

Ich war verantwortlich für einen Wagen, der gemeinsam mit einigen Fahrzeugen verschiedener Rettungsorganisationen in der Nähe vom Schwedenplatz in einem von der Polizei gesicherten Bereich bereitgestellt war. Wir hatten Bereitschaft, falls sich noch weitere Einsatzorte ergeben würden. Es war eine sehr angespannte Situation. Um uns herum standen viele Passanten, die nicht genau wussten was los ist. Wir sollten durch die Straßen schauen und berichten, falls uns irgendetwas auffällt und so für unsere Sicherheit und die der  Passanten sorgen.

Ich hatte keinen Patientenkontakt, weil andere Fahrzeuge näher am Geschehen stationiert waren, aber wir haben über Funkkontakt laufend mitbekommen, was gerade passiert. Über den Funk wurden wir über andere Einsatzorte, Sammel- und Bereitstellungsorten der Rettungsfahrzeuge, oder Gefahrensituationen stets informiert. Ich hatte natürlich Sorge um meine Kolleginnen und Kollegen, denn seit dem Mehrfachmord in Annaberg wissen wir leider, dass auch Rettungssanitäter in solchen Situationen in Gefahr sind.Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass die Polizei und die Cobra alles dafür tun, uns zu schützen und uns im Notfall in Sicherheit bringen.

Ich war von 21 Uhr bis zwei Uhr vor Ort. Ich musste am nächsten Tag früh in die Arbeit, für die jüngeren Kollegen, die das nicht mussten, ging der Einsatz deutlich länger. Mir wurde anschließend mehrfach psychologische Unterstützung angeboten. Mir persönlich geht es gut, aber ich hatte auch keinen Patientenkontakt und bin schon länger dabei als andere Kollegen. 

Mich hat dieser Einsatz in meiner Entscheidung, als Freiwilliger für das Rote Kreuz zu arbeiten, nur bestärkt. Wir haben einen sehr großen Zusammenhalt in Wien und haben gezeigt, dass wir uns aufeinander verlassen können und dass unsere Konzepte funktionieren. Außerdem bin ich sehr stolz darauf, wie trotz dieser absoluter Ausnahmesituation während des Einsatzes die Covid-Schutzmaßnahmen eingehalten wurden und sich auch die Bevölkerung an die Maskenpflicht gehalten hat.“ 

„Als die ersten Menschen angeschossen wurden und nacheinander auf die Straße fielen, wusste ich: Das ist ein Attentat“

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Auf das Café, in dem Thomas Hillinger arbeitet, wurde geschossen.

Foto: Privat

Thomas Hillinger, 39, Betriebsleiter des Castelletto, einem Café am Wiener Schwedenplatz

„Es war der letzte Tag vor dem Lockdown, unser Café war gut besucht, der Schanigarten war voll. Ein Filmteam von den Medien war da und hat die Leute gefragt, wie sie die letzten Stunden vor dem Lockdown verbringen. Ich dachte mir nur: ,Ja, super. Ein schöner Tag.‘ Eine halbe Stunde später, kurz nach acht Uhr, hörte ich plötzlich ein lautes Krachen. Ein Mitarbeiter kam zu mir und sagte: ,Da wird geschossen.‘ ‚Geh bitte, hör auf, das sind irgendwelche Trotteln, die herumböllern‘, sagte ich zu ihm. Ich dachte wirklich, das seien Jugendliche, die die letzten Stunden vor dem Lockdown feiern wollten und ein kleines Feuerwerk veranstalteten.

Als ich dann nach draußen vors Café ging, konnte ich schon die ersten Menschen sehen, die um ihr Leben rannten und ,Hilfe! Hilfe! Lauft! Lauft!‘ schrien. Es ist sehr schwer, darüber zu sprechen, weil alles so schnell ging, ziemlich schnell. Selbst zu dem Zeitpunkt, als ich die Menschen schreien und laufen sah, dachte ich noch, dass hier gerade eine Szene für einen Film gedreht wird. Als dann aber die ersten Menschen angeschossen wurden und nacheinander auf die Straße fielen, wusste ich: Das ist ein Attentat.

Ihn habe ich auch gesehen, den Täter. Er lief hinter den Menschen her mit diesem langen, großen Gewehr, das aussah wie eine Kalaschnikow. Er trug ein weißes Oberteil, mehr weiß ich nicht mehr. Gesehen habe ich nur das Gewehr und diese vielen Menschen in unserem Café, die plötzlich aufsprangen und Jacken, Taschen, alles liegen ließen in der Angst um ihr Leben. Viele rannten in Richtung Schwedenplatz, andere rannten mit meinem Mitarbeiter und mir zu uns ins Café, währenddessen hörten wir wie die Schüsse hinter uns, die auch gegen die Glasscheiben unseres Cafés fielen. 

Wir haben einen alten Bunker bei uns im Café, dort drängten wir die Leute hinein. Und die ganze Zeit über hörte man diese Schreie und Schüsse, viele weinten furchtbar. ,Der wird uns alle umbringen‘, dachte ich. Wenn man das nicht selbst erlebt hat, kann man sich das gar nicht vorstellen. Es sitzt mir immer noch in Mark und Bein. Ich wählte 133, die Notdienstzentrale der Polizei, und sagte: ‚Bitte verständigen Sie das Innenministerium, hier passiert gerade ein Attentat, es wird geschossen.‘ Und der Kollege am Apparat meinte nur: ‚Jaja, wir werden es weiterleiten.‘ Ich spürte, dass er mir nicht ganz glaubte. ‚Bei uns rufen viele psychisch Kranke an, die wollen oft nur Aufsehen erregen‘, sagte er und ich wiederholte noch einmal, dass es wirklich ernst sei. ,Ja, ich leite es weiter‘ - und dann legte er auf. 

Ich weiß gar nicht, wie lange wir dann auf die Polizei warten mussten, ich habe  das Gefühl, es waren Stunden. Nach und nach kamen immer mehr Polizisten, die hier am Schwedenplatz so etwas Ähnliches wie einen Stützpunkt aufbauten.

In dem Keller saßen wir etwa anderthalb Stunden, dann gingen die ersten Menschen nach Hause. Ich selbst kam erst um halb acht in der Früh heim und sprach noch mit meinen Angehörigen über alles, was ich erlebt hatte. Meinen Mitarbeitern und Gästen ist Gott sei Dank nichts passiert, wir sind heil davongekommen. Trotzdem bleiben da noch diese dramatischen Szenen im Kopf, die ich gesehen und gehört habe. Deswegen überlege ich, psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen, um das alles zu verarbeiten. Das wird jedenfalls noch dauern.“

„Nach fast 40 Stunden ohne Schlaf habe ich gemerkt, wie sehr diese Stadt und das Land unter Schock stehen“

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Der Falter-Journalist Lukas Matzinger ging gerade Zigaretten holen, als er die Schüsse hörte.

Foto: Patrick Rieser

Lukas Matzinger, 30, Redakteur bei der Wochenzeitung Falter

„Unsere Redaktion liegt in unmittelbarer Nähe zum Ort des Anschlags. Meine Kollegin Eva Konzett und ich sind um kurz nach acht Uhr noch einmal rausgegangen, um Zigaretten zu holen. Auf der Straße standen Menschen mit weit aufgerissenen Augen und bleichen Gesichtern, sie sagten, es seien Schüsse gefallen. Ich dachte das seien Betrunkene, die ich nicht für voll nehmen müsse. Selbst als ich die ersten Schüsse gehört hatte, dachte ich, es seien Böller. Mein allererster Impuls als Journalist war, dass ich berichten will. Erst als ich gesehen habe, dass Polizisten in Schutzausrüstung um die Ecke kamen und tatsächlich geschossen haben, bin ich zurückgegangen, habe an die Redaktionstür gehämmert, damit man sie uns öffnet. Oben angekommen haben wir erst einmal das Licht ausgeschaltet. Unser Chefredakteur hat gerufen, dass wir von den Fenstern wegbleiben sollen. Nun wollte ich nicht mehr berichten. Natürlich gab es den leisen Gedanken, dass der Falter als liberale Zeitung ein Anschlagsziel sein könnte, wie es auch bei Charlie Hebdo schon geschehen ist. 

Ich habe schließlich kurz meine Familie und Freunde informiert, dass ich in Sicherheit bin und habe wieder angefangen zu arbeiten: recherchieren, Videos auswerten, Informanten anrufen. Ich war, wie alle anderen, extrem wach und konzentriert auf die Arbeit, ich denke, das lag am Adrenalin. Überall im Netz kursierten Falschmeldungen. Selbst offizielle Polizeimeldungen stellten sich später als falsch heraus. Es war extrem schwer, die Übersicht zu behalten. Ich glaube, es gab in dieser Nacht niemanden, der keine Fehler gemacht hat. Allerdings haben einige Medien wie die Krone und vor allen Dingen OE24 derart skandalös berichtet, dass dieser Abend auch eine Zäsur für die österreichischen Medien sein könnte. Bei OE24 liefen in Dauerschleife Videos, in denen Menschen hingerichtet wurden. Es wurde unverpixelt gezeigt, wie ein Mensch stirbt. Das ist auf keinste Weise zu rechtfertigen. 

Als ich am Dienstagabend nach fast 40 Stunden ohne Schlaf, nach der Arbeit und anschließenden Interviews, durch die Wiener Straßen gegangen bin, habe ich gemerkt, wie sehr diese Stadt und das Land unter Schock stehen. Es gibt eine Staatstrauer, eine von der Politik verordnete, und eine ehrlich gefühlte. Ich selber hatte nicht wirklich Zeit, das Geschehene zu verarbeiten. Aber aktuell denke ich nicht, dass es meine Sicht auf den Beruf ändern wird. Das Attentat ist für mich viel mehr etwas, über das ich berichte, als etwas, das ich erlebt habe. Mich interessiert mehr, warum sich dieser Wiener Bub derart radikalisiert hat und was die Behörden für Informationen hatten, als wie es mir damit geht.“

„Die Schüler*innen hatten Riesenangst, diese Bilder überfordern sie“

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Die Lehrerin Alexandra Vrhovac bekam Nachrichten von verängstigten Schüler*innen und Eltern.

Foto: Kader Yildiz

Alexandra Vrhovac, 28, ist Lehrerin an einer Wiener Mittelschule. Ihre Schüler*innen sind zwischen zehn und 14 Jahre alt

„Eigentlich wäre ich am Montagabend mit einer Bekannten zum Essen auf der Mariahilferstraße verabredet gewesen. Aber meine Wasserleitungen zu Hause funktionierten nicht und so musste ich noch auf den Installateur warten – ein großes Glück, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Während ich auf den Installateur wartete, erreichten mich schon die ersten Bilder von verwundeten Menschen in einer meinen Whatsapp-Gruppen. Online erfuhr ich dann, dass in der Stadt Schüsse gefallen seien und dass es sich vermutlich um ein Attentat handele. Das Treffen mit meiner Bekannten sagte ich natürlich gleich ab.

Schon zehn Minuten nach den ersten Medienberichten bekam ich über unsere Online-Schulplattform Nachrichten, aber auch Anrufe von Eltern. Sie sagten, dass sie ihre Kinder morgen nicht in die Schule schicken würden, manche meldeten ihre Kinder sogar für die restliche Woche krank. Es schrieben mir aber auch einige Kinder selbst, sie hatten meine Nummer von Wandertagen. 

Ich ging anfangs gar nicht auf die Nachrichten der Schüler*innen ein und appellierte stattdessen an die Eltern, mit ihren Kindern zu sprechen, nicht unbedingt alles medial mit ihnen mitzuverfolgen und stattdessen die Situation zu Hause so ruhig wie möglich zu halten. Ich muss ehrlich sagen: Es war ultraschwierig für mich, die richtigen Worte zu finden. Zu dem Zeitpunkt war ich ja selbst noch total aufgebracht. 

Der Unterricht einen Tag darauf war wahnsinnig schwer. Ich hatte kaum geschlafen, weil ich die Medienberichte nachts noch verfolgt hatte. Ich rief morgens ein Taxi, weil ich nicht mit der U-Bahn fahren wollte, die Situation war ja immer noch unsicher. Die österreichische Regierung hatte die Schulpflicht für diesen Tag aufgehoben, aber ich wusste, dass einige meiner Schüler*innen trotzdem kommen würden, weil gerade die Kinder an unserer Schule sehr auf die Nachmittagsbetreuung angewiesen sind. ,Was spreche ich mit denen? Wie gehe ich das an? Wie gehe ich mit ihnen um?‘, dachte ich. Ich fühlte mich wirklich ohnmächtig, machtlos. Als ich dann ankam, waren nur sehr wenige Schüler*innen da, genau wie eine unangenehme Stille. Manche fragten Dinge zum Anschlag. Wieder andere sagten einfach gar nichts. Einige Eltern erzählten mir, dass ihre Kinder Videos gesehen hätten, die verbreitet worden waren, in denen der Täter und die verwundeten Menschen zu sehen sind. Auch Nachhilfeschüler*innen, die ich ehrenamtlich betreue, erzählten mir davon, ein Mädchen begann sogar zu weinen. Ich spürte ein großes Unverständis, viele Emotionen, die Schüler*innen hatten Riesenangst. Diese Bilder überfordern sie und das ist klar. Sie überfordern ja auch uns Erwachsene.

Ich versuche, meinen Schüler*innen das Gefühl zu geben, dass ich immer für sie erreichbar bin. Ich glaube, das ist gerade sehr wichtig, vielleicht sogar wichtiger als selbst ,das Richtige‘ zu sagen. Deswegen auch mein Appell an alle anderen Lehrerinnen und Lehrer: Sprecht mit euren Schüler*innen über das, was passiert ist, lasst sie Fragen stellen, hört ihnen zu. Wir dürfen sie mit ihren Gedanken und Gefühlen nicht alleine lassen. 

Ganz wichtig finde ich, dass es jetzt nicht um Leistung gehen darf, dass geplante Schularbeiten und Tests verschoben werden und man sich Ersatzprogramme überlegt. Die österreichische Journalistin und ehemalige Lehrerin Melisa Erkurt hat zum Beispiel angeboten, einzelne Stunden zu übernehmen, mit den Kindern Yoga zu machen, ihnen vorzulesen. Irgendetwas, das sie auf andere Gedanken bringt. Oder zum Lachen! Vorhin erst schrieb mir ein Nachhilfeschüler diese Nachricht: ,Ach Frau Vrhovac. Wir schaffen das, Wien schafft das. Wir haben auch den coolsten Hashtag gegen Terroristen: #schleichdichduOaschloch.‘“

„Dass nun immer klarer wird, dass es sich wohl um einen einzelnen Täter gehandelt hat, ist für uns eine wichtige Sache”

Dr. Rudolf F. Morawetz, Vorsitzender des Notfallpsychologischen Dienstes Österreich 

„Von 20.30 Uhr an habe ich die ganze Nacht bis zum Morgen durchgearbeitet und etwa 30 bis 40 Telefonate geführt mit Menschen, die nicht wussten, wie es weitergeht. Ein Gespräch bleibt mir dabei besonders in Erinnerung: Eine junge Frau rief mich an, weil sie sich Sorgen um ihren vierjährigen Sohn gemacht hat. Er hatte mitbekommen, dass es Tote gab. Nun war sie verzweifelt, weil sie nicht wusste, wie viel sie ihm davon erzählen soll und fragte mich um Rat. Ich musste daran denken, dass man Kinder unter drei Jahren oft überschätzt bei dem, was sie verarbeiten können. Kinder über sechs Jahren unterschätzt man hingegen oft. Das sind herausfordernde Situationen, auch für mich, der seit vielen Jahren in diesem Bereich arbeitet. Ich wusste zunächst nicht, was ich ihr sagen sollte, also habe ich ihr geraten, dem Kind Stabilität zu vermitteln, es zu beruhigen und ihm nicht zu viele Details zu erzählen, die das Kind ohnehin vergessen würde.

Viele Leute waren außerdem in Bars oder Theatern gestrandet und riefen an, um herauszufinden, ob sie nun heimgehen dürften. Ich habe dann gesagt: ,Bestellen Sie sich doch noch eine Runde und freuen Sie sich, dass Sie trotz Maßnahmen noch in einer Bar sitzen dürfen. Morgen dürfen Sie das nicht mehr.‘ Ich versuche es meistens mit Humor. Man darf die Dinge nicht noch schwerer und belastender machen. Die meisten, die an dem Abend unterwegs waren und bei mir angerufen haben, waren recht jung. Natürlich hat kaum jemand von ihnen jemals einen Terroranschlag erlebt. Denen habe ich gesagt: ,Das ist eine schlimme Sache, aber ihr werdet das überleben und eines Tages euren Enkelkindern davon erzählen.‘

Bei den meisten Fällen können wir am Telefon einen konkreten Rat geben. Wenn zum Beispiel am Abend, als vieles noch unklar war, jemand wissen wollte, ob ein Angehöriger im Krankenhaus liegt, habe ich gesagt, dass das Wiener Krankenhaussystem zwar sehr gut ist, aber die Chancen schlecht stehen, dass man genau jetzt eine Auskunft bekommt. Es hat einfach keinen Sinn. Ich habe dann gesagt: ,Legen Sie sich erstmal hin und stellen Sie sich den Wecker auf 3 Uhr nachts und dann versuchen Sie es nochmal im Krankenhaus.’

Dass nun immer klarer wird, dass es sich wohl um einen einzelnen Täter gehandelt hat, ist für uns eine wichtige Sache. Die Angst vor dem Phantom, das draußen weiter herumläuft und um sich schießen könnte, ist für die Menschen ein wesentlicher Faktor für ihre Angst. Wenn wir nun eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, dass es keine weiteren Täter gibt, tun wir uns leichter bei unserer Arbeit. Ich hoffe, dass sich die Lage dadurch beruhigt hat.“ 

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