„Wer hat das Recht, dir zu sagen, dass du hässlich bist? Nur du selbst!“

Vanessa Münstermann wurde von ihrem Ex-Freund mit Säure übergossen. Darüber hat sie ein Buch geschrieben.
Interview von Nadja Schlüter

„Jeder hat seine Probleme“, sagt Vanessa Münstermann, „und vielleicht habe ich sogar Glück, dass man meine sieht“.

Foto: Christian Holzknecht

Am 15. Februar 2016 lauerte Vanessa Münstermanns Ex-Freund ihr auf und übergoss sie mit ätzendem Rohrreiniger. Sie lag zwölf Tage im künstlichen Koma, musste wochenlang im Krankenhaus bleiben, unzählige Operationen durchmachen und verlor ein Auge. Die Folgen des Angriffs sieht man ihr bis heute an. 2017 hat die heute 30-Jährige den Verein „AusGezeichnet“ gegründet, der Entstellten und Versehrten hilft. In dieser Woche ist ihr Buch „Ich will mich nicht verstecken“ (Rowohlt) erschienen, in dem sie ihre Geschichte erzählt. Sie schreibt darin über die Beziehung zum Täter, die Zeit im Krankenhaus und in der Reha, über Liebe, Schönheitsideale und darüber, wieso sie sich heute freier fühlt als vor der Tat.

jetzt: Gleich zu Beginn beschreibst du in deinem Buch den Angriff durch deinen Ex-Freund Daniel. Die Szene liest sich so, als seist du damals total ruhig geblieben. War das wirklich so?

Vanessa Münstermann: Ja, aus reiner Naivität. Das einzige, was ich bis dahin an Säure kannte, war Zitronensäure. Ich wusste also nur: Mein Gesicht ist nass. Ich dachte, ich komme ins Krankenhaus, die waschen mich und dann kann ich zur Arbeit gehen. Ich wollte sogar noch Auto fahren, aber die Frau, die mir geholfen hat, hat gesagt: „Du fährst nirgendwohin, wir müssen eine Notarzt rufen.“

Hattest du keine Schmerzen?

Nein. Ich dachte lange, dass das am Adrenalin lag, aber dann hat mir meine Ärztin erklärt, dass die Säure so ätzend ist, dass die Nervenzellen innerhalb von Millisekunden ausgeschaltet waren. Deswegen habe ich nichts gespürt.

Es hat einige Wochen gedauert, bis du dich das erste Mal nach dem Anschlag im Spiegel gesehen hast. Wie war dieser Moment für dich?

Durch die ganzen Opiate und Morphine war ich total abgeschossen. Das hat mich, glaube ich, davor geschützt, zu fallen und zu sagen: „Ich will nicht mehr leben“. Das erste, was ich zu mir gesagt habe, war: „Oh, scheiße“, ansonsten war da keine Reaktion. Ich wusste ja auch, dass ich das erstmal so hinnehmen muss und nichts daran ändern kann.

Das klingt pragmatisch. Bist du nie über deine Situation verzweifelt?

Auf einer Benefizveranstaltung hat mir mal ein Reporter, der damals im Krankenhaus war, gesagt, dass er nicht daran geglaubt hat, dass ich das durchstehe. Ich glaube, das haben viele gedacht. Und ja, ich habe manchmal auf dem Sofa gesessen und gedacht, ich schaffe es nicht mehr. Aber jeder hat seine Probleme – und vielleicht habe ich sogar Glück, dass man meine sieht. Andere, die seelisch leiden und bei denen man sagt „Die hat doch nix, man sieht ja nix“, die leiden, glaube ich, mehr.

Du hast dich entschieden, keine OPs mehr vornehmen zu lassen, die die Narben weiter entfernen würden. Warum?

Ich hatte zwischen acht und zehn OPs in der Koma-Zeit, danach jeden Monat eine, bei 30 habe ich aufgehört zu zählen. Eine muss ich noch machen lassen: Weil ich nicht hochgucken kann, muss ein Schnitt in den Hals gemacht werden. Aber alles andere sehe ich nicht ein. Das ist zu viel Schmerz nur für die Optik, das rentiert sich nicht. Und für wen soll ich das machen lassen? Für die Gesellschaft? Um dem Schönheitsideal näher zu kommen? Wozu? Ich habe eine zauberhafte Tochter, einen liebevollen Mann. Es gibt keinen Grund.

„Früher hat mir gutes Aussehen alles bedeutet“

Hat dir gutes Aussehen früher etwas bedeutet?

Es hat mir alles bedeutet. Ich dachte, ich werde nicht geliebt, wenn ich nicht gut aussehe. Ich hatte Minderwertigkeitskomplexe und Suizidgedanken. Wenn du gekommen wärst und gesagt hättest „Du bist die schönste Frau der Welt“, ich hätte dir nicht geglaubt. Wie viele wunderhübsche Frauen fühlen sich hässlich? Ich glaube, das ist der allgemeine Zustand und jede zweite Frau denkt so.

In deinem Buch beschreibst du, wie du zu dir selbst sagst: „Ab heute darfst du hässlich sein.“ Du verwendest für dich selbst auch den Begriff „entstellt“. Das klingt ganz schön hart.

Es befreit mich. Ich bin hässlich, weil ich nicht unserem Schönheitsideal entspreche. Aber wer bestimmt das? Wer hat das Recht, dir zu sagen, dass du nicht normal oder dass du hässlich bist? Nur du selbst!

Wie reagieren Menschen auf der Straße auf dich?

Man darf nicht vergessen: Ich bin in den Medien, jeder kennt meine Geschichte. Darum gibt es keine Gaffer, die vor mir stehen und sagen: „Was ist denn da passiert?“ Ich habe vorgegriffen und mich dadurch geschützt. Nicht nur vor meinem Exfreund, sondern auch vor der Gesellschaft.

Die Grundlage für „Ich will mich nicht verstecken“ war Vanessas Tagebuch.

Buchcover: Rowohlt

Du hast viel darüber nachgedacht, warum Daniel dir das angetan hat. Bist du zu einem Schluss gekommen?

Ich kenne den Grund bis heute nicht und ich glaube, dass er ihn auch nicht kennt. Ich habe unzählige Briefe von ihm bekommen, er sagt, er bereut es nicht und dass es auch keine Eifersuchtsszene war. Er ist einfach krank, in seinem Leben ist sehr viel schief gelaufen. Wie jede Frau habe ich aber erstmal den Fehler bei mir gesucht: Was hätte ich anders machen können, um das zu verhindern? Bis ich zu dem Punkt gekommen bin: Egal, was ich gemacht hätte, selbst wenn ich – entschuldige, wenn ich das so sage – auf den Tisch gekackt hätte, ist das immer noch kein Grund, mir Säure ins Gesicht zu schütten. Und seit ich zu diesem Schluss gekommen bin, muss ich nicht mehr nach dem Warum fragen.

Heute bist du wieder in einer Beziehung. Kannst du nach dem, was du erlebt hast, wieder ganz vertrauen?

Ich vertraue meinem Partner das Wichtigste in meinem Leben an, meine Tochter, und wenn ich am Boden bin, ist er für mich da. Aber zu hundert Prozent vertrauen ist mir bis heute nicht möglich. Ich bin zögerlicher. Meine beste Freundin musste mich erstmal zwingen, mich mit meinem jetzigen Partner zu treffen, weil ich Angst hatte, wieder Gefühle aufzubauen. Nach Daniel wollte ich eigentlich keinen Mann mehr.

„Ich kenne meinen Feind jetzt, ich weiß, wozu dieser Mann in der Lage ist“

Und wenn du auf der Straße unterwegs bist? Hast du da manchmal Angst?

Daniel sitzt ja im Gefängnis. Und anfangs dachte ich: „Wenn er irgendwann kommt und mich holt, dann bin ich eben weg.“ Ich hatte nichts zu verlieren. Heute ist das anders, weil ich Angst um meine Tochter und meinen Partner habe.

Wann kommt Daniel frei?

In neun Jahren. Und ich denke jeden Tag daran. Ich glaube, dass er dann noch mal vor mir stehen wird. Aber ich kenne meinen Feind jetzt, ich weiß, wozu dieser Mann in der Lage ist.

Beim Prozess bist du ihm auch noch einmal begegnet. Wie war das für dich?

Ich dachte lange: Das kann nicht mein Daniel sein, das muss jemand anders sein, am Anfang unserer Beziehung war er schließlich mein Traummann. Es hat gedauert, bis ich begriffen habe, dass dieser Mensch einfach abgrundtief böse ist. Er hat zum Beispiel behauptet, ich hätte mir das selbst angetan. Ein anderes Mal, dass er mir meine Arme und Beine abschneiden wollte. Ich musste auf die harte Tour lernen, was ich mir da angelacht hatte.

Die Idee für deinen Verein „AusGezeichnet“ kam dir schon im Krankenhaus. Wie genau?

Auf der Intensivstation lag mir ein kleines Mädchen gegenüber. Sie war komplett verbrannt. Für mich gab es damals die Spendenaktion „We love Vanessa“ und ich habe mich gefragt: „Warum ich und nicht sie? Was, wenn sie sich vielleicht nicht mal eine Perücke leisten kann?“ Daraus entstand die Idee, anderen zu helfen.

„Ich spreche mit den Menschen, um ihnen das Gefühl zu geben: Ihr seid nicht alleine“

An wen genau wendet sich der Verein?

An alle mit Narben und Entstellungen. Oft entstehen bei Unfällen zum Beispiel Verbrennungen durch Airbags oder jemand hat Narben, weil nach einem Unfall die Nase gerichtet werden musste. Ich verschicke Hilfspakete, in denen unter anderem Narbencremes sind, und spreche mit den Menschen, um ihnen das Gefühl zu geben: Ihr seid nicht alleine.

Wie viele Menschen betreust du gerade?

Aktiv zehn Personen, unter anderem eine Mutter, deren Kind betroffen ist. Die Anfangsphase ist immer sehr intensiv, dann wird es nach und nach ein bisschen weniger. Manchmal betreue ich in einem Monat fünf Menschen, manchmal zehn, manchmal melden sich 35 auf einmal, weil ich im Fernsehen war.

Durch das Buch werden sich sicher auch wieder mehr Menschen melden.

Ich hoffe, dass auch das Buch selbst einigen hilft, weil sie sehen, dass sie nicht alleine sind. Manche Menschen wollen lieber in ihrem Schneckenhaus bleiben und ich will sie da nicht rauszerren.

Du hast das Buch also für andere geschrieben? Oder hat es dir auch selbst geholfen?

Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, weil ich es veröffentlichen wollte – das war mein Tagebuch! Und dann habe ich es dem Verlag später einfach in die Hand gedrückt und gesagt: „Macht was draus.“ Ich wollte, dass meine Tochter nachlesen kann, wer ihre Mutter wirklich ist, falls Daniel mich in neun Jahren holen kommt. Und ich habe gehofft, dass es anderen Betroffenen helfen kann. Jetzt freue ich mich riesig auf die Lesungen. Ich will darüber reden. Und das ist am Ende natürlich auch eine Art Selbsttherapie.