Kann man eine beste Freundin über Facebook finden?

Unsere Autorin hat es ausprobiert.
Von Sarah Tekath

Illustration: Julia Schubert

Ich bin kein vollständiger Mensch. Zumindest nicht, wenn es nach Serien, Büchern und Filmen geht. Darin hat nämlich jede Frau eine beste Freundin. Eine, die sie nach der dritten Flasche Weißwein schluchzend anrufen kann, weil sich dieser Typ einfach nicht gemeldet hat oder eine, der sie schnell texten kann, ob sie zum gemeinsamen Lästern über GNTM vorbeikommen will. Ich habe so eine Freundin nicht – nicht zum Reden, nicht zum Schweigen, nicht zum gemeinsamen Netflixen am verregneten Sonntag, nicht für spontane Städtereisen am Wochenende.

Ich wohne seit zehn Jahren nicht mehr in Deutschland und habe in der Zwischenzeit auch im Ausland mehrfach den Wohnort gewechselt. Meine Freundinnen aus dem Kindergarten oder der Schulzeit wohnen Hunderte Kilometer weit weg und führen gänzlich andere Leben als ich. Außer hin und wieder ein paar Chatnachrichten ist davon nicht viel übriggeblieben.

Aber auch auf der Arbeit habe ich keine Freundin kennengelernt: Ich arbeite selbstständig von zu Hause, Freundschaften mit Kolleginnen können so gar nicht erst entstehen. Damit verfolge ich wahrscheinlich einen recht typischen Lebensentwurf meiner Generation: Bloß nicht festlegen – oder zumindest auf nichts, was meiner Selbstverwirklichung entgegen steht. So habe ich aber eben auch den Zeitpunkt verpasst, eine gute Freundin zu finden. Ich war einfach mit anderen Dingen beschäftigt. 

Mein einmaliger Versuch, auf Tinder Freunde zu finden, ist katastrophal schiefgegangen

Es wäre aber nicht das digitale Zeitalter, wenn sich mein Problem nicht online lösen ließe. Die App-Stores sind voll mit Apps zum einander kennenlernen: Bumble, MeetMe, Badoo, Lovoo, Budify – selbst Tinder ist ja offiziell erstmal dafür da, neue Leute in der Umgebung kennenzulernen. So richtig vertraue ich diesen Apps allerdings nicht. Mein einmaliger Versuch, auf Tinder Freunde zu finden, ist katastrophal schiefgegangen – weil am Ende halt doch alle davon ausgingen, dass ich eigentlich Sex will.

Aber auch auf Facebook gibt es explizit Gruppen zum Freunde finden. Das halte ich für mein Experiment für vertrauenswürdiger. Es gibt Gruppen sortiert nach Regionen, Altersgruppen oder Interessen. Der Bedarf ist offenbar vorhanden, viele Gruppen zählen mehrere Tausend Mitglieder. Bei der größten sind es sogar 33 000!

Die Autorin (oben links und unten rechts) mit zwei Frauen, die sie während ihrer Suche getroffen  hat

Die Facebook-Gruppe meiner Wahl heißt „Amsterdam Girl Gone International“ und hat knapp 2300 Mitglieder. Ich schreibe einen kurzen Post, in dem ich mich vorstelle und einen Aufruf mache, ob jemand mit mir Kaffee trinken, spazieren gehen oder einen Lunch verbringen möchte. Weiter erkläre ich noch, dass große Gruppentreffen und Smalltalk wirklich nichts für mich sind. Dass ich eine Freundin suche, schreibe ich jedoch nicht. Ganz so verzweifelt will ich nicht wirken. Außerdem gehe ich davon aus, dass sich eine Freundschaft von alleine entwickelt, wenn wir uns sympathisch sind.

Innerhalb von wenigen Stunden sammeln sich 38 Kommentare und zahlreiche Nachrichten zu meinem Beitrag. Darunter jede Menge Zuspruch. „Kudos for putting yourself out there!“ Viele Frauen geben zu, in einer ähnlichen Situation zu sein und freuen sich, dass ich mein ‚Problem‘ so offen anspreche. Das bestärkt mich aber nicht in meinem Vorhaben. Im Gegenteil, es macht mich unsicher: Muss ich mich schämen, dass ich auf diese Weise Freunde suche? Ist das hier ein Zeichen meines persönlichen Versagens? Gleichzeitig liest man überall von der Vereinsamung der Menschen in Großstädten. Ich kann doch nicht die Einzige sein, der es so geht? Die vielen Reaktionen auf meinen Post beweisen das ja auch. Ich versuche also, positiv zu bleiben: Wenn ich am Ende über diesen Weg eine Freundin finde, hat es sich gelohnt!

Eher ein netter Zeitvertreib als eine richtige Freundin

Tatsächlich treffe ich am kommenden Freitag meine erste potenzielle Freundin – im Amsterdamer Zoo, wo sie arbeitet. Ich bin zwar nicht unbedingt nervös, mache mir aber Sorgen, dass es peinliche Gesprächspausen geben könnte. Es ist halt doch ein bisschen wie ein romantisches Date – nur eben rein platonisch.

Lonneke steht ebenfalls etwas unsicher vor dem Eingang des Zoo-Restaurants und schaut sich suchend um. Als ich zielsicher auf sie zusteuere, hellt sich ihr Gesicht auf. Gemeinsam drehen wir eine Runde durch den Park. Lonneke ist Niederländerin, hat aber viel Zeit in Australien und in London verbracht und lebt nun erst seit Kurzem in Amsterdam. Den Smalltalk lassen wir direkt weg und sprechen über Probleme mit den Mitbewohnern, den sozialen Druck des Kinderkriegens auf Frauen um die 30 und Kulturschocks, die wir in unserem Leben durchlitten haben. Wir kennen uns nicht, haben aber viele Gemeinsamkeiten, weil wir eben beide bisher ein so unstetes Leben hatten. Der Druck, das Gegenüber wie bei einem Tinder-Date beeindrucken zu wollen, fällt gänzlich weg, weil wir von einander nichts erwarten und eigentlich auch nichts zu verlieren haben.

So ähnlich geht es dann auch bei den restlichen Verabredungen weiter. Insgesamt treffe ich zwölf Frauen und mit allen verstehe ich mich gut. Sie stammen aus Malta, den Niederlanden, der Ukraine, den USA oder Indien, haben schon in mehreren Ländern gelebt. Einige sind ebenfalls selbständig und oft allein unterwegs, um sich die Welt anzusehen. Eigentlich also die ideale Basis für eine Freundschaft, bei der man sich nicht andauernd sehen muss, aber einander versteht. Trotzdem habe ich Zweifel, dass ich viele von ihnen ein zweites Mal sehen werde. Denn obwohl wir darüber sprechen, dass beide Seiten sich gleichermaßen für den Erhalt einer Freundschaft anstrengen müssen, fühle ich mich in den Gesprächen eher wie ein netter Zeitvertreib als wie eine richtige Freundin.

Meine Vermutung bestätigt sich. Nur von drei Frauen höre ich erneut. Andere melden sich einfach gar nicht mehr, obwohl sie bei der Verabschiedung glaubhaft versichert haben, mich gerne noch einmal treffen zu wollen. Von wieder anderen erhalte ich nicht einmal mehr eine Antwort, als ich ihnen nach dem Treffen noch einmal schreibe.

Wie passt das zusammen? Warum wollen sich so viele mit mir treffen, dann aber will sich niemand weiter anstrengen? Ich erwarte ja nicht, dass jemand gleich nach dem ersten Treffen mit mir einen gemeinsamen Urlaub plant. Aber zumindest mal eine Gegenfrage im Chat wäre nett. Vielleicht hätte ich in meinem Post doch direkt schreiben sollen, dass ich eine ernsthafte Freundschaft suche. So bleibe ich eine austauschbare Kaffee-Verabredung.

Ich bin selbst überrascht, wie sehr mich das enttäuscht. Natürlich bricht es mir nicht das Herz, wenn jemand nach einer einzigen Verabredung nichts mehr mit mir zu tun haben will. Aber ich frage mich schon, ob nicht etwas grundlegend falsch läuft. Schließlich habe ich den Frauen zugehört, mich geöffnet, Interesse gezeigt. Ich bilde mir auch durchaus ein, dass ich als Freundin das Leben einiger bereichern könnte. Aber offenbar bekomme ich dazu nicht einmal die Chance.

Vielleicht sind heutzutage Freundschaften, wie alles andere, ständig in Bewegung

Vielleicht, weil es eben so viele andere Optionen gibt. Niemand muss auf meine Whatsapp-Nachricht antworten, wenn er daneben noch 20 andere Chats hat. Vielleicht sind heutzutage Freundschaften, wie alles andere, ständig in Bewegung. Sie sind eine gute Option, wenn man den Freitagabend nicht alleine verbringen möchte. Wenn es dann anstrengend wird, sucht man sich wen neues.

Oder vielleicht gibt es eben doch diese eine bestimmte Phase im Leben, in der man die beste Freundin gefunden haben muss? Wer dann keine gefunden hat, hat Pech. Ist die Grundlage wahrer Freundschaft vielleicht, dass man gemeinsam zurückblicken kann? Aber auch dann wäre das ja noch irgendwann nach dem Schulabschluss möglich. Schließlich kann man auch dann immer noch gemeinsame Erinnerungen sammeln. Das beginnt vielleicht mit einem Kinobesuch, dann folgt ein Konzert, irgendwann ein Urlaub und plötzlich weiß man gar nicht genau, wann sie eigentlich die beste Freundin geworden ist.  

Ich habe bei meinem Selbstversuch keine beste Freundin gefunden. Wahrscheinlich nicht einmal eine Freundin überhaupt. Einige der Frauen sehe ich noch für einen gelegentlichen Kaffee oder eine Verabredung zum Abendessen. Wir unterhalten uns, haben eine gute Zeit miteinander. Am Boden zerstört wäre aber wohl keine von uns, wenn es plötzlich aufhören würde. Und vollständiger als vorher fühlt sich sicher auch niemand.

Mein Versuch hat mich aber immerhin dazu gebracht, über Freundschaften nachzudenken und zu reflektieren, was ich dabei erwarte. Monatliche Life-Updates über zwei Cappuccinos und spontane Nachrichten am Freitagabend, weil sonst niemand Zeit hat, reichen mir nicht. Ich möchte keine Schönwetter-Freunde, die plötzlich an grauen Tagen alle verschwunden sind. Auch will ich niemanden zu meiner Priorität machen, für den ich nur eine Option von vielen bin.

Sicher gibt es unterschiedliche Verständnisse von Freundschaft und manche sind wahrscheinlich rundum zufrieden, wenn sie sich mit möglichst vielen Menschen verabreden können, es aber nicht unbedingt in die Tiefe geht. Ich bin es nur eben nicht. Bestimmt gibt es aber irgendwo auch Menschen, die sich von meinem Verständnis von Freundschaft angesprochen fühlen und bereit sind, sich genau dafür auch anzustrengen. Ich muss sie bloß finden, nur vielleicht nicht auf Facebook.

  

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