Männer haben länger Liebeskummer

Da hilft es auch nicht, sich das Ende schön zu saufen.
Foto: knallgrün/ Photocase

Wenn zwei sich trennen, leidet meistens einer mehr. Und länger. In diesem Fall ich – so dachte ich zumindest. Er war Amerikaner. Ich trennte mich von ihm. Vor allem räumlich. Er litt, ich litt. Er litt drei Tage, ich litt drei Monate. So fühlte sich das an. Dann trafen wir uns wieder. In Paris. Am Tresen von Harrys New York Bar. Ich fragte: Wie hast Du das damals so schnell verarbeitet? („How did you get over us so quickly?“). Er antwortete er sei trinken gegangen – drei Nächte in Folge. („I went on a bender – three nights in a row.“)

Ich konnte mir ziemlich genau vorstellen, wie er drei Nächte lang durch die Straßen von Manhattan geirrt war. Von Chinatown in die Kenmare Street. Dann für ein paar Stunden in eine Hotelbar im West Village. Den letzten Drink im Employees Only. Whiskey auf Eis, wie immer. („Old Fashioned, Sir!“)

Ich konnte mir vorstellen, wie er dabei Freunde getroffen und sie wieder verloren hatte, wie sie ihm auf die Schulter geklopft hatten, wie ihm Barmänner auf die Schulter geklopft hatten. Taxifahrer, Türsteher und Corner Store-Besitzer – alle klopften. Alle klopften ohne Worte, aber voller Verständnis. Irgendein Barmann (oder vielleicht auch eine Frau) wird gefragt haben, was denn los sei („What's wrong?“). Und wenn man den Erzählungen von Männern trauen kann, dann wird er in diesem Moment so etwas gesagt haben wie „Ich habe das beste Mädchen der Welt verloren“. („I lost the best girl in the world.“) Und der Barmann wird genickt haben. Ohne Worte, voller Verständnis.

Männer sagen so etwas angeblich. Bestätigte mir zumindest mein männlicher Freundeskreis. Männer beschmutzen nicht. Männer lassen hochleben und dann vergessen sie. Je mehr Alkohol, desto schneller vergessen sie. Desto schönere Worte finden sie. Und dann finden sie ein neues schönes Mädchen (vielleicht sogar die Frau von der Bar) und neue schöne Worte. Und dann hat sich die Sache. Man ist drüber hinweg.

„Ich habe noch keinen männlichen Klienten gehabt, der frisch getrennt zu mir kam“

Denkste! Der Amerikaner hat gelogen. Dieser Meinung ist zumindest Beziehungs-Coach Daniela van Santen. Denn erfahrungsgemäß trauern Männer länger und kommen frühestens ein halbes Jahr nach der Trennung zu ihr in „Die Liebeskummerpraxis“ in Hamburg. Meist liegt sogar ein ganzes Jahr dazwischen. „Ich habe noch keinen männlichen Klienten gehabt, der frisch getrennt zu mir kam“, erzählt van Santen. Erst nachdem verschiedene Verdrängungsphasen, wie beschriebene Sauftour oder eine Rebound-Beziehung, vorbei sind, fängt der Mann wirklich an zu trauern. Seine Ex hat die Trennung dann oft schon so gut wie überwunden.

Beziehungs-Coach Daniela van Santen "Die Liebeskummerpraxis"

Foto: Petra Wedler

Tatsächlich kommen sogar mehr Männer als Frauen mit ihrem Liebeskummer zu Beziehungs-Coach van Santen. Auch weil diese Männer (wenn seit der Trennung bereits so viel Zeit vergangen ist) mit niemanden mehr darüber reden können. Und es auch generell nicht wollen. Dem Barmann eine Auskunft zu geben, empfinden die meisten Männer schon als Unterhaltung. Aus „gesagt“ wird „geredet“. Und auch, dass es sich dabei meist um eine Schwärmerei und kein Niedermachen handelt, ist laut van Santen Teil der Gesprächsvermeidungstaktik. Denn darüber wie toll jemand war, lässt sich kaum so gut diskutieren wie über dessen Macken und Fehlverhalten.

Auch Rachegefühle sind Männern laut van Santen relativ fremd. Denn Rache ist mit zu vielen Gefühlen verbunden, die Männer vermeiden wollen. Die ist auch der Grund, warum so viele Männer nach der Trennung einfach untertauchen. Mit dem „Ghosting“ würden sie schmerzhafte Konfrontationen mit ihren eigenen Gefühlen vermeiden, erklärt van Santen. Der Verdrängungsmodus von Männern führt zuweilen zu kuriosen Situationen. Da muss beispielsweise die Ex-Freundin zum Weihnachtsessen mitkommen, weil der Mann die Trennung vor den eigenen Eltern verborgen hält.

Und wie lange braucht es nun, um mit Trauer fertig zu werden? Schwer zu sagen, denn es komme auf die Intensität der Beziehung an, meint van Santen. Doch die Faustregel, dass man mindestens die Hälfte der Beziehungszeit trauert, hält sie für Quatsch. Bei leichtem Liebeskummer geht es ihrer Erfahrung nach Mann wie Frau bereits nach 100 Tagen wieder ziemlich gut. Wonach ich mit meinen drei Monaten ja sogar richtig schnell war.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien zum ersten Mal am 30. Mai 2016. Am 16. Juni 2020 wurde er aktualisiert noch einmal veröffentlicht. Zudem bat uns die Autorin, den Text aus privaten Gründen anonym veröffentlichen zu dürfen.

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