Warum manche Menschen sich selbst heiraten

Sophie hat zu sich selbst „Ja“ gesagt. Ist das eine narzisstische Spielerei? Unser Autor hat sie gefragt.
Von Laurenz Schreiner
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Foto: Sophie Tanner / Privat

Menschen heiraten nicht nur andere Menschen. Das finde ich schnell heraus, als ich alternative Hochzeitsformen google. Zum Beispiel hat die US-Amerikanerin Carol Santa Fe den Bahnhof Santa Fe geheiratet. „Als wir geheiratet haben, stand ich da und habe ihr gesagt, dass ich sie als meine Partnerin nehme. Es war der schönste Tag in unseren Leben“, sagte Santa Fe. Andere Menschen wollen Flugzeuge heiraten. „Ich habe Sex mit einer Boeing 737-800“ ist der Titel eines Artikels auf ze.tt. Darin erzählt Michelle, dass sie sich mit einem Flugzeug verlobt hat. Und weil es auf dieser Welt nichts gibt, was es nicht gibt, heiraten wieder andere Menschen sich selbst.

In mehreren Medien erzählen sie davon. Aber ist das eine gute Idee? Geht das überhaupt? Und warum sollte man das machen? Und wie sieht sowas dann aus?

Anruf bei Sophie Tanner im englischen Brighton. Die 41 Jahre alte Autorin hat sich vor viereinhalb Jahren selbst geheiratet und natürlich ein Buch darüber geschrieben. Die Ehe scheint zu halten. „Ja, ich bin noch mit mir selbst verheiratet“, sagt Tanner. Und dann erzählt sie mir, wie es dazu kam. Nach einer Trennung ging es ihr schlecht, ihr Ex-Freund hatte sie betrogen. „Aber eines Morgens bin ich aufgewacht und mein Optimismus kam zurück. Denn ich habe Menschen um mich herum, die ich liebe. Und ich liebe mich selbst.“

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Sophie Tanner hat sich selbst geheiratet ...

Foto: Sophie Tanner / Privat
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... und ist überglücklich mit ihrer Entscheidung.

Foto: Sophie Tanner / Privat

Das Standesamt antwortet nicht

Jetzt ist es natürlich grundsätzlich erst einmal schön, sich selbst gut zu finden. Oft genug hat man damit ja Probleme. Wie wahrscheinlich jeder Mensch kenne ich Selbstzweifel und frage mich, ob ein Text gut genug ist oder mich meine Freund*innen so mögen, wie ich sie mag. „Sich selbst zu lieben, ist sehr wichtig“, sagt Tanner. Das passt gut zum Trend der Selbstachtsamkeit, zu einer Zeit, in der viele, vor allem jüngere Menschen weniger arbeiten möchten, um mehr Zeit mit sich zu haben, um auf ihren Körper zu hören, zu meditieren, Yoga zu machen, um sich selbst zu spüren, ganz bei sich zu sein.

Aber muss man denn gleich heiraten? Für Tanner ist die Selbsthochzeit ein Zeichen an sich selbst sowie an andere Menschen. „Sich selbst zu lieben, sollte genauso wichtig sein wie jemand anderen zu lieben. Und welchen besseren Weg gibt es, Liebe zu feiern, als mit einer Hochzeit?“

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Die Hochzeitsgäste freuen sich mit ihr.

Foto: Sophie Tanner / Privat
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Glückwunsch zur Hochzeit!

Foto: Sophie Tanner / Privat

Hm, damit hat sie wohl recht. Aber Heiraten ist eben staatlich geregelt, im Bürgerlichen Gesetzbuch steht: „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen.“

Ich frage per E-Mail beim Standesamt München nach, ob sie sich mit einem solchen Fall schon mal auseinandersetzen mussten. Eine Antwort bleibt aus. Auch der Bundesverband der Deutschen Standesbeamtinnen und Standesbeamten kann mir nicht helfen. „Wir haben gerade wirklich Anderes zu tun“, sagt eine Frau am Telefon. Gut, die Welt hat wichtigere Probleme, das verstehe ich.

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Sophies Selbstliebe wird ausgelassen gefeiert.

Foto: Sophie Tanner / Privat
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Endlich verheiratet!

Foto: Sophie Tanner / Privat

Wer küsst da dann wen?

Aber wie lief das dann bei Sophie Tanner? Ist das Standesamt in Brighton da einfach entspannt und lässt jeden Menschen heiraten, wen und was er will, auch sich selbst? Natürlich nicht. Das Standesamt erteilte Tanner eine Absage. Doch das hat sie noch mehr motiviert. „Ich mag es nicht, wenn Nein zu mir gesagt wird. Dadurch wurde mein Gedanke stärker: Okay, ich mache das.“

Für eine Feier braucht man ja keine rechtliche Anerkennung. Aber wie sieht so eine Feier dann aus? Muss ich dann „Ja, ich will“ zu mir selbst zu sagen? Wer küsst da dann wen? Tanner hatte für den Tag ihre besten Freund*innen eingeladen. Sie trug ein weißes Kleid, hatte 15 Brautjungfern und es lief Kendrick Lamars Song „i“ mit der Zeile „I Love Myself“.

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Im Kreise ihrer besten Freund*innen gab sich Sophie selbst das Jawort.

Foto: Sophie Tanner / Privat
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„Sich selbst zu lieben, ist sehr wichtig“, sagt Tanner.

Foto: Sophie Tanner / Privat

„Ich nehme mich dabei nicht ganz ernst“, sagt Tanner. Aber als sie sich selbst ihre Eheversprechen wie „Ich verspreche, mir immer meine beste Freundin zu sein“ gegeben habe, sei das ein besonderer Moment gewesen. „Es fühlte sich sehr mächtig an. Und viele Leute haben gesagt, sie hatten Gänsehaut, weil es für sie das erste Mal war, dass ein Mensch sagt, er ist verantwortlich für das eigene Glück“, sagt Sophie Tanner. Es geht also um ein öffentliches Bekenntnis zu sich und nicht wirklich um rechtliche Anerkennung.

 

Tanner hört öfter den Vorwuf, narzisstisch zu sein

Aber ein öffentliches Bekenntnis zu mir selbst, ist das nicht narzisstisch und selbstverliebt? Tanner kennt diese Kritik. „Man kann es sehr falsch verstehen“, sagt sie. Solche Vorwürfe zeigten die komplexe Einstellung, die die Gesellschaft zur Selbstheirat habe. „Gerade als Frau wird dir durch die Medien ständig gesagt, dass du nicht gut genug bist, aber wenn du mal klar machst, dass du dir selbst etwas wert bist, wirst du dafür fertig gemacht“, sagt Tanner. Narzisstisch sei sie deshalb nicht. „Narzisstische Menschen lieben sich nicht selbst. Sie sind davon besessen, wie andere sie sehen und sehr unsicher.“ Sie will für das Gegenteil stehen.

Und sie will zeigen, dass man keine*n Partner*in braucht, um glücklich zu sein. „Der große Teil unserer Gesellschaft ist so besessen von romantischer Liebe, davon, die eine Person zu finden, die dich glücklich macht, deine andere Hälfte“, sagt Tanner. Das merkte sie nach der Trennung von ihrem Freund. „Seit ich single bin, sagen mir Menschen: Keine Sorge, die richtige Person ist schon an der nächsten Ecke. Aber muss ich mich dafür schämen, single zu sein? Das ist doch falsch.”

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Ist es narzisstisch, sich selbst zu heiraten?

Foto: Sophie Tanner / Privat
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Sophie Tanner möchte zeigen: Man braucht keine*n Partner*in, um glücklich zu sein.

Foto: Sophie Tanner / Privat

Das sieht nicht nur Tanner so. Auch Emma Watson hat sich in einem Interview mit der „British Vogue“ 2019 darüber beschwert – und reagiert. Die Schauspielerin heiratete sich zwar nicht selbst. Aber sie bezeichnete sich als „self-partnered” statt als „single”. Die unterschwelligen Botschaften von außen hätten Watson vor ihrem 30. Geburtstag Angst gemacht. „Wenn du kein Haus gebaut hast, wenn du keinen Ehemann hast, wenn du kein Baby hast und 30 wirst [...], gibt es da einfach unglaublich viele Ängste”, sagte Watson.  

Vor allem für Frauen sei ein großer Druck zu heiraten da, meint Tanner. „Du giltst als alte Jungfer, als zurückgelassen im Regal, während du als Mann der begehrte Junggeselle bist.“ Trotzdem hätten auch Männer mit dem Heiratsdruck ihre Probleme. Und sowieso sei es Tanner zufolge ja für jede*n wichtig, sich selbst zu lieben und am besten sogar zu heiraten.

Aber wenn ich mich nun selbst heiraten sollte, kann ich dann auch noch eine andere Person heiraten? Oder wäre das dann Fremdgehen? Für Tanner ist die Selbsthochzeit unabhängig davon, ob man schon in einer Beziehung ist oder nicht. Sie kann sich sogar vorstellen, noch mal zu heiraten. Denn die Selbsthochzeit könnte auch Beziehungen zu anderen verbessern, meint Tanner. „Je netter du zu dir selbst bist, desto mehr Empathie hast du auch für andere.“

Das klingt sinnvoll. Zumindest sind mir andere Menschen näher als eine Boeing 737-800.

Dieser Text ist aus dem Klartext-Magazin „Hochzeit“ von der Deutschen Journalistenschule. Damit das Heft gedruckt werden kann, sammelt die Klasse derzeit Geld auf startnext.  

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