„Wir haben ein bisschen Geschichte geschrieben”

Alessia und Davide haben als Mann und Frau geheiratet. Jetzt sind sie Frau und Mann. Dafür mussten sie lange kämpfen.
Von Francesco Collini
transgender paar cover

Alessia und Davide am Tag ihrer Hochzeit

Foto: Chiara Serracchiani

Ein Paar Tage nach der entscheidenden Anhörung teilt Alessia Martino ihre Freude mit ihren 400 Freundinnen und Freunden auf Facebook. Sie postet ein Foto von der Akte, die diese 14 Monate lange Auseinandersetzung mit der italienischen Justiz besiegelt. Dekoriert mit Herzchen-Smileys schreibt die damals 27-Jährige: „Am 25. wird es vorbei sein und ich kann es kaum erwarten.” Sie meint damit den 25. Juni 2019. Es dauert dann doch bis Oktober 2019, doch die Erleichterung bleibt: Das Gericht verkündet, dass es die Geschlechtsangleichung von Alessia und ihrem Mann Davide Martino akzeptiert.

Davide hieß früher Valentina, Alessia hieß Alessio. Sie waren beide transgender. Die Vergangenheitsform ist ihnen wichtig, denn mittlerweile haben sie ihre Geschlechtsangleichung vollzogen. Mit dem jetzigen Urteil erkennt der italienische Staat nicht nur ihre Transition – wie sie den Weg zum anderen Geschlecht nennen – offiziell an, auch ihre Hochzeit bleibt weiterhin gültig. Es ist das erste Mal, dass in Italien eine Ehe nach einer Geschlechtsangleichung weiterbesteht. Bisher wurden Ehen in einem solchen Fall annulliert, denn in Italien sind sie gleichgeschlechtlichen Partnerschaften übergeordnet. Das Besondere bei Alessia und Davide: Beide änderten ihr Geschlecht. Über eine solche Konstellation hatte die italienische Justiz noch nie geurteilt. „Wir haben ein bisschen Geschichte geschrieben”, sagt Alessia stolz, ihr Mann Davide nickt.

Das Gerichtsverfahren „hat uns ein Jahr geklaut”, sagt Alessia

Die beiden sitzen beim Treffen im Sommer 2019 vor einem Café an der Hauptstraße von Orbetello, einem beliebten Urlaubsziel in der Toskana. Die Kleinstadt liegt mitten in einer Lagune. Vom Stadtrand aus beobachten die Touristen Flamingos. Doch das Paradies ist gleichzeitig Provinz. Nach Florenz dauert es zweieinhalb Stunden, nach Rom zwei. Die Leute sind eher konservativ, der Bürgermeister gehört zu einem rechten Bündnis. Am Samstagnachmittag trifft man in den Cafés viele tätowierte Jäger, die meisten sind schon im Rentenalter. Trotz allem sagt Alessia: „Ich würde nie wegziehen wollen. In Orbetello muss ich nicht erklären, wer ich bin.” Anders sei es in Davides Heimatstadt Gallarate in der Lombardei gewesen. Dort suchten die Unternehmen „plötzlich niemanden mehr”, sobald die beiden von ihrer Transgender-Identität erzählten. Auch deswegen fiel die Entscheidung auf Orbetello. Alessia arbeitet im Nachbarort als Kassiererin in einem Lebensmittelgeschäft, Davide baut Schiffe in einer Werft.

Bald wollen die beiden eine kleine Bed-and-Breakfast-Kette aufbauen. Doch das Gerichtsverfahren „hat uns ein Jahr geklaut”, sagt Alessia. Die staatliche Anerkennung ihrer Geschlechter sei für beide unabdingbar gewesen. „Bei der Fahrprüfung wurde ich mit dem alten Vornamen aufgerufen. Sowas ist ein Problem für mich”, erzählt Davide. Im Frühjahr 2018 leitete das Paar ein Zivilverfahren ein, in dem die beiden den Staat von ihren neuen Geschlechtern überzeugen mussten. Sie legten mehrere medizinische Gutachten vor, erschienen vier Mal vor Gericht und beteuerten, dass sie mit der Geschlechtsangleichung ihres Partners einverstanden seien. Mittlerweile können sie über die Prozedur lachen, „bei den ersten Sitzungen habe ich aber immer geweint”, sagt Alessia.

Beim Café-Besuch, wenige Tage nach der Verhandlung, trägt Alessia Sneaker, eine schwarze, enge Hose und ein schwarzes T-Shirt. „Ich ziehe mich immer schwarz an, das macht schlanker”, sagt sie. Durch die Hormontherapie, die sie selbst zahlen muss, habe sie zugenommen. Trotz der Hitze eines Junitages bröckelt ihr Make-up kein bisschen. Neben Schmuck sei Kosmetik ihre größte Leidenschaft. Ihr Mann, Davide Martino, heute 24, macht bewusst einen weniger herausgeputzten Eindruck. Mit seinem Irokesenschnitt wirkt er ein bisschen wie ein Punk-Rocker: Auf den Armen und am Hals hat er sich farbige Tattoos stechen lassen. Die hellbraunen Haare sind seitlich kurz rasiert, oben bleibt nur ein drei bis vier Zentimeter breiter Streifen. Seinen Kinnbart hat er schon seit ein paar Tagen nicht mehr gestutzt.

Auch der Charakter der beiden ist sehr unterschiedlich. Wenn Alessia spricht, überschüttet sie ihr Gegenüber mit Informationen und Meinungen, ihre schwarzen Haare schiebt sie dabei immer wieder nach hinten. Sie spricht von Kosmetikmarken, Promis, aber auch darüber, dass die Medikamente für Hormontherapien in Italien immer knapper werden. Anders als es sein Äußeres vermuten lassen würde, ist Davide ein ruhiger Typ, der nur spricht, wenn es nötig ist. Wenn er das Gefühl hat, dass seine Frau etwas unterschlagen hat, fügt er etwas hinzu, oft auch zum Spaß. Etwa wenn sie erzählt, dass sie abends nicht so oft ausgeht. „Weil du schon alt bist”, sagt er und lacht.

Um das Verfahren zu beschleunigen, schrieb Alessia sogar dem Präsidenten der italienischen Republik Sergio Mattarella einen Brief

Trotz der charakterlichen Unterschiede sind die Lebensgeschichten von Alessia und Davide erstaunlich ähnlich. Beide kommen aus einer eher wohlhabenden Familie, beide sind Scheidungskinder. Laut dem Paar hat Alessias Vater die Geschlechtsangleichung nie akzeptiert - Davides Mutter ebenso wenig. Zu beiden hätten die Eheleute keinen Kontakt mehr. Dafür stehen Alessias Mutter und Davides Vater zu ihren Kindern, die schon früh wussten, dass sie im falschen Körper geboren worden waren. „Als ich klein war, habe ich immer mit Puppen gespielt und mich geschminkt”, sagt Alessia. „Ich habe mit fünf angefangen Fußball zu spielen”, erzählt ihr Mann, der in seinem damaligen Freundeskreis schon immer „Davide” genannt wurde. „Als ich mich meinem Vater anvertraut habe, meinte er, er wisse schon Bescheid.”

La mia transizione MtF - Alessia Vittoria

Nach dem ersten halben Jahr vor Gericht beschloss Alessia, dass es so nicht weitergehen könne. Der Stress belastete sie auch gesundheitlich, sogar ihr Magen entzündete sich. Einen Monat vor Ende des Verfahrens wechselten Davide und sie den Anwalt. In solchen Fällen müsse man kämpfen, sagt Alessia. Das Paar engagierte Cathy La Torre, eine der berühmtesten Rechtsanwältinnen Italiens, die sich für die Rechte von LGBT einsetzt. Um das Verfahren zu beschleunigen, schrieb Alessia sogar dem Präsidenten der italienischen Republik Sergio Mattarella einen Brief. „Wenn ich etwas will, reiße ich jedes Hindernis zwischen mir und meinem Ziel ein”, sagt sie. Doch es änderte sich nichts.

Es seien lange Tage gewesen, erzählen Alessia und Davide. Angesichts der langsamen italienischen Justiz regte sich Davide oft auf. Deshalb schrieb er E-Mails, Alessia übernahm die Telefongespräche. Die zwei sind ein gut eingespieltes Team. Seit fünf Jahren sind sie zusammen. Sie lernten sich über eine Facebook-Gruppe für italienische Transgender kennen. Dort tauschten sich die beiden mit den über 3.400 Nutzerinnen und Nutzern aus. „Irgendwann schrieb er mir ‚Buongiorno’, ich war total aufgeregt”, erzählt Alessia. „Er meldete sich ein Paar Tage nicht mehr. Eines Morgens schrieb ich ihm ‚Buongiorno’.” Während Alessia erzählt, lacht Davide und zuckt mit den Schultern. Sie sei zu Beginn zurückhaltend gewesen, habe nicht gewollt, dass er sie besuchen kommt. Trotzdem hat er die Initiative ergriffen: Er fuhr zu ihr nach Orbetello. Seitdem sei Davide, so sagt es Alessia, quasi „nie wieder abgereist“.

Die Hochzeit war der schönste Moment im Leben von Davide und Alessia – und gleichzeitig der Beginn einer sehr mühsamen Zeit

Nach wenigen Monaten beschlossen sie zu heiraten – Alessia war damals 24, Davide 20. „Einfach so”, sagt Davide. Diesmal fügt Alessia etwas hinzu: „Ich sage ihm immer, ein einziges Leben mit ihm reicht mir nicht. Ich glaube an Reinkarnation und will Davide auch im nächsten Leben treffen.“ Die Hochzeit war der schönste Moment im Leben von Davide und Alessia - und gleichzeitig der Beginn einer sehr mühsamen Zeit. Denn auf einmal wurden die Medien auf sie aufmerksam. Alessia und Davide wurden Gegenstand und Gäste von Klatschsendungen.

 „Vor einer Sendung in Mailand wurde ich am Bahnhof von einem Fahrer abgeholt, der ein Plakat mit meinem alten Vornamen hielt”, sagt Alessia. „Das sagt einiges darüber aus, wie wichtig wir Transsexuelle den Medien sind. In Italien sind wir etwas Exotisches, werden mit Tabus assoziiert”, sagt sie. Die mediale Aufmerksamkeit hat das Leben von Davide und Alessia aufgewühlt: „Man kann sich vorstellen, was hier in Orbetello los war.“ Unbekannte hätten angefangen, sie zu grüßen, andere hätten den Medien ihre Adresse weitergegeben, manche sogar um Geld gebeten: „Sie dachten, wir seien Millionäre”, erzählt Alessia. Damals schaltete sich auch die Politik ein. Alessias und Davides Fall schlug ein in einer Zeit, in der Italien heftig über LGBT-Rechte debattierte. Als in einem Interview stand, dass das Paar ein Kind von einer Leihmutter wolle, wurden die Schlagzeilen und Shitstorms noch heftiger. Sogar der Lega-Chef Matteo Salvini widmete dem Ehepaar einen Facebook-Post, in dem er seine Bedenken äußerte: „Das Kind einer Mutter, die ein Mann war und eines Vaters, der eine Frau war, ist nicht die Zukunft, an die ich denke.” Einen Teil des Satzes schrieb er in Großbuchstaben. „Egal, wie es Salvini und seine Anhänger auch drehen, wir bleiben Frau und Mann”, entgegnet Alessia, die wie Davide eine scharfe Kritikerin der rechten Partei Lega ist.

Am 3. Oktober 2019 verlas der Richter das zukunftsweisende Urteil. Alessia und Davide dürfen verheiratet bleiben

Im Kampf um die Anerkennung ihrer Geschlechter fühlen sich die beiden von Medien und Politik im Stich gelassen. Für ihren Erfolg mussten sie alleine streiten. Am 3. Oktober 2019 verlas der Richter das zukunftsweisende Urteil. Alessia und Davide dürfen verheiratet bleiben. „Wir wurden von einer großen Last erlöst”, sagt Alessia nach der entscheidenden Anhörung. Im Auto seien sich die beiden einander in die Arme gefallen. „Das ist der Beginn einer neuen Phase.”

Wenige Tage später ist bei Alessia und Davide schon fast wieder Alltag eingekehrt. „Ich fahre ihn morgens zur Arbeit, dann gehe auch ich arbeiten. Wenn ich heimkomme, koche und putze ich.”, sagt Alessia. Am späten Nachmittag widmet sie ein bis zwei Stunden ihrem YouTube-Kanal Alessia Vittoria Cozzi, der fast 5000 Abonnentinnen und Abonnenten hat. Sie spricht nicht nur über Schminke, sondern auch über ihre und Davides Geschichte und gibt anderen Transgender Tipps - etwa über Verlauf und Kosten der Geschlechtsangleichung. Für ihre Zukunft wünscht sich Alessia mehr Ruhe -  und natürlich Davide and ihrer Seite. Sie scherzt: „Als Paar sind wir traditioneller als Salvini, der ist ja geschieden.“  

Dieser Text ist im Klartext-Magazin, dem Magazin der Deutschen Journalistenschule, im Dezember 2019 erschienen. 

  • teilen
  • schließen