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Horror-Date: Der verlorene Schlüssel

Illustration: Daniela Rudolf

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Dating-Situation: zweites Date, online kennengelernt

Geschlecht und Alter des Dates: weiblich, 27 Jahre

Horror-Stufe: 3 von 10

„Scheiße.“ Der Stress steht Steffi (Name geändert) ins Gesicht geschrieben. „Scheiße, Scheiße!“ Ruckartig steht sie auf, wühlt wild mit den Händen in den Hosentaschen, die Augen dabei weit aufgerissen, ins Leere starrend. „Ich hab ihn doch eingesteckt! Oder? Hab ich doch!?“ Ich muss zugeben: „Ich weiß es nicht.“

Steffi und ich bekommen gerade Karottenkuchen und Espresso serviert, unsere Räder haben wir vor dem Café abgestellt und an einen Pfeiler angeschlossen. Dreimal hatte sie noch an ihrem Schloss gezuckelt, ob es auch wirklich fest war. Ihr Rad ist sicher, nur fällt Steffi gerade auf, dass der Schlüssel zu ihrem Schloss weg ist. 

Stresssituationen haben wir noch nicht zusammen erlebt, im Gegenteil, bisher gab es nur einen entspannten Parkspaziergang beim ersten Date. Und Stress hat aktuell auch nur Steffi. Sie wird immer aufgeregter: „Überleg doch mal! Wo hab ich denn den Schlüssel hingetan?“ „Ich weiß es wirklich nicht.“ „Der kann doch nicht weg sein!“ „Ist er bestimmt auch nicht.“ „Aber wo ist er denn?“ „Denk mal kurz nach, was du nach dem Abschließen gemacht hast.“ „Wieso ich?“ „Na ja ...“, weiter komme ich nicht, denn Steffi wird immer hektischer. „Dein ‚Denk mal nach’ nützt mir gerade nichts, ich brauch den Schlüssel!“ „Deswegen sollst du ja nachdenken“, sage ich und lächele versöhnlich, und Steffi: „Grins nicht so, such lieber!“ 

Ich bleibe höflich, ich helfe ihr, mit schlechter werdender Laune, aber ich helfe

Klare Ansage. Und auch, wenn ich langsam nicht mal mehr Lust auf Karottenkuchen und Espresso mit Steffi habe, suche ich mit ihr. Zuerst draußen bei den Fahrrädern: nichts. Im Eingangsbereich des Cafés: nichts. Ich knie mich hin, blicke unter die Tische, während Steffi auf meine Antwort wartet: „Und?“ „Nichts.“ „Frag mal den Kellner!“ Schon wieder eine Ansage! Langsam ist es mal gut, denke ich, ist schließlich ihr Problem, wenn sie so schusselig ist und den Schlüssel verliert, aber ich bleibe höflich, ich helfe ihr, mit schlechter werdender Laune, aber ich helfe. 

„Habt ihr irgendwas gefunden?“, frage ich den jungen Mann hinter dem Tresen, und Steffis Reaktion auf sein Kopfschütteln spricht Bände: „Mann!“ Ein bisschen kann ich sie ja verstehen: Wir sind in Altona, sie wohnt in Winterhude, so schnell kommt sie nicht an einen Ersatzschlüssel – wenn sie denn einen hat. „Hast du einen Ersatz ...“ „Nein!“ Wir suchen weiter. Wir fragen die anderen Gäste im Café, ob sie was gesehen haben: leider nichts. 

Das war’s. Unser zweites Date ist unser letztes Date, das steht felsenfest

„Wie soll ich denn nach Hause kommen? Und morgen zur Arbeit? Aaah!“ Aus Steffis Stress wird Panik und ich meine, auch ein bisschen Verzweiflung zu erkennen, sind das Tränchen in ihren Augen? „Wir kriegen das hin“, sage ich, „wir finden den Schlüssel. Auf jeden Fall finden wir eine Lösung.“ „Den Schlüssel, ich brauch den Schlüssel!“ Und ich brauche einen Schluck Espresso, so kalt der mittlerweile auch ist. Kurz durchschnaufen und beruhigen, denke ich. Aber nicht mit Steffi: „Wie kannst du denn jetzt Espresso trinken!“ 

Das war’s. Unser zweites Date ist unser letztes Date, das steht felsenfest, zumindest für mich. Erst recht, als Folgendes passiert: Steffi geht auf einmal mit schnellen Schritten Richtung unseres Tischs. Sie greift nach ihrer Handtasche, die über der Lehne ihres Stuhls hängt, zieht den Reisverschluss der Vordertasche auf und einen kleinen silbernen Schlüssel heraus. „Hab ihn.“ Und mit Blick in meine Richtung: „Hättest du auch mal drauf kommen können!“

Der Autor dieses Textes hat darum gebeten, anonym zu bleiben. Er ist der Redaktion aber bekannt.

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