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Dating-Situation: Treffen mit Partybekanntschaft im Auslandsjahr in Marokko

Geschlecht und Alter des Dates: männlich, Mitte 20

Horror-Stufe: 3 von 10

Als ich Simo (Name geändert) das erste Mal bei einem Konzert in Marokko von weitem sah, war ich fest davon überzeugt, dass er ein Hipster aus Berlin ist. Er trug einen Hut, unter dem dunkle Locken hervorquollen, einen Vollbart, eine große Brille, hatte ein Holzfällerhemd an. Damit erfüllte er optisch jedes Hipster-Klischee. Später am Abend sah ich ihn in einem Club wieder und wir tanzten etwas zusammen, unterhielten uns aber kaum. Ich fand aber heraus, dass er kein Berliner, sondern Marokkaner ist. Ich war gerade zum ersten Mal für länger im Ausland und offen für Begegnungen, darum gab ich ihm meine Nummer, bevor ich nach Hause ging. Wir schrieben uns ein bisschen auf Englisch und ein paar Tage später verabredeten wir uns.

Im Café bei Minztee stellte ich schnell fest, dass wir schlicht keine Sprache hatten, in der wir kommunizieren konnten. Er sprach nur das marokkanische Arabisch. Mit meinen wenigen Brocken klassischem Arabisch und seinen Brocken Englisch konnten wir minimal Smalltalk betreiben, aber über ein „What are your hobbies?“ – „I skate“ ging das Gespräch nicht hinaus. Die Situation wurde immer verkrampfter, weil natürlich keine richtige Unterhaltung zustande kam. Unruhig wischte Simo auf seinem Handy hin und her. Schnell fiel mir nichts mehr ein, was ich hätte sagen können und ich flüchtete.

Ich dachte, um ein bisschen rumzuknutschen, muss man ja auch nicht die gleiche Sprache beherrschen

In den nächsten Tagen schickte Simo mir immer wieder Nachrichten auf Englisch, wahrscheinlich mithilfe von Freunden oder Google Übersetzer. Er wollte mich noch einmal sehen. Erst war ich recht unschlüssig, ob ich ihn nochmal treffen wollte. Dann dachte ich, was soll’s, nun weiß ich ja, worauf ich mich einlasse und um ein bisschen rumzuknutschen, muss man ja auch nicht die gleiche Sprache beherrschen. Ich sagte also zu und rechnete mit keinen weiteren großen Überraschungen.

Kurz vor der Verabredung rief mich ein Kumpel von ihm an und sagte, Simo sei krank, er habe heute verdorbenen Fisch gegessen. Trotzdem wolle er mich gerne treffen. Statt Simo alleine traf ich also kurze Zeit später ihn und seinen Freund. Simo sah sehr bleich aus. Wir gingen in ein Restaurant. Simos Kumpel konnte viel besser Englisch. Er druckste etwas herum, nach einer Weile erfuhr ich aber, dass die Geschichte mit dem Fisch eine Notlüge gewesen war. In Wahrheit sei Simo so aufgeregt gewesen, mich zu treffen, dass er sich von einem anderen Freund hatte überreden lassen, am Nachmittag mit Wodka darauf anzustoßen. Der war dem armen Simo aber gar nicht gut bekommen – er kam aus einer konservativen muslimischen Familie und hatte vorher in seinem ganzen Leben noch keinen Alkohol angerührt.

Ich unterhielt mich vor allem mit Simos Freund und fand heraus, woher Simo seinen Hipster-Kleidungsstil hat: Er verkaufte importierte Mode aus Europa auf dem Markt in der Altstadt. Währenddessen stocherte Simo in seinem Zitronenhühnchen herum und stürzte dann plötzlich zur Toilette. Als er wiederkam, war er noch bleicher im Gesicht und ich sah kleine Flecken von Erbrochenem auf seinen Schuhen. Auf Knutschen hatte ich jetzt endgültig keine Lust mehr, ich verabschiedete mich von den beiden.

                                                                                                           

Ein halbes Jahr später lief ich Simo in der marokkanischen Altstadt noch einmal über den Weg. Inzwischen konnte ich viel besser Arabisch und wir wechselten ein paar Sätze. Zu einem dritten Date kam es aber nicht.

Dieser Text stammt von einer jetzt-Leserin, die lieber anonym bleiben möchte. Ihr Name ist der Redaktion aber bekannt.

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