Der Ex, den ich nicht loswerde

Wir sind längst getrennt, aber er lässt mich einfach nicht in Ruhe.
Aus der jetzt-Redaktion
Illustration: Daniela Rudolf

Wenn ich meinen SMS-Ton von damals höre, zieht es tief in meinem Bauch. Es zieht auch, wenn ich Songs von Philipp Poisel, Gotye und Christina Perri höre und das nicht nur, weil die sowieso nicht mein Fall sind. Solche Lieder hat er mir, meist spätnachts, zusammen mit Drohungen und Beschimpfungen und Liebeserklärungen geschickt. Der Klingelton erinnert mich an die Zeit, in der ich jeden Morgen unzählige solcher Nachrichten auf dem Handy hatte. 

Die Nachrichten waren von Tom, meinem ersten Freund, der in Wirklichkeit anders heißt. Wir lernten uns kennen, als wir beide 15 waren – aber bis heute, zehn Jahre später und sechs Jahre nach unserer Trennung, fühlt es sich an, als wäre diese Beziehung noch nicht so ganz vorbei. Das liegt nicht daran, dass ich ihm nachtrauere oder nicht über ihn hinwegkomme. Im Gegenteil: Nichts würde ich mir mehr wünschen, als diese erste Beziehung endlich in der Vergangenheit lassen zu können. Aber mein Ex-Freund hat was dagegen.

Tom ging mit mir zusammen zur Schule. Es war eine Beziehung wie aus der Bravo-Fotolovestory: Wir trafen uns auf einer Klassenparty und verknallten uns, er war mein erster richtig fester Freund und ich seine erste Freundin. Meine Freunde wurden seine Freunde und umgekehrt – wir alle waren eine große Clique. 

Nach vier Jahren, als wir beide zum Studieren vom Land in die Stadt zogen, funktionierte es nicht mehr so gut. Nicht wirklich erstaunlich, dass zwei Menschen, die sich mit 15 kennengelernt haben, sich irgendwann auseinanderentwickeln. Also trennten wir uns – einvernehmlich. Die erste Trennung ist immer schmerzhaft, ich heulte in den ersten Tagen unzählige Packungen Taschentücher voll. Aber ich wusste: Es ist okay so. Und ich wusste auch: Ich brauche erstmal Abstand von allem. 

Aber das wollte Tom nicht akzeptieren, genauso wie er unsere Trennung schon einen Tag danach nicht mehr akzeptieren wollte: Am Morgen hatte ich mehrere SMS aus der Nacht auf dem Handy. Darunter waren Liebesbekundungen („Ich werde dich immer lieben!“) und Beschimpfungen („Wie kannst du mir das antun! Ich hasse dich so sehr!“). Das war nur der Anfang. 

Er schickte Beschimpfungen, Verwünschungen, Drohungen – und zwischendurch dramatische Liebesschwüre

Der SMS-Terror hielt über ein Jahr lang an. Mehrmals täglich (und vor allem nachts) bekam ich Nachrichten von ihm. Morgens war mir oft schlecht. Alles in mir sträubte sich dagegen, mein Handy anzuschalten und zu lesen, was er mir in der Nacht geschrieben hatte. Das waren meist Beschimpfungen, Verwünschungen, Drohungen – zwischendurch wieder dramatische Liebesschwüre und Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit. Einmal hatte er in der Nacht zehn SMS hintereinander geschickt – eine davon war der Link zu einem Philipp-Poisel-Song, in einer anderen schrieb er, wie eiskalt und herzlos ich sei, in der letzten stand: „Angeblich gehen bei dir seit unserer Trennung ja die Männer ein und aus. Was tust du nur…“

Nachdem ich schon bald auf keine einzige seiner Nachrichten mehr antwortete, begann er, mir auch auf Facebook zu schreiben und mich immer wieder anzurufen, auch nachts. Manchmal, wenn seine Nachrichten besonders wütend und zornig waren, hatte ich Angst, dass er plötzlich vor meiner Tür stehen könnte – keine Ahnung, was dann passiert wäre. Per SMS und telefonisch konnte ich ihn damals nicht blocken, auf Facebook sperrte ich ihn. Trotzdem bekam er fast alles mit – ich denke, er benutzte entweder Fake-Profile oder die Accounts von anderen. Dass er mich zumindest online beobachtete, zeigte er mir, indem er mir Screenshots von meinen Profilen schickte. Als ein Freund einen meiner Facebook-Posts mit „Wieder fit?“ kommentierte, bekam ich sofort eine SMS: „Warst du gestern wohl mal wieder mit fremden Jungs unterwegs? Was glaubst du, was du da tust?“

Durch unsere gemeinsame Heimat und vor allem die vielen gemeinsamen Freunde waren wir weiterhin miteinander verbunden. Das nutzte Tom – er spielte unsere Freunde gegen mich aus, „Wenn sie kommt, komme ich nicht“ wurde der Killersatz. Unsere Clique teilte sich dadurch immer mehr, Freundschaften litten unter unserer Trennung – eine zusätzliche Belastung für mich, weil ich gerade in dieser Situation meine Freunde brauchte. Die hatten irgendwann einfach genug, vor allem weil Tom ihnen ständig von seiner Hassliebe zu mir erzählte und sie über mich ausfragte: „Wer ist der Typ, der neuerdings alle von ihren Posts liket?“

Tom ist einer, den alle sofort mögen. Er weiß genau, wie er mit Menschen umgehen muss und sie auch manipulieren kann – das habe ich während unserer Beziehung oft miterlebt. Nur so kann ich mir erklären, wie ich nach allem, was im ersten Jahr der Trennung passiert war, trotzdem wieder Vertrauen zu ihm fassen konnte. Denn nachdem die Nachrichten nach über einem Jahr endlich weniger wurden, hoffte ich, dass Gras über die Sache gewachsen wäre. Monate später trafen wir uns das erste Mal wieder, bei der Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes. Wir unterhielten wir uns wirklich lange und es war schön, wieder normal mit ihm reden zu können – er war wieder der Tom, mit dem ich damals zusammen war. Ich dachte, dass wir jetzt einfach nur befreundet sein könnten – immerhin war die Trennung damals auch schon über drei Jahre her.

Als ich von meinen Plänen für ein Auslandssemester erzählte, wollte er ganz zufällig zur gleichen Zeit an die gleiche Uni

Ich lag falsch. Das merkte ich aber erst, nachdem ich ihm beiläufig von meinen Plänen für ein Auslandssemester erzählt hatte – und er plötzlich behauptete, ganz zufällig zur gleichen Zeit auch an die gleiche Uni zu wollen. Ich wunderte mich und hatte ein ungutes Gefühl, aber mein Platz dort war schon fest und ich redete mir ein, dass es schon okay sein würde. Ein paar Monate später fingen wir beide wirklich an der gleichen Uni, am gleichen Ort, zur gleichen Zeit ein Auslandssemester an. Und auch hier, in einer der größten Städte der Welt, weit weg von daheim, war er immer dort, wo ich gerade war: Er belegte nachträglich zwei meiner Kurse, bat mich, ihm meine Freunde vorzustellen.

Die vorsichtig freundschaftliche Stimmung zwischen uns kippte schnell. Das lag vor allem daran, dass ich nach ein paar Wochen jemanden kennenlernte – und Tom wieder in alte Muster verfiel. Er wurde wütend und sagte mir direkt, dass er mich nicht mit anderen Männern sehen wollte. Irgendwann schrieb er mir eine SMS: „Ich werde dir das versauen. Ich halte ihn von dir fern.“ Als er begann, meinen Freunden Gerüchte und üble Geschichten über mich zu erzählen, war mir zum ersten Mal so richtig klar: Dieser Mensch muss endlich raus aus meinem Leben. Ganz raus.

Zum Glück ist es heute einfacher als vor fünf Jahren, Menschen auf allen Kanälen zu sperren. Und genau das tat ich auch, als ich wieder zurück in Deutschland war. Ich bat alle meine Freunde, ihm keine Infos mehr über mich zu geben. Seitdem haben wir uns zweimal gesehen. Ich habe beides Mal kein Wort mit ihm gewechselt. Trotzdem versucht er es bis heute weiter – verlinkt mich unter Videos auf Facebook, schickt seinen Bruder, um Infos über mich zu bekommen. 

Sein Verhalten kann ich mir auch heute noch nicht ganz erklären. Eifersucht und das Gefühl, ein dauerndes Anrecht auf mich zu haben, haben bestimmt eine Rolle gespielt. Mich verunsichert vor allem, wie ich mich zweimal so sehr in einem Menschen irren konnte. Durch meine Erfahrungen mit Tom bin ich misstrauischer und vorsichtiger geworden. Aber meinen SMS-Klingelton habe ich schon lange gewechselt. Und zum ersten Mal seit sechs Jahren habe ich das Gefühl, dass ich auch den damit verbundenen Menschen wirklich loswerden könnte.

Dieser Text stammt aus der jetzt-Redaktion. Die Autorin hat darum gebeten, anonym bleiben zu dürfen, um ihren Ex-Partner nicht zu verletzen.

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