„Viele sehen nur die Behinderung und nicht die Person dahinter“

Drei Menschen mit Behinderung erzählen von ihren Erfahrungen mit Online-Dating.
Protokolle von Lena Mändlen

Illustration: Julia Schubert

„Gerade in der heutigen Zeit, in der die Medien Gesundheit, Schönheit und Dynamik propagieren, fällt es vielen Menschen aufgrund einer körperlichen oder seelischen Beeinträchtigung nicht so leicht, auf andere zuzugehen und neue Kontakte zu knüpfen.“ So steht es auf der Startseite von Handicap-Love, einer der größten Online-Dating-Plattformen für Menschen mit Behinderung in Deutschland.

Im Prinzip dürfen sich auf  Handicap-Love auch Menschen ohne Behinderung anmelden, der Fokus liegt aber auf Menschen mit Behinderung. Ähnliche Portale sind zum Beispiel Behinderten-Dates oder Behinderte-Dating. Der Grundgedanke solcher Plattformen leuchtet erstmal ein: Hier müssen Betroffene sich nicht mit Vorurteilen herumschlagen und können offen mit ihrer Behinderung umgehen. Aber wird dadurch nicht eine noch größere Distanz zwischen Menschen mit und Menschen ohne Behinderung geschaffen?

Trotzdem scheinen solche Portale beliebt zu sein, allein auf Handicap-Love sind laut Angabe der Website täglich mehrere Hundert Menschen gleichzeitig online. Was also sagen Menschen mit Behinderung zu Plattformen wie Handicap-Love? Und wie sieht es mit herkömmlichen Portalen wie Tinder und Co. aus? Drei Menschen mit Behinderung erzählen.

„Plattformen für Menschen mit Behinderung sollten abgeschafft werden“

Foto: privat

Dominik, 32, hat eine Rückenmarkserkrankung und sitzt deswegen im Rollstuhl.

„Ich habe schon einige Online-Dating-Plattformen ausprobiert, unter anderem Elitepartner, Parship und Tinder. Inzwischen habe ich mich von all diesen Plattformen abgemeldet, weil mir Online-Dating zu oberflächlich ist. Viele Menschen waren dort sehr voreingenommen gegenüber meiner Behinderung. Mitglieder können sich dort pro Tag durch hunderte Profile klicken – da werden sie sich nicht den Menschen mit Behinderung aussuchen. 

Unter den Plattformen für Menschen mit Behinderung habe ich nur Handicap-Love benutzt. Dort hatte ich aber den Eindruck, dass die Leute über Gott und die Welt sprechen, anstatt über Dating. Deswegen habe ich mich auch davon abgemeldet. Solche Plattformen sollten sowieso abgeschafft werden. Für viele mögen sie zwar eine Erleichterung sein, aber sie verleiten Menschen mit Behinderung dazu, sich vom Rest der Gesellschaft abzugrenzen – als wären wir eine Personengruppe, die unter sich bleiben möchte. Diese Plattformen sagen zwar, dass sich dort auch Menschen ohne Behinderung anmelden können, aber seien wir ehrlich: Wer macht das schon?

Das Hauptproblem beim Online-Dating ist: Viele sehen nur die Behinderung, und nicht die Person dahinter. Sie denken, wir würden nicht alleine klarkommen. Aber die meisten Menschen mit Behinderung brauchen nicht mehr Hilfe als andere Menschen auch. Und beim Dating geht es schließlich nicht darum, einen Assistenten zu finden, sondern einen Partner. In der ,echten’ Dating-Welt musste ich bis jetzt dagegen keine Zweifel wegen meiner Behinderung haben. Wenn ich Menschen persönlich kennenlerne, haben sie meistens weniger Vorurteile, und ich kann im Gespräch viel klären. Bis jetzt habe ich nur Menschen ohne Behinderung gedatet, und damit hatte ich keine negativen Erfahrungen.“

„Menschen beim Online-Dating waren viel offener gegenüber meiner Behinderung als im ,echten’ Leben“

Foto: privat

Darleen, 23, hat links ein verkürztes Bein und rechts keinen Unterschenkel. Sie trägt deshalb Prothesen.

„Bis jetzt habe ich Tinder und Lovoo ausprobiert. Tinder finde ich viel zu oberflächlich, auf Lovoo waren die Nutzer natürlicher. Dort habe ich auch meinen aktuellen und meinen vorherigen Freund kennengelernt. 

Ich habe nicht von vornherein angegeben, dass ich eine Behinderung habe. Sobald ich es dann im Chat erzählte, antworteten einige ab dem Zeitpunkt nicht mehr. Darüber war ich aber froh, weil ich sowieso kein Interesse an jemandem habe, der ein Problem mit meiner Behinderung hat. Mit Online-Dating-Portalen für Menschen mit Behinderung habe ich keine Erfahrung. Handicap-Love habe ich mir zwar mal angeschaut, ich hatte aber nie das Bedürfnis, darüber einen Partner zu suchen. Für Menschen mit Behinderung, die Angst vor Ablehnung und blöden Kommentaren auf herkömmlichen Plattformen haben, könnten solche Portale eine Erleichterung sein – in Sachen Inklusion sind sie ein Hindernis.

Trotz ein paar negativer Reaktionen hatte ich das Gefühl, dass Menschen beim Online-Dating viel offener gegenüber meiner Behinderung waren als im ,echten’ Leben. Durch meine Fotos und den Chat konnten sie sich schon einen Eindruck von mir machen, bevor ich davon erzählt habe. Das liegt aber auch daran, dass man auf meinen Fotos nichts von den Prothesen sieht. Im ,echten’ Leben haben die Leute meine Prothesen oft als ersten Eindruck wahrgenommen, anstatt den Mensch kennenzulernen, der dahinter steckt. Generell wird man im Dating viel zu oft auf die Behinderung reduziert. In der Hinsicht sollten Menschen offener werden.“

„Prinzipiell erleichtern Plattformen nur für Menschen mit Behinderung das Dating extrem“

Caspar, 34, hat eine Fehlstellung im rechten Bein. Sein Foto möchte er nicht zeigen.

„Was herkömmliche Dating-Plattformen angeht, habe ich nur FriendScout24 (heißt mittlerweile LoveScout24, Anm. d. Rede) ausprobiert. Dort habe ich gemischte Erfahrungen gemacht. Einige Treffen waren ganz nett, es waren aber auch totale Fehlschläge dabei. Ich hatte auf jeden Fall das Gefühl, dass manche voreingenommen gegenüber meiner Behinderung waren. Meistens haben sie zuerst gesagt, sie hätten kein Problem damit – im Nachhinein kam dann heraus, dass meine Behinderung sie doch gestört hat.

Ich habe mich auf Handicap-Love angemeldet, weil ich glaube, dass ich dort eher auf Verständnis für meine Behinderung stoße. Außerdem ist man sich dadurch, dass beide eine Behinderung haben, automatisch etwas näher. Meine Behinderung hat zwar in früheren Beziehungen keine Rolle gespielt, die Sorge hatte ich trotzdem. Und meine Erfahrungen mit der Dating-Seite waren super. Daraus hervorgegangen ist eine knapp einjährige Beziehung. Nachdem sie zu Ende ging, habe ich eine andere Frau darüber kennengelernt, mit der ich jetzt seit zweieinhalb Jahren zusammen bin.

Ich finde nicht, dass Handicap-Love ein Hindernis für Inklusion darstellt. In der ,echten’ Dating-Welt sind mir Menschen immer wieder mit Vorurteilen begegnet. Auf Handicap-Love begegnen Menschen sich ohne Vorurteile und es wird offen über Behinderungen gesprochen. Es gibt allerdings eine Einschränkung: Dort tümmeln sich viele Menschen ohne Behinderung, die speziell auf Menschen mit Behinderung stehen (nennt sich Amelotatismus, Anm. d. Rede). Das finde ich gefährlich. Prinzipiell erleichtern Plattformen Menschen mit Behinderung das Dating aber extrem.“

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