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Illustration: Katharina Bitzl; Foto: Süddeutsche Zeitung Foto/Scherl

Spätestens jetzt, zu den Feiertagen, ist es wieder so weit: Ich packe mein kleines Köfferchen und mache mich auf den Weg. Das Ziel? Zuhause. Oder zumindest das, was mal mein Zuhause war. Der Ort, in dem meine Eltern und viele meiner Freunde immer noch leben. Wo ich großgeworden bin. Und wo so viele Erinnerungen sind: die erste Liebe, zum ersten Mal betrunken, endlos lange Sommerferien. Nach Hause fahren ist schön – wären da nicht diese Sätze, die man von Freunden und Familie jedes Mal zu hören bekommt, sobald man seinen Fuß über die Ortsgrenze setzt. 

„Es ist so schön, wenn du da bist. Kannst du dir gar nicht vorstellen, wieder hierher zurückzuziehen?“

Die Highlight-Frage gleich zu Beginn. Ob Oma oder beste Freundin, jeder stellt sie, jeder will es wissen. Die Antwort? Kurz und kalt: Nein, kann ich mir nicht vorstellen. Denn ich bin sehr froh, dem Vorstadtleben entwischt zu sein. Doch, doch, für ein paar Tage ist es natürlich schön, wieder hier zu sein. Aber auch nur für ein paar Tage… Denn dann muss ich wieder zurück in mein eigenes Leben, statt hier in der Vergangenheit auf der Stelle zu treten.  

„Aber hier fühlt es sich für dich doch schon noch wie Zuhause an, oder?“

Dieser Satz bricht mir das Herz. Weil die Antwort darauf irgendwie „nein“ ist. Klar, hier ist alles vertraut und ich fühle mich auch wohl. Aber das hier ist nicht mehr meine Stadt, nicht meine Wohnung und deshalb auch nicht mehr wie Zuhause. 

„Du hast zu-/abgenommen.“

Vollkommen unabhängig davon, ob es stimmt oder nicht, bekomme ich diesen Satz in der einen oder anderen Variante in vorwurfsvollem Ton zu hören. Von Mama, Oma und anderen Familienmitgliedern. Dabei geht es aber nicht um mein Gewicht, sondern darum, wofür meine Kilos stehen. Zunehmen bedeutet übersetzt: Du bist faul geworden. Abnehmen heißt: Du achtest nicht genug auf dich. Beides nicht gut. Beides war früher Zuhause besser – da haben Oma und Mama einem nämlich immer genau das richtige Maß an Nahrung vorgesetzt. Glauben sie.

„Hast du schon gehört, dass Sowieso geheiratet/ein Kind bekommen hat?“

Dieser Satz kommt sowohl von Eltern als auch von alten Freunden – und auch, wenn ich mich dagegen sträube: Vorstadtklatsch macht einfach Spaß und ich liebe es, alles über Bekannte und Nachbarn zu erfahren. Aber auch nur, solange es wirklich um die anderen geht. Und die Kommentare kein Wink mit dem Zaunpfahl sind, dass man selbst mal mit der Familienplanung anfangen sollte…

„Du hilfst hier ja gar nicht im Haushalt mit.“

Moment mal, ich dachte ich wäre nur für ein paar Tage zu Besuch? Einmal die Woche Badezimmerputzdienst aus Jugendtagen habe ich gegen meinen eigenen Haushalt eingetauscht. Muss ich die alten Regeln offiziell wieder befolgen, sobald ich zu Besuch bin? Ihr putzt meine Wohnung doch auch nicht, wenn ihr mich besucht. Und außerdem habe ich doch schon die Spülmaschine ausgeräumt…

„Hier hat ein neues Café aufgemacht. Sollen wir dahin?“

An sich keine schlimme Frage. Eine nette sogar. Wenn nicht jeder diese Frage stellen würde. Und ich meine wirklich jeder – Bruder, Mutter, Grundschulfreundin. Denn alle möchten in dieses neue Café. Weil ein neues Café das Highlight ist. Ich erwische mich am Ende wahrscheinlich sogar selbst dabei, einen Abstecher dorthin vorzuschlagen.

„Wir müssen uns sehen, wenn du da bist! Ich habe am Mittwoch frei!“

Mittwoch? Da bin ich leider schon wieder weg…

„Du musst unbedingt öfter kommen.“

Ehrlich gesagt, denke ich das auch. Nach einem langen Abend mit meinen Schulfreundinnen oder einem leckeren Essen mit meiner Mama. Denn mit genau diesen Menschen würde ich sehr gerne viel mehr Zeit verbringen. Aber dann kommt doch immer wieder das Leben dazwischen. Und ich lebe inzwischen nun Mal einfach woanders. Habe neue Freunde, Hobbys, einen Job, plane Urlaube. Da kann ich leider nicht jeden Monat hier aufkreuzen. Aber: Kommt ihr doch einfach mal mich besuchen. Denn seltsamerweise erwarten ja immer alle, dass man in die Heimat zurückkommt, zu Besuch. Aber andersherum, dass die aus der Heimat ausschwärmen, das passiert viel zu selten. Dabei gibt es bei mir nicht nur ein neues Café, sondern ganz viele. Ich lade euch auch auf einen Kaffee ein! 

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