„Danach geht es darum, das eigene Ich wiederzufinden“

Eine Trennung zu erleben, bedeutet immer einen Kontrollverlust. Auch, wenn man selbst Schluss macht.
Foto: Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

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Wenn eine Beziehung zu Ende geht, heißt das oft erst einmal: Krise. Egal, ob man verlassen wird, sich einvernehmlich trennt oder selbst Schluss macht – etwas im Leben ändert sich. Während man direkt nach der Trennung vielleicht erstmal wenig davon hält, sein Bett zu verlassen oder überhaupt noch irgendetwas Gutes im Leben zu sehen, ändert sich das meist mit der Zeit. Viele Menschen beginnen zu reflektieren, entwickeln sich weiter oder definieren sich selbst sogar ganz neu. Dass da ein Prozess in Gange kommt, sieht man den Personen oft an: Sie legen sich eine neue Frisur zu, kleiden sich neu ein oder entscheiden sich sogar für ein Tattoo, um den Wechsel im Leben sichtbar zu machen. Die Psychologin Stefanie Gonin-Spahni lehrt und forscht an der Universität Bern zu Beziehungen, Sexualität und Selbstbild. Sie erklärt, wann es an der Zeit ist, unter der Bettdecke hervorzukommen und warum man dem Impuls, erstmal zum Friseur zu gehen, ruhig nachgeben darf.

jetzt: Stefanie, viele Menschen legen sich nach Trennungen zum Beispiel eine neue Haarfarbe zu. Warum?

Stefanie Gonin-Spahni: Ich würde sagen: Um den Wendepunkt in ihrem Leben sichtbar zu machen. Eine Trennung ist ein kritisches Lebensereignis, das alles auf den Kopf stellt. Danach muss man sich neu orientieren. Wenn der erste Schock und die erste Trauer vorbei sind, beginnt ein Prozess. Wer sich entscheidet, sich zum Beispiel die Haare zu färben, bringt dabei etwas Inneres nach außen. In mir drin verändert sich etwas, ich definiere mich ein Stück weit neu – und das zeige ich der Welt.

Läuft das immer bewusst ab?

Nein, dahinter muss keine bewusste Strategie stecken. Viele Menschen haben einfach plötzlich Lust, zum Friseur zu gehen oder sich neu einzukleiden, und das ist auch ganz logisch: In vielen Beziehungen wird das Eigene mit der Zeit immer kleiner. Man macht viel gemeinsam und identifiziert sich sehr stark mit der anderen Person. Mit der Trennung bricht ein gemeinsames System weg. Danach geht es darum, das eigene Ich wiederzufinden. Dabei hilft eine optische Veränderung, denn unser Aussehen hat viel damit zu tun, wie wir uns selbst erleben.

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Die Psychologin Stefanie Gonin-Spahni lehrt und forscht an der Universität Bern zu Beziehungen, Sexualität und Selbstbild.

Foto: Luca Christen

Was macht so eine äußerliche Veränderung mit einer Person?

Ich glaube, da gibt es unterschiedliche Aspekte. Einmal bedeutet eine Veränderung des eigenen Äußeren, sich etwas Gutes zu tun. Wer sich die Haare schneiden lässt oder sich einen neuen Mantel zulegt, fühlt sich danach häufig besser als vorher, gefällt sich selbst. Gleichzeitig heißt es, selbst zu kontrollieren, was passiert. Das ist in der Situation ein besonders positives Gefühl, denn eine Trennung zu erleben, bedeutet immer einen Kontrollverlust. Auch, wenn man selbst Schluss macht: Da löst sich etwas Vertrautes auf – und ich kann nichts dagegen tun. Der neue Selbstausdruck hingegen bedeutet: Jetzt entscheide ich.

Und welchen Effekt hat das neue Aussehen im Sozialleben?

Wenn ich mich mit mir selbst wohler fühle als zuvor, ist das für andere wahrnehmbar. Ich wirke vielleicht entspannter oder offener und komme dadurch leichter mit anderen in Kontakt. Habe ich plötzlich eine neue Haarfarbe, kann das bei Treffen mit Freunden oder Familie zudem ein Anlass sein, auch über das eigene Fortkommen zu sprechen, statt nur über die Schwere der Trennung. Gleichzeitig bekomme ich für mein neues Aussehen vielleicht auch Komplimente und Zuspruch. Das tut besonders nach Trennungen gut, weil viele Menschen das Gefühl haben, versagt zu haben, wenn es mit der Beziehung nicht geklappt hat.

„Wer noch am Anfang der Verarbeitung steht und total durcheinander ist, sollte möglichst keine wichtigen Entscheidungen treffen“

Manche Leute stellen auch ihre Wohnungen um oder fangen neue Hobbys an. Erfüllen diese Veränderungen denselben Zweck?

Im Prinzip geht es auch bei diesen Dingen darum, wieder stärker zu sich selbst zu finden. Zusätzlich, denke ich, sind sie ein Mittel dafür, das alte „Wir“ aktiv loszuwerden. Das Wohnung umzuräumen bedeutet hier Aufräumen, Platz machen für etwas Neues. Die Couch soll vielleicht nicht mehr genau da stehen, wo man abends immer gemeinsam gesessen und Serien geschaut hat. Auch ein neues Hobby löst etwas Altes ab, zum Beispiel die früher gemeinsam verbrachten Wochenenden.

Was hältst du von Tattoos als Ausdruck eines Neuanfangs?

Das würde ich nicht unbedingt am Tag nach der Trennung machen, sondern erst, wenn ich mich emotional etwas klarer fühle. Das gilt allgemein: Wer noch am Anfang der Verarbeitung steht und total durcheinander ist, sollte möglichst keine wichtigen Entscheidungen treffen. Aber wenn alles schon etwas gesackt ist, warum nicht? Tattoos sind bei vielen Menschen ein Ausdruck dessen, was man schon an Lebenserfahrung gesammelt hat. Noch stärker als Veränderungen, die man wieder rückgängig machen kann, markieren sie eine zeitliche Grenze: Es gibt eine Lebensphase vor und eine mit dem Tattoo. Wenn es zum Persönlichkeitstyp passt, kann ein Tattoo also durchaus eine wirksame Form des neuen Selbstausdrucks sein.

Warum tut eine Veränderung gerade nach einer Trennung so gut?

Ich kenne keine Studie, die das genau belegt, aber ich würde es wie folgt einschätzen: Feste Beziehungen versorgen uns mit Glücks- und Bindungshormonen. Nach einer Trennung bricht das erst einmal weg, stattdessen erleben wir viel Stress. Manche Menschen bekommen sogar Herzrasen oder depressive Verstimmungen. Wenn man sich selbst etwas Gutes tut, sich zum Beispiel eine neue Frisur oder ein neues Sofa zulegt, bekommt man jedes Mal, wenn man sich im Spiegel anschaut oder das Wohnzimmer betritt, ein Glücksgefühl. Das hält natürlich nicht ewig, ist aber ein guter Anfang.

Heißt das im Grunde, dass man das sogar unbedingt mal tun sollte, auch wenn einem nach Trennungen eigentlich nicht nach radikaler Veränderung ist?

Es gibt sicher Leute, für die das nicht passt. Aber ich denke, dass die Strategie im Durchschnitt gut geeignet ist. Wer mit Veränderungen eher zurückhaltend ist, sollte lieber nicht gleich in eine andere Stadt ziehen. Oft geht es gar nicht um die Veränderung an sich, sondern um das Gefühl, das ich dazu habe. Weil es das Selbstbewusstsein stärkt, sich für etwas Neues zu entscheiden.

Was ist, wenn ich gar nichts verändern möchte nach einer Trennung? Stimmt da was nicht mir?

Natürlich muss nicht zum Friseur oder zum Shoppen gehen, wer keine Lust hat. Es hilft aber, wenn man weiß, was einem guttut. Wenn mir lange Waldspaziergänge oder Kochen mit Freund*innen helfen, mich wohler zu fühlen, sind auch das gute Strategien. Was hingehen ungesund sein kann, ist, über die Trennung hinaus stark an dem Gemeinsamen festzuhalten. Zum Beispiel, in der Wohnung alle Fotos hängen zu lassen, die mich und die Ex-Partner:in zeigen – weil ich nicht wahr haben will, dass es vorbei ist. Das kann sehr schmerzhaft sein und den Prozess verlangsamen. Da ist es sehr viel besser, behutsam auszumisten und damit das Alte loszulassen.

Wie merke ich, dass ich nach einer Trennung bereit bin für Veränderung?

Die extreme Emotionalität am Anfang sollte man abwarten. Auch ambivalente, anstrengende Gefühle müssen sich etwas beruhigt haben. Wer erfolgreich bewältigen will, kommt ums Reflektieren nicht herum. Es gibt Menschen, die, sobald sie wieder etwas mehr Energie haben, die Flucht nach vorn machen. Also eher verdrängen und kompensieren, statt zu verarbeiten, sich vielleicht sogar gleich in eine neue Beziehung stürzen. Ablenkung ist im Kleinen völlig in Ordnung, aber als Strategie nicht nachhaltig. Wer aber sagen kann: Okay, ich schaue, was ich aus dieser Erfahrung mitnehmen und lernen will, und parallel traue ich mich, etwas Neues zu probieren – dann ist das sehr gesund.

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