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Natürlich will (fast) jeder allen Freunden und Bekannten mitteilen, dass das Kind da ist. Aber jeder macht's anders...

Illustration: Julia Schubert

Whatsapp ist der Weg der Wahl. Egal, was passiert, man teil es dort mit. Das gilt auch für Geburten. Gefühlt wöchentlich erreichen einen Fotos neugeborener Kinder, deren Eltern man mal besser, mal schlechter kennt. Aber Fotos und Nachricht können sich je nach Absender erheblich voneinander unterschieden. Im Wesentlichen, behaupten wir, gibt es sechs Typen…

1. Der Klassiker

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Illustration: Julia Schubert

Was ist auf dem Bild zu sehen?

Ganzkörperansicht eines auf dem Rücken in einem Bettchen liegenden, sehr sauberen Babys im Strampler, mit Mützchen und kleinen geballten Fäusten.

Was steht drin?

„Mia Emily Fitz, 12.01.2019, 04:08 Uhr, 3342 Gramm, 52 Zentimeter. Mutter und Kind sind wohlauf.“

Was steht eigentlich drin?

„Wir haben jetzt auch ein Kind. Big deal for us, für euch aber natürlich eher nicht so.“

Wie wird dieses Kind aufwachsen?

Mit pragmatischen, aber fürsorglichen Eltern. Es wird ihm nie an etwas fehlen, außer vielleicht ab und zu an einer herzlichen Umarmung. Aber man will das Kind eben nicht zu Helikopter-mäßig umschwirren. Statt Überschwang und Kuscheligkeit setzt man hier auf klare Ansagen, klare Zielvorgaben und klare Grenzen.

2. Die Parodie auf den Klassiker

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Illustration: Julia Schubert

Was ist auf dem Bild zu sehen?

Die Aufnahme des Babys wurde mit Photoshop (oder einem anderen Programm) bearbeitet, sodass es aussieht, als würde es wie Superman fliegen oder in einer Heldenpose auf einem Hügel stehen, wehendes Cape inklusive.

Was steht drin?

„Das ist unser Held Oskar. Er kam gestern zu einer bestimmten Uhrzeit bei uns an, hat ein Gewicht und eine Größe, zehn Finger und zehn Zehen!“

Was steht eigentlich drin?

„Wir sind witzig, oder? Mh? Na? Findet ihr nicht auch? Das ist doch lustig, oder? Und originell? Nicht so, wie all die anderen Neugeborenen-Nachrichten, die ihr dauernd bekommt, oder? Habt ihr gelacht? Bitte sagt, dass ihr gelacht habt!“

Wie wird dieses Kind aufwachsen?

Jahrelang ist alles gut – aber spätestens, wenn Oskar in die Pubertät kommt, wird es hart. Wird es zwar in jeder Familie, aber in diesem Fall haben die Eltern leider das Potenzial dazu, ihm besonders peinlich zu sein (sehr laut, sehr bunte Klamotten und sie lieben es, im Mittelpunkt zu stehen, ohne dabei besonders kreativ oder interessant zu sein).

3. Die pathetische Nachricht

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Illustration: Julia Schubert

Was ist auf dem Bild zu sehen?

Das Baby liegt in Embryonalstellung auf einem flauschigen Untergrund, das verschrumpelte Gesichtlein der Kamera zugewandt, umgeben von Korn- und Sonnenblumen. Es trägt eine Windel und um den Kopf eine Schleife. Das ist allerdings nur Bild Nummer 1 – es folgen weitere Inszenierungen im Anne-Geddes-Style sowie verschiedene Aufnahmen der Eltern, die das Kind halten, dabei zehn Jahre älter aussehen als sonst und mehr oder weniger debil grinsen.

Was steht drin?

„,Sind so kleine Hände…’ Unser kleines Wunder hat das Licht der Welt erblickt. Sie ist wunderschön und schon jetzt ein ganz eigener, umwerfender Charakter! Unsere Herzen laufen über vor Glück und wir wollen es mit euch teilen. Anbei findet ihr ein paar Fotos von unseren ersten gemeinsamen Tage und Stunden. Wir sind müde, aber überglücklich!“

Was steht eigentlich drin?

„Wir sind völlig fertig. Aber auch völlig froh. Und ängstlich und verunsichert. Und total euphorisch und überdreht und glücklich. Wir wissen auch nicht so genau, wohin mit den ganzen Gefühlen!!!“

Wie wird dieses Kind aufwachsen?

Sehr, sehr geliebt, umsorgt und gepampert. Es wird allen Beteiligte darum sehr wehtun, wenn sich das kleine Wunder irgendwann einmal aus diesem Klammergriff befreien will. Bis dahin aber wird geherzt und gebusselt, was das Zeug hält, und die Freunde der Eltern werden regelmäßig mit Entwicklungs-Updates bedacht – gerne auch in der ersten Person Singular (Foto vom verkleisterten Kind + „Heute habe ich das erste Mal feste Nahrung gegessen und es war sooo lecker!“).

4. Der elaborierte Witz

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Illustration: Julia Schubert

Was ist auf dem Bild zu sehen?

Nur eine Hand oder ein Fuß des Babys, allerdings sehr gut inszeniert: perfekte Tiefenschärfe, genau der richtige Lichteinfall, jede Falte der Babyhaut ist klar zu erkennen.

Was steht drin?

„No sleep till Brooklyn (bzw. 1st birthday)“, „Das Beste, was aus München kommt, seit BMW“ oder „© WIR“.

Was steht eigentlich drin?

„Diese Nachricht haben wir schon vor drei Monaten geplant.“

Wie wird dieses Kind aufwachsen?

Mit sehr vielen Medien (analog wie digital), allerdings weniger hoch- als vielmehr popkultureller Art. Das Kind wird eher einen Hang zu Sitcoms als zum Theater entwickeln und Hip-Hop immer mehr lieben als Symphonien. Es besteht auch ein gewisses Risiko, dass ein Nerd draus wird, der irgendwann sehr viel Playstation spielen, dafür später aber auch mal einen wirklich gut bezahlten Job haben wird.

5. Der Roman

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Illustration: Julia Schubert

Was ist auf dem Bild zu sehen?

Ein leicht verwackeltes Bild des Babys unmittelbar nach der Geburt auf der Brust der Mutter, ihr Sideboob, die rote Flecken am Hals und verschwitzte Haarsträhnen sind klar erkennbar. Das Kind ist ziemlich lila, Käseschmiere ist auch noch dran.

Was steht drin?

„Das ist Malik, er wurde gestern Nacht um 00:43 Uhr geboren, ist 3480 Gramm schwer und 55 Zentimeter groß. Ihm und uns geht es gut, wir sind alle noch ein bisschen erschöpft, aber auch sehr glücklich. Er hat sich sehr viel Zeit gelassen, nachdem die Wehen schon in der vorigen Nacht eingesetzt hatten und wir direkt ins Krankenhaus gedüst sind. Dort bestand die Zeit aus viel Warten (Bilal) und mal mehr und mal weniger starken Wehen (Marleen). Schließlich wurde ein Kaiserschnitt vorgeschlagen, aber Marleen wollte noch warten, weil sie sich auf eine natürlich Geburt eingestellt hatte. Bilal hat ein Bier in der Cafeteria getrunken, Marleen nicht… und danach hat er weiter versucht, sie bestmöglich zu unterstützen (sie sagt selbst, er habe das ganz gut gemacht – aber die meiste Arbeit hatte natürlich sie und sie hat es wunderbar gemeistert!). Da Malik ein ,Sternengucker’ war, wurde letztlich doch ein Kaiserschnitt vorbereitet, und für Marleen war es dann doch eine Erlösung, wenn auch nicht ihre Wunschgeburt. Als sie Malik endlich im Arm halten konnte, war das aber erstmal vergessen! Jetzt lernen wir uns in aller Ruhe kennen und freuen uns auf unsere Zeit zu dritt!“

Was steht eigentlich drin?

„Puh, das war alles so krass und so intensiv. Bestimmt krasser und intensiver als bei allen anderen!“

Wie wird dieses Kind aufwachsen?

Unter dem staunenden Blick der Eltern. Was so ein Kind alles kann! Wie es wächst und sich entwickelt und Dinge lernt! Es kann sogar sein, dass ein Elternteil einen Blog oder einen Instagram-Account für bzw. über das Kind anlegt, weil es doch wirklich erstaunlich ist, so ein kleines Wesen! Darüber zu lesen und sich das anzuschauen, muss doch für alle Menschen interessanter sein als jeder Film und jedes Buch, oder? Oder??

6. Keine Nachricht

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Illustration: Julia Schubert

Was ist auf dem Bild zu sehen?

Logischerweise: nichts.

Was steht drin?

Logischerweise: auch nichts.

Was steht eigentlich drin?

„Kinder sind Privatsache. Geht euch also nix an. Außerdem: Wer weiß, auf welchen Servern diese Fotos und Infos gespeichert werden???“

Wie wird dieses Kind aufwachsen?

Diese Eltern haben strikte Prinzipien und werden versuchen, alles möglichst anders zu machen als andere Eltern, die sie dann außerdem mit kleine Seitenhieben für ihre Erziehungsmethoden kritisieren („Also wir achten darauf, dass wir nicht zu oft aufs Handy schauen, wenn das Kind dabei ist“, „In den ersten eineinhalb Jahren hat unser Spatz überhaupt keinen Zucker bekommen“). Dem Kind ist das so lange egal, bis es in das Alter kommt, in dem es das Wichtigste ist, nicht „anders“ zu sein als andere Kinder. Ab dann wird’s anstrengend.