Die Pandemie macht Freund*innen zu Bekannten

Seit unsere Autorin hauptsächlich über die Webcam mit ihren Freund*innen Kontakt hält, fehlt ihr das banale, beiläufige Gespräch, das für sie Freundschaft ausmacht.
Von Nele Spandick

Illustration: FDE

In einer Zeit vor der Pandemie traf ich in meiner Freizeit Menschen, wir gingen in Bars, zu Konzerten oder kochten in unseren WGs. Nun treffe ich viele meiner Freund:innen nur noch über Video-Chats. Und das ist sehr mühsam.

Wir hangeln uns am immer gleichen Fragenkatalog entlang:

„Wie macht ihr das denn mit der Uni?“

„Und bei der Arbeit? Bist du jetzt im Home-Office?“

„Bist du in der WG oder bei deinen Eltern?“

„Schon besser mit Garten, ne?“

„Siehst du den Typen noch? Der wohnt alleine, oder?“

„Was meinst du, kann man ein Date haben, wenn man die Abstandsregeln einhält?“

„Glaubst du, die Hochzeit findet statt?“

„Wie lange das wohl noch alles dauert?“

Die Gespräche kommen nicht ins Rollen, irgendwann redet man immer über Corona, es ist einfach anders.

Denn ein normales Freundschaftsgespräch, das geht so: Wir springen von hier nach da. Sagen einfach, was uns gerade einfällt. Freie Assoziation, egal, wie sinnvoll ist, was gerade so gesagt wird. Da kommt mal eine Überlegung zu einer politischen Debatte raus oder der dümmste Witz, der einem gerade einfällt. Da erzählt man eine Geschichte aus der Kindheit oder kommentiert das Essen, das vor einem steht. Mal erzählt man weinend von Familienproblemen, mal lachend von einer peinlichen Situation im Büro. Vieles ist völlig unnötig, einiges interessiert das Gegenüber wahrscheinlich nicht, aber darum muss man sich keine Gedanken machen. Denn vor einem sitzt ein Freund oder eine Freundin.

Eine Information folgt auf die nächste. Der Bullshit fehlt. Das Abschweifen. Das Unnötige

Solche Gespräche führe ich sonst und ich vermisse sie. Denn jetzt sitzen die Freund:innen eben nicht wirklich vor mir, sondern weit weg vor einer Kamera. Manche, weil wir uns nicht besuchen können. Andere, weil sie Lust haben, sich in größerer Gruppe als zu zweit zu sehen. Eigentlich wollen wir uns durch die Videotelefonate nah sein. Aber ich merke: Ich habe keine Lust darauf. Ich finde es anstrengend.

In diesen Gesprächen ist nämlich alles geordnet, es spricht, wer dran ist. Man zwingt sich, zuzuhören, auf die anderen einzugehen. Man kann nicht wirklich durcheinanderreden, jede Unterbrechung ist brachial. Irgendwie hat man zu viel Zeit, um darüber nachzudenken, was man sagen will und alles, was man sagt, hat deshalb Gewicht. Und dann sitzt man da noch in seiner immer gleichen Wohnung, sodass nicht mal die Umgebung zum Rumspinnen inspiriert. Also sind die Gespräche eben wie sie sind: Schon irgendwie interessant. Klar will ich wissen, wie die anderen die Zeit so erleben. Die Gespräche sind gut, um nicht zu vereinsamen, aber eben auch nicht mehr.

Es fehlt gar nicht so sehr die Tiefe. Auch in den Video-Gesprächen wird über ernste Themen gesprochen, auch da erzählen Freundinnen von ihrer Depression und Freunde von ihrer Trennung. Es geht um die Beiläufigkeit, die verloren geht. Eine Information folgt auf die nächste. Der Bullshit fehlt. Das Abschweifen. Das Unnötige.

Der Videochat lässt mich mich fühlen, als wären meine Freund:innen Bekannte geworden. Denn Bekannte sind Leute, mit denen ich mich schon auch gerne treffe. Das ist auch nett. Sie erzählen von ihrem Job, ihren Beziehungen und Nicht-Beziehungen, ich auch. Wir tauschen uns ein bisschen aus. Aber es ist eben nicht dasselbe. Bei Freund:innen gibt ein Treffen mehr Energie, als das es sie nimmt. Auf ein Treffen mit Bekannten habe ich nach einem anstrengenden Abend selten noch Lust.

Deswegen spiele ich mit meinen Schulfreund:innen jetzt „Stadt, Land, Fluss“

Bis ich meine Freund:innen wieder in echt und in Gruppen treffen kann wie früher, wird wohl noch etwas Zeit vergehen. Erstmal kann ich sie nicht in anderen Städten besuchen, sie nicht zu mir zum Kochen einladen und sie nicht in den Arm nehmen. Irgendwie muss ich also lernen, mit dieser anderen Form der Kommunikation umzugehen.

Und deswegen spiele ich mit meinen Schulfreund:innen jetzt „Stadt, Land, Fluss“. Manchmal malen wir auch Wörter, die andere erraten müssen, oder spielen die Online-Version von „Cards against humanity“. Normalerweise hasse ich Spieleabende, weil sie die Freundschaftsgespräche zerstören. Aber plötzlich scheint das Spielen Auflockerung zu sein. Man redet eben nur über die Striche, die gerade jemand gemalt hat oder über Städte, Länder und Flüsse mit T. Beiläufig, irrelevant, informationslos – da ist sie wieder – die Entspannung im Sozialen.

Mit anderen habe ich mich für kommende Woche zum Kochen verabredet: ein Rezept, die gleichen Zutaten, alle brauchen gleich lang, dann gemeinsam Essen. Zugegeben: Die Vorstellung, vor einer Laptopkamera zu essen, vielleicht sogar mit dem besonders schönen Geschirr und einem Glas verhältnismäßig teurem Wein, ist komisch. Aber vielleicht hilft es ja. Beim Essen kann man manchmal nicht reden. Sich einfach mal anschweigen, auch das gehört doch irgendwie zu einem guten Gespräch unter Freund:innen.

Was ich mir auch vornehme: Mir selbst eine gute Freundin sein. Den Gedanken freien Lauf lassen. Sie nicht dadurch stoppen, dass ich mir neuen Input hole. Kein Telefonat, kein Podcast, keine Ablenkung. Einfach Dinge tun, bei denen ich mich in meinen eigenen Gedanken verrennen kann. Ich glaube, mit dem Versuch bin ich nicht alleine. Wenn Leute jetzt wieder anfangen, spazieren zu gehen oder Brotteig zu kneten, dann liegt das auch daran, dass sie dabei nachdenken können. Der Versuch, das zu ersetzen, was sonst im Gespräch mit Freund:innen passiert: einfach laufen lassen. Nur eben ohne ein Gegenüber, das reagiert. Das fehlt einfach weiterhin.

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