Jungs, habt ihr Angst davor, schlechte Väter zu werden?

Oder vertraut ihr darauf, dass wir das Ding schon wuppen?
Von Nele Spandick und Niko Kappel

Foto: Photocase Bearbeitung: jetzt

Liebe Jungs,

ein Ausschnitt aus meinem Leben, der so oder so ähnlich vermutlich auch bei anderen Mädchen stattfand: Mit einem Bier in der Hand sitze ich abends mit Freundinnen in der WG-Küche. Wir alle studieren, nur eine von uns ist in einer Beziehung, bei allen ist die Kinderplanung ziemlich weit weg. Wir reden darüber, wie wir aufgewachsen sind – ob mit strengen Regeln oder eher antiautoritär. Bei manchen von uns sind Mütter oder Väter zu Hause geblieben, bei anderen gingen sie ziemlich bald nach der Geburt wieder arbeiten. Bei einigen kochten die Au Pairs das Mittagessen, andere gingen nach der Schule zu den Nachbarn oder in den Hort.

Wenn man da so wild drüber diskutieren kann, kann man wohl auch ziemlich viel falsch machen

Irgendwann kommen wir darauf zu sprechen, wie wir selbst unsere Kinder erziehen wollen. Wir diskutieren über Vereinbarkeit mit unserer Karriere, über unterschiedliche Erziehungsstile und unsere Erwartungen an einen möglichen Vater. Nochmal zu Erinnerung: Wir alle planen nicht, in den nächsten Jahren Kinder zu bekommen. Trotzdem überkommt mich in solchen Momenten die Angst. Anscheinend gibt es ziemlich viel zu bedenken. Und wenn man da so wild drüber diskutieren kann, dann kann man wohl auch ziemlich viel falsch machen. Ich finde, meine Eltern haben in ihrer Erziehung sehr viel richtig gemacht. Und ich zweifle daran, das selbst genauso gut hinzubekommen. Was, wenn mein Kind ein verzogenes Balg wird? Oder, eigentlich noch schlimmer, ein unglücklicher Mensch? Wie gehe ich damit um, wenn mein Kind in der Schule gemobbt wird oder selbst mobbt? Werde ich damit klarkommen, wenn es andere Vorstellungen von einem guten Leben hat als ich? Mit diesen Ängsten bin ich nicht alleine, wie ich in solchen Gesprächen immer wieder merke. 

Meine (vielleicht blöde und stereotype) Vorstellung von euch Jungs: Ihr sitzt auch mit Bier um den Tisch in der WG-Küche. Ihr redet über viel, aber nicht über Kinder. Zumindest so lange nicht, bis das Kinderkriegen in eurem Leben ein konkretes Thema wird. Meine erste Frage also: Stimmt das? Oder redet ihr insgeheim auch über Erziehung und Familienplanung? Und die zweite: Habt ihr genau wie wir große Angst davor, es nicht hinzubekommen? Oder vertraut ihr darauf, dass wir das Ding schon wuppen?

Mit steigender Verantwortung steigt doch auf die Angst, oder?

Immerhin leben wir in Zeiten, in denen immer mehr Männer ihre Rolle als Vater aktiv wahrnehmen. In denen auf den Spielplätzen nicht mehr nur Frauen die Tupperdosen mit geschnittenen Äpfeln und Butterkeksen rausholen und Männer ganz selbstverständlich die Wäsche machen. (So meine Vorstellung. Ob das tatsächlich so ist, müsst ihr Mütter fragen.) Da stellt sich doch die Frage, ob mit steigender Verantwortung auch die Angst wächst. Die Angst, nicht genug zu Hause zu sein. Die selbst aufgestellten Regeln zu konsequent oder zu entspannt zu sehen. Einfach die Angst davor, ein schlechter Vater zu sein. Spürt ihr sie? Oder seid ihr einfach weniger aufgeregt als wir?

Unter Umständen würde es uns ja helfen, mal darüber zu sprechen. Wenn wir merken würden: Wir tragen die Last nicht alleine. Uns sicher sein könnten, dass auch ihr wisst, dass man etwas falsch machen kann. Erzählt uns doch mal von euren Kumpel-Quatsch-Abenden. 

Eure Mädchen

Die Jungsantwort

Liebe Mädchen,

Kinder sind bei Jungs Anfang zwanzig in der WG-Küche tatsächlich mal so gar kein Thema. Wir reden eventuell drüber, ob wir welche haben wollen oder nicht, aber das war es dann auch schon. Wenn es bei uns um das Thema Kinder geht, dann sprechen wir eher darüber, ob wir überhaupt Vater werden wollen und nicht darüber, wie es wäre, Vater zu sein. Im Stillen beschäftigt uns dieses Thema aber schon.

Denn auch wir haben große Angst davor, als Elternteil zu versagen. Wir leben, Gott sei Dank, in einer Zeit, in der Geschlechterrollen immer mehr aufgebrochen werden. Mann sein heißt nicht mehr unbedingt nur das Geld nach Hause zu bringen. Mann sein kann auch bedeuten, dass wir mit Tupperdosen und Apfelschnitzen auf dem Spielplatz sitzen. 

Ich persönlich kann es mir sehr gut vorstellen, mit meinem Kind auf den Spielplatz anstatt nur in die Arbeit zu gehen. Deshalb mache ich mir auch die Sorgen, die ihr oben ausgeführt habt. Was, wenn ich irgendwann mal bei der Erziehung versage? Es gibt doch bestimmt so viele Dinge, die man da falsch machen kann, wie erkennt man die denn? Woher weiß man, wie viel man seinem Baby anziehen muss, damit ihm nicht viel zu warm oder viel zu kalt ist? Was man tun kann, wenn es nicht aufhört, zu schreien? Googlen? Als ich klein war, hatten meine Eltern noch kein Google, aber irgendwie hat doch alles geklappt. Woher wussten die solche Sachen? Aus Büchern? Oder hat man plötzlich eine Intuition, die einem hilft?

Vielleicht kreiert das traditionelle Rollenbild in unserem Kopf so eine Art Airbag

Ihr seht also, wir haben sehr wohl Angst davor, schlechte Väter zu werden. Nur hört sich das so an, als würde bei euch da sehr viel mehr Druck dahinter stehen. Dass liegt sicher daran, dass Geschlechterrollen zwar aufgebrochen werden, aber lang noch nicht komplett aufgebrochen sind. Traditionell haben wir mit der Kindererziehung eher weniger zu tun, vielleicht kreiert das in unserem Kopf so eine Art Airbag: Wenn ich es nicht hinkriege, gibt es ja immer noch die Frau beziehungsweise die Mutter.

Und auch, wenn wir davon reden, dass die Frau daheim bleibt und der Mann in Vollzeit arbeiten geht, gibt es ja immer noch ein Problem: die Angst, nicht genug da zu sein. Davor haben wir tatsächlich mehr Schiss als davor, unseren Kindern etwas falsch beizubringen. Dass das eigene Kind sich von einem im Stich gelassen fühlt, muss furchtbar sein. Und trotzdem muss Arbeit und Geldverdienen natürlich auch sein, um dem Kind etwas bieten zu können.

Da nehmen wir uns unsere eigenen Väter zum Vorbild. Ich persönlich frage mich da bei meinem Vater: Wie zur Hölle hat der das so gut hingekriegt? Wie schafft man es, genug Geld zu verdienen, um ein Haus zu kaufen und gleichzeitig kein Fußballspiel seiner Kinder zu verpassen? 

Also, wie ihr seht, treibt uns diese Frage ähnlich um wie euch. Und ja, ihr könnt euch sicher sein, dass ihr damit nicht alleine seid: Auch wir haben eine Heidenangst vor allem, was wir bei unseren zukünftigen Kindern falsch machen können, auch wenn deren Geburt vielleicht noch weit in der Zukunft liegt.

Eure Jungs