Jungs, ist eure Sexualität wirklich so plump?

Es heißt immer, dass das bei euch alles ganz einfach sei.
Von Lara Thiede und Christian Helten

Männer haben es auch nicht immer leicht mit ihrer Sexualität... Oder?!

Bildrechte: pollography / photocase.de; Illustration: jetzt

Liebe Jungs,

wir haben uns inzwischen schon oft unterhalten mit euch. Über Masturbation und Orgasmen, über Pornos und Sexspielzeug, über eure Geschlechtsteile und über unsere. Und dabei fällt uns auf, dass immer wieder Aussagen wie diese auftauchen: „Bei Jungs ist das ja alles einfacher als bei Mädchen.“ Schließlich sei die Sexualität einer Frau viel komplizierter. Auch ihr sagt das oft so dahin.

Aber seid ihr in Sachen Sexualität wirklich so viel einfacher „gestrickt“ als wir? Das gängige Vorurteil würde sagen: Ja, das seid ihr. Denn während Geschlechtsteile und Libido von Frauen als hochkomplizierte, delikate und sensible Angelegenheiten behandelt werden, gelten Männer gemeinhin als eine Spezies, die fast immer kann und will. Ihr bräuchtet demnach, um zum Höhepunkt zu gelangen, wenig Tamtam. Ein paar Mal rauf und runter gerubbelt, oder den Penis in etwas Weiches und Warmes reingesteckt – schon funktioniert der Bums. Und der Orgasmus, der dann folgt, fühlt sich angeblich auch immer gleich an.

Aber ist das denn wirklich so? Ist „rein-raus“ oder „rauf-runter“ tatsächlich immer zielführend? Auch ohne Ambiente zum Wohlfühlen oder gewisse Anreize, die euch antörnen? Ihr habt doch auch Fantasien, Vorlieben und Gefühle, die sicher etwas spezieller sein können. Fühlt sich so ein „Runterhol“-Orgasmus dann trotzdem gleich oder ähnlich an wie einer, der nach langem Vorspiel und sehr gutem Sex kommt?

Es heißt außerdem, Männer würden meistens auf optische Reize reagieren, während wir Frauen auch und oft hauptsächlich über Gerüche, Geräusche oder Gefühle angetörnt werden können. Macht euch sowas nicht auch an? Oder andersrum: Könnt ihr euch wirklich immer an so arg plumpen Bildern aufgeilen, wie man sich das vorstellt? An diesen Billigpornos mit Billigstrapsen und Billigstetoskop zum Beispiel – findet ihr da wirklich immer irgendwie Gefallen dran? Oder ist eure Sexualität vielleicht doch auch ein bisschen komplexer, als man sagt?

Erklärt doch mal.

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:

Illustration: Katharina Bitzl

Liebe Mädchen,

ich würde jetzt gerne wutentbrannt aufheulen wegen dieser Unterstellung und zu einer Lobrede auf die Vielfalt und Komplexität der männlichen Sexualität ansetzen. Geht aber leider nicht. Denn die Antwort lautet, nach allem, was ich gelesen, gehört und erlebt habe: Nö, ist nicht so kompliziert, plump trifft es manchmal gar nicht so schlecht.

Schauen wir zum Beispiel mal die Indizien aus der Welt der Pornos an. Die sind ein guter Indikator, weil es unendliche viele davon gibt und sie hauptsächliche Männer als Zielgruppe haben. Man findet aber nur ganz wenige solcher Filme, die sich die Mühe machen, eine irgendwie kluge oder jenseits von Geschlechtsmerkmalen erotisch-kitzelige Story zu entwickeln. Das plumpe Rein-Raus scheint zu reichen. Ich glaube zwar, dass sehr viele Männer überhaupt nichts dagegen hätten, wenn es in Pornos etwas echter zuginge und jenseits des Gerammels auch andere Möglichkeiten des erotischen Spannungsaufbaus genutzt würden. Aber wirkliches Klagen habe ich darüber noch nicht gehört. Der Leidensdruck scheint nicht der größte zu sein.

Bei Männern war das Erregungsmuster bei einem wissenschaftlichen Versuch relativ einfach

Man weiß aus Studien über Pornokonsum noch ein paar Dinge, die darauf hindeuten, dass unsere Sexualität simpler funktioniert. Die Sexualforscherin Meredith Chivers zeigte in einer viel beachteten Versuchsanordnung Männern und Frauen sexuelle Reize unterschiedlicher Konstellationen. Bei Männern war das Erregungsmuster relativ einfach:

Heteros fanden Frauen geil, homosexuelle Männer andere Männer. Die Frauen hingegen wurden durch alles mögliche erregt: Männer-Männer-Sex, Frauen-Frauen-Konstellationen, Frauen, die Sex mit Männern haben. Und – dieses kuriose Detail brachte der Studie so viel Aufmerksamkeit – Frauen reagierten auch mit Erregung, als sie kopulierende Menschenaffen sahen. (Zumindest physisch war die Erregung messbar, im Interview gaben sie an, die Bilder nicht stimulierend gefunden zu haben. Der Schluss, Frauen finden Affenpornos geil, ist also nicht zulässig, selbst wenn er nach der Studie manchmal gezogen wurde).  

Jetzt aber mal weg von Pornos, schließlich zielte die Frage ja auch auf Sex ab. Auch da deutet das meiste, was Sexualforscher so von sich geben, darauf hin, dass wir einfacher zu triggern sind als ihr: Die meisten Männer kommen beim Sex zum Orgasmus, heißt es, und optische Reize sind bei uns der deutlich uneinholbare Tabellenführer in der Sexuelle-Fantasien-Liga. Ich habe bislang wenige Jungsgespräche gehört, in denen sich über zu kurze und wenige Vorspiele beklagt wird. Wenn jemand von uns beispielsweise vom Sex mit dem einen Mädchen aus dem Club gestern Nacht erzählt, ist die Wahrscheinlichkeit auch deutlich höher, dass er dabei über ihre Brüste spricht, als die Wahrscheinlichkeit, dass er davon schwärmt, wie ihr Haar gerochen hat.

Die Billigpornos mit Billigstrapsen sind das Subway-Sandwich der Sexualität

So, und jetzt kommt noch was Wichtiges, nämlich ein Aber: Alles, was hier jetzt stand, heißt nicht, dass wir alle total plumpe Neandertaler sind und immer alles und jeden rammeln können und wollen, Hauptsache man sieht Titten. Nein, wir sind durchaus empfänglich für Reize wie lange Küsse und Streicheln. Situation und Stimmung können Sex viel besser (oder schlechter) machen. Nur ein paar Beispiele: Jungs können zum Beispiel verunsichert sein oder Leistungsdruck beim Sex verspüren. Dann kann es – plumpe Reize hin oder her – sein, dass da nicht viel geht oder es Erektionsstörungen gibt. Andere haben Vorlieben, Fetische und Fantasien, finden die plumpen Standard-Reize aber gar nicht so spannend.

Ein Orgasmus beim Sex mit der Person, in die man wahnsinnig verliebt ist und mit der man sich im Bett versteht, anders aka schöner und besser als der von dir angesprochene Runterhol-Orgasmus. Nur funktioniert letzterer halt ziemlich zuverlässig, wenn ersterer gerade nicht im Bereich des Möglichen ist. Was mich zu einem zweiten Aber bringt: Die Tatsache, dass die plumpen Mechanismen funktionieren, heißt noch nicht, dass wir das deshalb toll finden.

Die Billigpornos mit Billigstrapsen sind das Subway-Sandwich der Sexualität: Finden eher wenige richtig ernsthaft super, würden die meisten aber schon essen, wenn sie spät am ZOB ankommen und nichts anderes offen hat. Und, um in dieser Vergleichswelt zu bleiben: Ein schönes Abendessen, das jemand mit Liebe kocht und in schönem Ambiente serviert, ist uns lieber.

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