dankbarkeits rant cover
Illustration: Daniela Rudolf / Fotos: Unsplash

Wir hatten uns eher zufällig getroffen, kannten uns weder lange noch sehr gut, als er, nennen wir ihn Fabian, mich fragte: „Wofür bist du heute dankbar?“ An der Art, wie er fragte, erkannte ich, dass ich jetzt liefern muss. Bloß keine Mainstream-Antwort! Irgendetwas, das ein bisschen geheimnisvoll und beeindruckend ist und auf jeden Fall etwas, mit dem man nicht sofort rechnet. Mir ist nichts Geheimnisvolles oder Beeindruckendes eingefallen. Seine Enttäuschung war ihm anzusehen, aber er sagte auch, am Anfang sei es normal, dass einem nichts einfalle. Er habe jetzt in seinem Achtsamkeitstagebuch eine Dankbarkeit-Sektion eingerichtet, in der er jeden Tag etwas aufschreibt, für das er dankbar ist. Mit der Zeit komme man dann von den Normalo-Antworten wie „dass ich gesund bin“ oder „dass heute die Sonne scheint“ ab.

Zunächst war ich nur irritiert, dann verunsichert, später völlig ratlos. Die Fragen, die mich nicht mehr losließen: Wo kommt diese weltumarmende Dankbarkeitsmentalität plötzlich her? Wie viel Dankbarkeit kann und sollte man sich leisten? Kann es auch irgendwann zu viel sein?

Ein halber Nachmittag gewissenhaftes Internet-Studium hat ergeben: Es gibt unzählige Seiten, die zu mehr Dankbarkeit im Alltag aufrufen und dabei Studien zitieren, die belegen, wie hilfreich Dankbarkeit bei verschiedenen Symptomen sein kann. Am häufigsten gibt es aber „Wie-mehr-Dankbarkeit-mein-Leben-verändert-hat“- Blogeinträge und Videos auf Youtube oder Instagram (in denen sie alle immer ein wenig zu langsam reden). Diese selbstzufriedene Ruhe, die die Menschen darin ausstrahlen, ist für mich nur schwer erträglich. Sie schwärmen von der Kraft der Dankbarkeit und davon, wie man durch das „Powergefühl Dankbarkeit“ ein glücklicheres, sinnvolleres und erfolgreicheres Leben haben kann. Später und im echten Leben (Buchhandlung) finde ich sogar richtige Dankbarkeitstagebücher, in denen man sein tägliches Dankbarkeits-Level anhand einer Smiley-Skala eintragen kann.

Ich glaube nämlich, dass dieser Dankbarkeits-Hype einfach nur eine Strategie ist, um mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt fertig zu werden 

Man könnte jetzt sagen, dass sich die Menschen eben besonnen haben, ihr Glück und ihre Privilegien bewusster wahrnehmen und dass mit dem Meditations- und Achtsamkeitstrend, der mittlerweile immer mehr in den Mainstream schwappt, eben auch ein Dankbarkeits-Hype mitkommt. Das wäre noch nicht einmal gelogen, aber trotzdem auch nur die halbe Wahrheit.

Ich glaube nämlich, dass dieser Dankbarkeits-Hype einfach nur eine Strategie ist, um mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt und seinem eigenen Glück gegenüber dem Unglück anderer fertig zu werden. Er ist eine bequeme Antwort auf die Überforderung, die die globale Welt mit sich bringt, wenn man immer und zu jeder Zeit menschliches Leid an jedem anderen Ort der Welt einsehen kann. Denn Dankbarkeit, die sich nicht auf eine unmittelbare Geste bezieht (jemand hält einem die Tür auf oder schenkt einem die fehlenden 20 Cent für den Schokoriegel), beruht immer auf einem Vergleich und der Erkenntnis, dass man es besser hat als jemand anderes.

Mich erinnert das an früher. Früher, als ich altersmäßig irgendwo zwischen Kleinkind und Pubertät steckte und unter akuter Unlust und Bocklosigkeit litt, gab es immer einen erwachsenen Menschen, der dann sagte: „Die Kinder in (hier bitte augenscheinlich arme Weltregion einfügen, die exemplarisch für Elend steht) würden sich freuen, wenn sie in die Schule gehen könnten beziehungsweise so viel zu essen, Spielzeug oder was auch immer hätten.“ Ziel: ein schlechtes Gewissen produzieren und Dankbarkeit hervorrufen. Bei Kindern mag dieser Mechanismus vielleicht ganz gut funktionieren. Als erwachsener Mensch kann man sich diese Flucht in die Dankbarkeit allerdings nicht mehr leisten.

Es geht mir nicht darum, dass Dankbarkeit grundsätzlich etwas Schlechtes ist. Natürlich ist niemandem damit geholfen, wenn jeder durch die Welt stapft in der festen Überzeugung, er habe das ihm zuteilgewordene Glück in genau diesem Maße (oder vielleicht sogar noch ein bisschen mehr) verdient. Es kommt immer darauf an, wer dankbar ist und wofür diese Person dankbar ist. Wenn man sich aber ansieht, was gesellschaftlich gerade passiert, ist es eine sehr beunruhigende Entwicklung, dass es trendmäßig immer noch mehr ums Klein-Klein und um sich selbst geht.

Das ist ein Problem, denn Dankbarkeit bedeutet Stillstand. Dankbarkeit macht träge und sie sorgt dafür, dass man sich in seinen Privilegien einrichtet und konstruktiver, sich in der Realität wirklich niederschlagender Kritik von vorneherein den Boden entzieht.

 

Es ist scheinheilig, das Problem zu bemerken, es dann aber zu ignorieren

Die Botschaft dieses „Powergefühl Dankbarkeit“ lautet: „Seht her, ich bin privilegiert, aber immerhin bin ich dankbar!!1! Moralisch macht mir keiner etwas vor!“ Es geht dabei nämlich nicht um eine ehrliche Einsicht, sondern ausschließlich darum, sich selbst zu versichern, dass man nicht den Bezug zu den gesellschaftlichen Rändern verloren hat und dass man immer noch super aware ist. Aber es ist scheinheilig, das Problem zu bemerken, es dann aber zu ignorieren. Auf diese Weise wird ein völlig irreführender Begriff von Dankbarkeit etabliert: Alles ist gut, solange du dankbar bist. Aber man sollte nicht dankbar dafür sein, dass es einem selbst so gut geht, sondern wütend darüber werden, dass es anderen so schlecht geht.

Es ist schick, mit wenig auszukommen, obwohl man viel haben könnte. Deswegen ist der Minimalismus-Trend auch so groß. Genauso schick scheint es nun zu sein, für Dinge dankbar zu sein (und das auch ganz offen zur Schau zu stellen), die bis dahin als selbstverständlich galten. Hinter der Aufforderung nach Dankbarkeit steht (zumindest auf den meisten Internetseiten), dass das, was heute noch selbstverständlich ist, es morgen schon nicht mehr sein könnte. Dazu gehört dann immer auch ein bisschen Angstmache vor einem schlimmen Unfall oder einer schwerwiegenden Diagnose. Das ist nicht nur pathetisch, sondern gleichzeitig auch eine Diskriminierung all derer, für die diese Dinge wirklich nicht selbstverständlich sind. Ein „sei dankbar, dass du gesund bist“ beinhaltet eben auch die indirekte Botschaft, dass alles, was von „gesund“ oder „normal“ abweiche, ganz unerträglich sei. Ableismus nennt sich das.

Zurück zu Fabian. Auf Rückfrage, wofür er denn heute dankbar sei, antwortete er: „Für die kleinen Falten um die Augen meiner Arbeitskollegin, die nur dann entstehen, wenn sie lächelt.“ Ich könnte mir vorstellen, dass seine Arbeitskollegin weniger dankbar für diese Falten ist, aber das sei dahingestellt. Viel wichtiger: Ich bin mir absolut sicher, dass wenn man sich jeden Tag etwas Neues überlegen muss, für das man dankbar ist, man irgendwann nur noch für Schwachsinn und ausschließlich Schwachsinn dankbar ist. Dieses „Für-Schwachsinn-dankbar-sein“ muss man sich wiederum erst einmal leisten können. Vielleicht muss man ja gar nicht jeden Tag aufschreiben, wofür man dankbar ist, um ein glücklicheres Leben zu haben. Vielleicht reicht es auch, wenn man seiner Dankbarkeit ab und an mal Taten folgen lässt.

Weitere Texte: