Vornerum freundlich, hintenrum sauer.

Vornerum freundlich, hintenrum sauer.

Illustration: Daniela Rudolf / Fotos: freepik

Ein Wirrkopf im Endstadium zu sein, ist nicht einfach. Siebenmal am Tag steht man kurz vor dem Herzinfarkt, weil man sicher ist, den Schlüssel verloren zu haben. Zweimal hat man ihn wirklich verloren. Erst den eigenen und dann den Ersatzschlüssel. 

Also steht man vor der Tür und sucht nach dem Handy, um den Schlüsseldienst zu rufen. Das Handy ist nicht da, liegt in der Wohnung. Genau wie der Geldbeutel. Warum zur Hölle merkt man das erst jetzt? 

Ja, das klingt grausam. Wirklich grausam am Verpeilo-Sein ist aber etwas anderes: Wir sind die beliebtesten Opfer des mütterlich-tadelnden Untertons. Begonnen hat das in der Kindheit:

„Die Tasche hast du bestimmt nicht absichtlich im Bad abgelegt, du weißt ja, dass sie da nicht hingehört“. Zitat Mama. Der tadelnde Unterton war eine ihrer Erziehungsmethoden. Übersetzt heißt das: „Pack deine Tasche da weg, aber dalli.“ Je nachdem, was ich wo liegen lassen habe, hat sie dann einfach Tasche gegen den jeweiligen Gegenstand und Bad gegen den jeweiligen Ort getauscht. Und schon damals habe ich diese Art der indirekten Erziehung gehasst. Weil sie so durchschaubar und billig und hochgradig unlogisch ist.

Ich meine, sie hätte ja nicht einmal etwas Dad-Joke-mäßiges sagen müssen wie: „Räum mal die Tasche weg, sonst stolperst du noch drüber und knallst auf den Boden und weißt du, wie die Engländer da zu uns Deutschen sagen? Smashed potatoes“. Nein, mir hätte ein minimalistisches „Räum die Tasche weg“ gereicht. Denn das war ja gemeint. Warum Umwege gehen, wenn es auch direkt geht? Wir würden doch auch alle, wenn wir könnten, die Luftlinie bei Google Maps nehmen, anstatt der Route mit zwölf Ampeln und sieben Minuten Verspätung wegen zu hohen Verkehrsaufkommens.

Die Tasche habe ich früher oder später trotzdem weggeräumt. Immerhin liebe ich meine Mutter abgöttisch und sie wollte mich ja nur bestmöglich erziehen, mehr nicht.

Jetzt bin ich aber ein bisschen gewachsen und ein bisschen weggezogen und trotzdem hört diese Unlogik nicht auf. Der mütterlich-tadelnde Unterton ist noch voll da, nur kommt er nicht mehr aus dem Mund meiner Mutter, sondern aus dem Mund Nicht-Erziehungsberechtigter. Und jeder Wirrkopf wird bestätigen: Das ist unerträglich nervig. Ein kleiner Überblick (bitte mit mütterlich-tadelndem Unterton lesen, so  schwungvoll-heiter, lächelnd und alles superkünstlich):

Nach einem Gruppentreffen in der Uni: Alle stehen im Kreis: „Gut, dann treffen wir uns um sieben Uhr. Kommst du auch um sieben Uhr, Florine?“ (= Komm pünktlich, dumme Kuh.)

In der WG: „Du bist ja auch dabei am Samstag auf dem Konzert?“ (= Hast du dir endlich dein scheiß Ticket gekauft?)

In der Arbeit: „Vergisst du heute auch nicht, die Kaffee-Maschine zu putzen?“ (= Gestern hast du es schon wieder vergessen, muss man dir alles zehn Mal sagen?)

Bei einer Freundin: „Morgen ist ja mein Geburtstag, deshalb wollte ich was unternehmen. Letztes Jahr konntest du ja nicht. Was war noch mal dein Geschenk?“ (= Wenn du ihn dieses Jahr wieder vergisst, dann keine Zeit hast und kein Geschenk, bringe ich dich um.)

Jeder dieser Untertöne war so durchschaubar, billig, hochgradig unlogisch und hat nichts erreicht, außer eben zu nerven. Ich dachte daraufhin nur: 1. Ihr seid nicht meine Mami.  2. Ihr seid einfach nur feige! Meine Mutter wollte mich damit erziehen, bei euch ist das Konfrontationsvermeidungsstrategie (und weil das ein so langes Wort ist, nenne ich sie ab hier KVS).

Diese KVS üben Leute aus, die sich als Kinder im Zimmer eingesperrt haben, um ihren Geschwistern durch die geschlossene Tür Schimpfwörter entgegen zu brüllen. Menschen, die sich nicht angreifbar machen, während sie angreifen.

Bei Erwachsenen darf diese Art der KVS deshalb auch niemals mit Höflichkeit verwechselt werden. Denn sie ist einfach nur feige. Und heuchlerisch. Ja, zugegeben, Ehrlichkeit kann auch unhöflich wirken. Es ist nicht gerade nett zu sagen: „Du fährst jetzt regelmäßig an den See zum Stand-Up-Paddling? Fuck, bist du uncool geworden und hast trotzdem kein Kilo abgenommen“. Aber es ist eben mutig. Und ehrlich. Und statt so gefühlstramplerisch zu sein, kann man das ja auch ein bisschen lieber formulieren: „Du fährst jetzt regelmäßig an den See zum Stand-up-Paddling...“ Nein, okay, das kann man nicht lieber formulieren, aber sonst geht das. Wirklich.

Und diese Mühe verlange ich persönlich ja nicht einmal. Andere Verpeilos wollen ein bisschen Watte drumrum oder am liebsten gar nichts hören, ich hingegen verlange nur eine einfach Sache: Direktheit. „Du Bitch, wegen dir haben wir jetzt wieder eine halbe Stunde verplempert“ – geil. Aber bitte spart euch dieses: „Wenn wir das nächste Mal pünktlich anfangen könnten, wäre suuuper, hihi“.

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