Wie ich wegen eines billigen Zimmers in einer Studentenverbindung landete

Und warum gerade das Bier mich verjagte.
Von Florine Pfleger
Collage: Katharina Bitzl; Foto: getty

Der erste Chargierte erhob sich und brüllte „Silentium!“. Über seiner Brust spannte sich das rot-goldene Band fast so stramm wie das Hemd um den Bauch. Das Helle wippte vor ihm im Krug. Die Männer und Frauen im Saal, die sich gerade noch laut miteinander unterhalten hatten, wurden schlagartig ruhig.

Den „ersten Chargierten“ übersetzte man mir flüsternd als eine Art Sprecher – und er habe uns eben mit seinem lateinischen Gebrüll darauf hinweisen wollen, die Fresse zu halten. Denn jetzt wurde das Volkslied „Die Gedanken sind frei“ gesungen. Ich schlug eines der vielen rot-goldenen Liederbücher auf, die überall im Saal lagen. Ich wollte nicht weiter auffallen. Es musste eh schon seltsam genug auf die anderen wirken, dass ich die ganze Zeit an meinem Kleid rumzupfte, das ich kurz vorher bei H&M blind aus dem Regal gezogen hatte und das fast so zugeschnürt war, wie diese Veranstaltung hier. Dann kippte ich mir mein halbes Bier herunter, um den Schmerz im Rücken zu ersaufen. Einer der Anzugträger sagte, ich solle meine Schultern gerade halten. Das sei weiblicher. Ich sagte dazu nichts. Silentium.

Man scrollt durch die Anzeigen und dann ist es da: ein Zimmer im Traumhaus mit Blick über alle Dächer der Stadt für 200 Euro im Monat

Vor einem Monat war ich in dieses Verbindungshaus gezogen und mit mir eine immer lauter werdende Stimme, die mich fragte: Warum, Florine? Was hast du hier zu suchen, Florine? An diesem Abend begann die Stimme zu schreien. Dabei ist es gar nicht so schwer zu erklären, warum ich dort war. Weil es fast jedem schon einmal passiert ist, der in einer mittelgroßen Studentenstadt auf todesverzweifelter Suche nach einer Bleibe war: Man scrollt sich durch die drei Anzeigen und dann ist es da, einfach so, liegt unschuldig unter dem Mauszeiger: ein Zimmer im Traumhaus mit Blick über alle Dächer der Stadt für nur 200 Euro im Monat. Und mit ihm natürlich auch das, woran einen Mamas so gerne erinnern: der Haken.

Denn immer, wenn so etwas aufploppt, dann ist es entweder James aus England, dem man erst einmal das eigene Vermögen plus Erbe überweisen muss, um an den imaginären Wohnungsschlüssel zu kommen ­– oder aber es ist: eine Studentenverbindung. Wir Mädels sind dann sowieso meist schon ausgeschlossen. Vereinzelt gibt es aber Verbindungen, die bereits im 21. Jahrhundert angekommen sind und Weiblein und Männlein nicht voneinander trennen. Diese war eine davon, die mich noch dazu nett fand – und dringend Nachwuchs suchte.

Die Abende, an denen ich in meiner Zeit in diesem Haus teilnahm, nennen sich im Verbindungsslang „Kneipen“: Leider waren das nicht, wie ich zuerst dachte, gemeinsame Ausflüge in ein uriges Lokal, sondern offizielle Feiern im Veranstaltungssaal, die sich nach dem „Comment“ richtet, also dem Regelwerk für das studentische Zusammenleben. Ehrengäste sind am Kneipenabend die alten Herren, ältere Mitglieder der Verbindung, die jetzt für die Jungen blechen müssen.

Im Saal endeten alle mit sehr bassigen Stammtischstimmen: „Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen und denken dabei: Die Gedanken sind frei“. Der Chargierte war zufrieden. Dann stupste mich mein Tischnachbar an und winkte mich hinter sich her – wir beide sollten den Burschen und den alten Herren jetzt eine neue Runde Bier servieren. Alle „Füchse“, also Mitglieder in der Probezeit, die noch keine Prüfung zum Burschen abgelegt hatten, waren sowas wie Biersklaven. Und ich war noch nicht mal ein richtiger Fuchs, nur Spefuchs, also zum Reinschnuppern hier. Probezeit für den Fuchs-Posten sozusagen. Das heißt: Ich war im hierarchischen Niemandsland.

Als ich mit mehreren Krügen in den Händen wieder an meinem Platz vorbeikam, stand ein Bier auf dem offenen Gesangbuch und jemand erklärte mir, dass ich es nun exen müsse. Ich fragte nicht weiter, stellte die Krüge kurz ab, exte das Bier, nahm die Krüge wieder und servierte. „Besonders nett die alten Herren anlächeln“, hatte mir der Bier-Erklärer noch hinterhergerufen. Das mache man so. Ich lächelte, während ich im enganliegenden Kleid Bier zu den alten Säcken jonglierte. Die Gedaaaaanken sind freeei.

Nach dem offiziellen Teil mit den Reden, dem Singen, dem „Silentium!“-Brüllen und dem Überhaupt, war diese Spaßveranstaltung noch lange nicht vorbei. Es begann der inoffizielle Teil. Der, der nicht mehr im Comment vorgeschrieben wird. Ab dem Zeitpunkt galten eigentlich nur noch ein paar Saufregeln aus dem sogenannten Bier-Comment. Ein Regelwerk, das eigentlich als Parodie entstand, dann aber Ende des 19. Jahrhunderts von irgendjemandem aus Versehen ernst genommen wurde. Nach dem x-ten Bier und fröhlichen Belehrungen irgendwelcher Burschen wurde mir langsam klar, dass ich auch während des offiziellen Teils einer dieser Regeln begegnet war: Gesangbuch in einer Verbindung nicht offenlassen, sonst exen.

Wenn man sich untereinander mischte, dann mit angebrachter Hierarchietreue

Nach wirklich sehr kurzer Zeit waren alle stockbesoffen, Köpfe sanken langsam auf die Seite und die Augen der Menschen wurden immer glasiger. Ein Bursche, der mich vorher noch über die Chefriege des Satiremagazins Titanic belehren wollte, heulte jetzt wegen irgendwas, das ich aus seinem lallenden Singsang nicht herausfiltern konnte. Zwei Jungs lagen mit vollgekotzten Bändern in der Ecke. Ich musste nach ihnen sehen. Als ich zurück zu dem immer noch weinenden Burschen kam, befummelte er mich – meine Partnerin, von der ich ihm so lang und breit vorgeschwärmt hatte, war ihm egal. Füchse quatschten mit Füchsen, Burschen mit Burschen, Gespräche über Verbindungen. Wenn man sich untereinander mischte, dann mit angebrachter Hierarchietreue. Frauen in engen Kleidern standen da übrigens ganz unten. Auch mein Kopf sank.

Was hatte ich erwartet? Das war keine WG-Party, auf der mit steigendem Pegel alle zu Idioten werden, die sich liebhaben. Vor ein paar Stunden schwadronierte noch ein alter Herr über die Geschichte der Verbindung, der höherstehende Bursche schielte dem Fuchs auf die Finger – alle wirkten so seltsam geil auf diese ganzen Konventionen und strikten Machtverhältnisse. Denn die Regeln machten das hier ja alles erst so exklusiv. Deshalb kippte man sich zwar bis zum Delirium mit Bier voll, wurde dabei aber nicht freizügig. Hierarchien bestanden, Regeln bestanden, Zwänge bestanden.

Danach ging ich. In den vergangenen Stunden und Wochen hatte ich die Stimme in meinem Kopf beruhigt und mir das alles schöngeredet: „Alte Sitten und Traditionen sind ab und an wichtig, Florine, sei nicht so ein Kulturbanause, die Kneipe lebt von ihren Regeln, Trinkregeln gehören halt dazu, Hierarchien und Zwänge bestehen in jeder Gemeinschaft, das ist ja alles nicht so ernst, außerdem, Frauen sehen in Kleidern einfach eleganter aus, Frauen, die aufrecht sitzen, sehen einfach eleganter aus...“ Doch eines war  mir dann zu viel, das wollte ich mir einfach nicht mehr schönreden: Dass dieser Regel-Schwachsinn selbst, nachdem alle literweise Bier gesoffen hatten, immer noch existieren konnte. Die einzige Lösung: Zeug packen und Silentium.

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