Warum mir Film-Bewertungen den Spaß versauen

Wir können uns doch von verdorbenen Tomaten den Kinobesuch nicht verbieten lassen!
Von Victor Redman

Illustration: Julia Schubert

„Wollen wir uns die Woche mal Glass im Kino anschauen? Das ist die Fortsetzung zu Split!“ Es ist diese unschuldige kleine Frage, die den Whatsapp-Chat für einen Moment zum Erliegen bringt. Von jetzt auf gleich geht mein Kumpel offline. Checkt er seinen Kalender? Guckt er sich auf Youtube den Trailer an? Nein – er recherchiert. „Ich weiß nicht“, schreibt er schließlich zurück. „Der hat ganz schöne miese Kritiken ...“

Zugegeben: Unrecht hat er nicht. Das Finale von M. Night Shyamalans Superhelden-Trilogie ist kaum in den deutschen Kinos angekommen und bei den Kritikern schon jetzt durchgefallen. Spiegel Online spricht von einem „Filmdesaster“ und „Größenwahn“; anderswo ist die Rede von „einem Twist zu viel“.

Das volle Ausmaß der Enttäuschung lässt sich auf Webseiten wie Rotten Tomatoes ablesen. Seit 1998 sammelt das Portal Rezensionen zu Filmen, Serien und Videospielen. Fallen mehr als 75 Prozent der erfassten Kritiken gut aus, erhält der Film das begehrte Gütesiegel certified fresh. Äußern sich dagegen weniger als 60 Prozent der Kritiker positiv, wird der Film mit einem Klecks aus giftgrünem Tomatenmatsch als rotten – also: verdorben – gebrandmarkt. „Glass“ steht aktuell bei mageren 37 Prozent. Gute Vorzeichen sehen anders aus.

Der Tomato-Score entscheidet über Top und Flop

An Portalen wie Rotten Tomatoes kommen weder Filmemacher noch Filmfreunde vorbei. Der Web-Analyse-Dienst Alexa verortet Rotten Tomatoes inzwischen unter den 500 meist besuchten Webseiten weltweit. Man muss nicht mal aktiv nach der Wertung eines Films suchen; es reicht schon, den Titel in die Google-Suche einzugeben, dann ploppt als einer der ersten Vorschläge von Googles Autovervollständigen-Funktion der Filmtitel und „Rotten Tomatoes“ auf oder man bekommt den Score direkt angezeigt. Und sobald man einmal etwas gesehen hat, lässt es sich eben nicht mehr ungesehen machen.

Foto: Screenshot / Google

Die Skepsis des Publikums ist nachvollziehbar: Schließlich will nach einem Kinoabend niemand enttäuscht nach Hause gehen. Nur: Geschmack ist keine Mehrheitsfrage.

Eine Kritik ist nur eine Meinung

Soll ein Film das Publikum herausfordern oder unterhalten? Sollte er klassische Erzählstrukturen respektieren oder neue Wege begehen? Solche Fragen muss jeder Kritiker für sich selbst beantworten – allgemeingültige Standards zur Bewertung eines Films gibt es nicht. Eine Kritik ist letztendlich also nichts anderes als eine Meinung, und eine Meinung ist immer individuell.

Genau hierüber täuschen Rotten Tomatoes und andere Aggregatoren jedoch hinweg. Hier zählt die Masse. Die individuelle Kritik, ihr Hintergrund und ihre Nuancen werden auf „fresh“ oder „rotten“ reduziert. Es wird ein Konsens suggeriert, der so unter Umständen gar nicht existiert. Die Folge: Erhält ein Film den gefürchteten rotten-Stempel, geht er direkt mit einem Handicap ins Rennen, das sich oft genug auch auf die Einspielergebnisse auswirkt. Das führt dazu, dass der Mainstream immer mehr dominiert und immer weniger Platz für Experimente bleibt. Dabei sind manchmal gerade solche Experimente besonders sehenswert – Experimente wie die ungewöhnliche Superhelden-Geschichte „Glass“ zum Beispiel.

Ich selbst schreibe seit Jahren Filmkritiken und habe das Glück, mein eigener Herr zu sein. Was ich mir ansehe und ob ich was daraus mache, entscheide ich allein. Damit leiste ich mir allerdings einen Luxus, der nicht unbedingt branchenüblich ist.

Oft ist eine Pressevorführung einfach ein weiterer Termin im ohnehin schon vollen Kalender – und nicht immer ein angenehmer. Nicht jeder ist begeistert, mitten am Tag quer durch die Stadt zu fahren, um den hundertsten Comic-Streifen zu sichten. Wenn ich aber einen Film bewerten soll, der mir von Anfang an nicht liegt, kann sich das durchaus mal auf die Kritik niederschlagen. Das Gleiche gilt umgekehrt natürlich auch für Kritiken von bekennenden Fans. Wenn ich mir einen neuen Marvel-Film anschaue, dann sehe und bemerke ich ganz andere Aspekte als ein Marvel-Neuling, und als lebenslanger Comic-Fan gehe ich an manche Verfilmung sicher mit besonderem Wohlwollen heran.

Manchmal sind gerade Experimente besonders sehenswert

Meine eigenen Kinogewohnheiten haben sich durch meine Kritiker-Tätigkeit sehr verändert. Das liegt auch daran, dass es in der Regel noch gar keine Kritiken gibt, wenn die Filmverleiher zur Pressevorführung einladen. Im günstigsten Fall stehen mir ein paar Minuten Trailer-Material zur Verfügung. Wenn ich mehr wissen will, muss ich eben in den Film gehen.

Klar, auf diese Weise bin ich auch schon in die ein oder andere Leinwand-Katastrophe gestolpert. Ich habe aber auch viele Filme gesehen, die mich positiv überrascht haben. „Aquaman“ – mit 64 Prozent positiven Kritiken gerade noch genießbar – gehört für mich zu den coolsten Comic-Verfilmungen der letzten Jahre. Die Neuauflage von „Robin Hood“ hat mir viel Spaß gemacht, auch wenn er anscheinend nur 16 Prozent der Kritiker überzeugen konnte. Und „Glass“ ist in meinen Augen ein nahezu perfektes Finale für eine ganz besondere Superhelden-Saga. Mit Rotten Tomatoes als Wegweiser hätte ich vielleicht keinem dieser Filme eine Chance gegeben.

Solange neue Ideen, neue Geschichten und neue Gesichter an den Kinokassen abgestraft werden, werden solche Filme es weiterhin schwer haben. Natürlich hat es keinen Sinn, sich zu Filmen zu zwingen, auf die man von vorn herein keine Lust hat. Wer aber wirklich Lust hat auf was Neues, dem kann ich nur empfehlen, mal wieder blind ins Kino zu gehen – vielleicht werdet ihr ja ebenso positiv überrascht wie ich.

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