Warum ich wirklich Angst vor der Zukunft habe

Unsere Autorin ist Jahrgang 1995 und somit Teil der ängstlichen "Generation K". Doch Sorge macht ihr nicht die Wirtschaftslage.
Von Veruschka Haas
pollography / photocase.de

Vor Kurzem habe ich einen Artikel in der Zeit gelesen, in dem es um eine Studie der britischen Professorin Noreena Hertz ging. Laut ihr gibt es jetzt die sogenannte „Generation K“. Eine Generation, die aus den Menschen der Jahrgänge 1995 bis 2002 besteht und sich durch deren große Zukunftsängste charakterisiert. Laut Hertz sind dafür vor allem die Weltwirtschaftskrise und der zunehmende Terrorismus verantwortlich.

Ich bin selbst Jahrgang 1995. Und ja, ich mache mir sehr viele Sorgen über meine Zukunft. Meine gleichaltrigen Freunde tun das auch. An der These von Noreena Hertz scheint also schon was dran zu sein – aber nicht aus den Gründen, die sie angibt. Schuld an der Angst ist aus meiner Sicht nicht die Weltwirtschaftskrise – sondern Social Media. 

Millennials, Generation Y, Generation Z, Selfie-Generation, Smartphone-Generation. Je nachdem, welche Definition man gerade heranzieht, gibt es viele Namen für die Menschen, die um die Jahrtausendwende herum geboren sind. Noreena Hertz nennt uns bewusst „Generation K“, nicht, weil wir teilweise die Angewohnheit haben, auf Nachrichten mit dem Buchstabe „K“ anstatt des vollen Wortes „okay“ zu antworten. Sondern weil sie damit auf Katniss Everdeen, Hauptheldin im Jugendbuch Die Tribute von Panem, anspielt.

Werde ich nach dem Studium einen Job finden? Oder noch mit 40 an der Supermarktkasse sitzen?  

Auch ich habe mit 15 Jahren diese Bücher verschlungen – wieder so ein Moment, in dem ich mich mit Hertz-These identifiziere. Katniss Everdeen lebt in einer dystopischen Welt, in der ein Großteil der Bevölkerung dazu verdammt ist, in Armut zu leben und hart zu arbeiten, um den Reichen ihre Lebensweise zu ermöglichen. Träume ausleben, einen gut bezahlten Job bekommen, was aus seinem Leben machen? Fehlanzeige. Und leider empfinden viele Menschen, die zwischen 1995 und 2002 geboren sind, genau so. Für ihre Studie fragte die Professorin 2000 junge Amerikanerinnen und Britinnen, inwiefern sie Angst vor der Zukunft hätten. 79 Prozent machten sich Sorgen, einen Job zu finden. 72 Prozent hatten Angst, sich stark zu verschulden. Genau wie ich.

Ich mache mir ständig Sorgen, wie mein späteres Leben aussehen wird. Kurz vor meinem Abitur und auch noch im Jahr danach war ich wie gelähmt vor Angst und lag Nächte lang wach. Auch heute mache ich mir noch viele Gedanken, ob ich nach meinem Studium je einen richtigen Job finden werde oder ob ich am Ende mit 40 an einer Supermarktkasse sitze, verzweifelt bei dem Versuch, meine Schulden abzubezahlen, meine Träume von einem Job im Journalismus oder Marketing schon lange erloschen.

 

Vielen meiner Freunde geht es ähnlich. Entweder wissen sie nicht, was sie machen wollen, oder sie studieren zwar gerade oder machen eine Ausbildung, fürchten sich aber davor, was danach passieren wird. Warum haben wir solche Angst?

 

Wir werden ständig daran erinnert, was da draußen alles schiefgeht

 

Noreena Hertz sagt, es läge unter anderem an der Finanzkrise, die wir miterlebt haben. Diese habe uns gezeigt, wie unsicher alles sei. Wie schnell Menschen ihre Jobs und ihr Vermögen verlieren können und wie schnell das Leben auf den Kopf gestellt werden kann. Andere Faktoren seien außerdem der zunehmende Terrorismus, der Klimawandel, die Ungerechtigkeit gegenüber Minderheiten. Und während sie noch keine explizite Verbindung zwischen diesen Faktoren und Social Media Plattformen zieht, war diese Verbindung beim Lesen mein erster Gedanke.

 

Denn die Generation K bekommt das alles hautnah und in Echtzeit auf Seiten wie Facebook und Twitter mit. Anders als frühere Generationen sind wir mit diesen Plattformen groß geworden und werden ständig daran erinnert, was da draußen alles schiefgeht. Und während ich es wichtig finde, informiert zu sein, wundert es mich nicht, dass dieser Überfluss von Neuigkeiten unter anderem auch Auslöser für unser Gefühl von Hoffnungslosigkeit ist. Denn während frühere Generationen diese schlechten Neuigkeiten meistens nur durch die Nachrichten vermittelt bekommen haben, also meistens einmal abends während der Tagesschau oder beim Radio Hören einmal pro Stunde, sind wir mit unseren Smartphones dauernd von allem Schlechten umgeben.   

Wer kann es uns da verdenken, dass wir pessimistisch sind, wenn wir ständig überall lesen, wie ungerecht die Welt ist und dass es mit uns und der Erde bergab geht? Auch ich als 21-Jährige lese jeden Tag auf   irgendwelchen Seiten, dass ich weniger Chancen auf eine Führungsposition habe, als ein Mann. Anders als ältere Menschen habe ich noch keine Lebenserfahrung, die mir das Gegenteil beweisen könnte.

 

Neben den scheinbar perfekten Menschen fühlen wir uns unterqualifiziert und ungeeignet. Wieso sollte ein Arbeitgeber anders denken?

 

Aber auch das soziale Umfeld ist ein Problem. Früher wusste man nur über die Leben von Freunden und Bekannten Bescheid, die man auch regelmäßig sah. So bekam man sowohl die positiven als auch die negativen Seiten von deren Leben mit. Heutzutage dagegen kann man an dem Leben jeder Person, die einen öffentlichen Account auf einer Social-Media-Seite hat, teilhaben. Und bei dem, was man zu sehen bekommt, handelt es sich meistens um ein idealisiertes Bild, denn kaum einer postet auch die schlechten Momente seines Lebens. Wir sind also andauernd mit scheinbar perfekten Leben anderer Leute konfrontiert. Menschen, die viel reisen, perfekte Körper haben, über einen großen Freundeskreis verfügen, erfolgreich im Job sind und uns alles in allem das Gefühl geben, unser Leben sei minderwertig.

 

Es ist schwierig, von seiner Zukunft überzeugt zu sein, wenn man permanent Menschen sieht, die im gleichen Alter sind und schon etwas erreicht zu haben scheinen. Auch eigene Talente sehen neben anderen Menschen online blass aus. Du kannst gut malen? Mit großer Wahrscheinlichkeit wirst du mindestens ein Dutzend Menschen finden, die besser malen können als du. Du kannst gut singen? Ja, aber im Internet gibt es Massen von Menschen, die noch besser singen können und dies auch vor laufender Kamera beweisen. Man hat das Gefühl, man geht in der Masse unter, ist nicht so einzigartig, wie man immer dachte. Und das ist ein Problem. Neben diesen scheinbar perfekten Menschen fühlen wir uns unterqualifiziert und ungeeignet. Wieso sollte ein Arbeitgeber anders denken?

 

Dass ich einmal das Internet verdamme, hätte meine Mutter wohl nie gedacht. Aber das Internet ist nun mal das, was es ist und sich komplett davon fernzuhalten ist keine Option. Was können wir also tun?

 

Wir könnten versuchen, alles etwas entspannter zu sehen. Vielleicht können die älteren Generationen uns ja dabei helfen. Nicht umsonst werden die älteren Millennials auch die „Yes, we can“-Generation genannt. Eben weil sie der Meinung zu sein scheinen, dass sie alles schaffen können, egal wie hoffnungslos eine Situation wirkt. Von dieser Einstellung könnten wir viel lernen.

 

Ein letzter Punkt, den ich interessant finde, ist außerdem, dass Noreena Hertz nur Mädchen befragte. Und wenn ich an Gespräche in meinem Freundeskreis zurückdenke, sind es auch meistens nur die Frauen und die Mädchen, die von ihren Zukunftsängsten erzählen. Deshalb frage ich mich, ob die meisten Männer entweder weniger Zukunftsängste haben als ich oder ob sie einfach nicht so offen darüber reden wie wir Frauen es tun? Bei Gelegenheit werde ich die Männer in meinem Freundeskreis um eine Antwort bitten. Vielleicht kennt die männliche Seite unserer Generation ja einen Trick, wie man – trotz der vielen negativen Einflüsse – optimistisch bleiben kann und nicht anfängt an sich und seiner Zukunft zu zweifeln. Vielleicht sind sie ja sogar Generation H, benannt nach Harry Potter, der zwar andauernd – mindestens einmal pro Schuljahr – mit seinem möglichen Ableben konfrontiert wird und vor allem in den letzten paar Bändern in einer äußerst düsteren Welt lebt. Auch Harry wirkt teilweise etwas unqualifiziert, um den mächtigsten dunklen Zauberer der Welt zu besiegen. Er schafft es aber trotzdem, nicht komplett hoffnungslos zu wirken.

 

 

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