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Foto: Z2sam / photocase

Freibadpommes, Sonnenbrand, die Express-Heizung auf den heißen Steinböden direkt neben dem Becken. Eis, Wespenstiche, Spezi. Der Geruch von Sonnencreme und am Ende des Tages der ölige Film auf dem Wasser, der den Sonnenuntergang spiegelt. Männer mit strammen Bäuchen und der kompletten Adiletten-Kollektion. Nervöse Jung-Eltern mit großflächigen Tattoos, die sich am Baby-Becken niederlassen. Junge Platzhirsche, die reinsten Testosteron-Versuchsküchen. Pubertäre Annäherungsversuche im Schwimmerbecken feat. Untertauchen und Reinschmeißen. Diese einzigartige Geräuschkulisse, die mit nichts zu vergleichen ist, außer vielleicht dem Möwen-Gekreische an der Küste.

All das sehe und höre ich sofort, wenn ich das Wort „Freibad“ lese, höre oder ausspreche. Und ich fühle mich auf der Stelle ziemlich entspannt und habe gute Laune.

Im Freibad gelten andere Regeln als da draußen in der ungechlorten Welt

Richtig schlechte Laune macht mir allerdings die aktuelle Meldung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), der zu entnehmen ist, dass im vergangenen Jahr in Deutschland 175 Schwimmbäder geschlossen wurden, davon 62 Freibäder. Ausgerechnet im reichen Bayern wurden die meisten Schwimmbäder geschlossen, nämlich 16.

Ich halte das für eine echte Katastrophe. Und zwar nicht nur aus Nostalgie, sondern aus mehreren Gründen:  

Das Freibad ist ein Kosmos, in dem andere Regeln gelten als da draußen in der ungechlorten Welt. Es geht nicht darum, wie viel Kohle du hast, sondern darum, ob du es drauf hast, einen Sommertag möglichst gut zu verbringen. Im Freibad kann sich jeder körperlich ertüchtigen. Hier kann sich jeder abkühlen. Und hier kann jeder seine Freizeit oder seine Ferien verbringen. Für 4,20 Euro.

Wir lernen hier wichtige soziale Kompetenzen und Qualifikationen. Ganz wichtig zum Beispiel: Schwimmen. Klingt doof, scheint aber gerade in Deutschland zu einer gefährdeten Kulturtechnik zu werden. Hierzulande kann jedes zweite zehnjährige Kind nicht schwimmen.

Aber wir lernen auch andere Dinge, die im Leben von allergrößter Wichtigkeit sind:

  • Wir lernen, Pommes zu essen, die so hart sind wie kleine Holzscheite. Ohne uns zu beschweren.
  • Wir lernen, uns unserer Angst zu stellen – auf dem Fünfer und Zehner. Und wenn diese Angst zu groß ist, um runter zu springen, lernen wir, dass es auch mutig sein kann, die Leiter wieder herunter zu klettern.
  • Wir lernen nach Jahren der Abstinenz die Charts wieder kennen, weil die Mädchen-Clique am Nebenhandtuch darauf besteht, ihre Nachbarschaft damit zu beschallen. Und wir lernen sehr schnell, das auszuhalten.
  • Wir lernen, dass niemand unseren ästhetischen Ansprüchen genügen muss, um sich auszuziehen. Sondern dass wir besser schnell damit klarkommen sollten, dass die Menschen sehr verschieden sind und auch so aussehen.

Wenn uns das jetzt weggenommen wird, weil angeblich kein Geld mehr da ist für die Freibäder, dann muss ich wirklich an der Zurechnungsfähigkeit von allen und jedem zweifeln. Ja, ich weiß: Freibäder zu betreiben gehört zu den freiwilligen Aufgaben der Kommunen und muss von diesen selbst finanziert werden, weil sie nicht als „notwendig“ gelten. Ja, es gibt einen immensen Sanierungsbedarf bei den Bädern, weil sich halt nie jemand darum gekümmert hat und die Bäder jetzt in die Jahre gekommen sind.

Ja, so ein 50-Meter-Becken zu beheizen ist ein massiver Kosten- und Energie-Aufwand.

Und ja, für jeden Euro Eintritt, den man an der Kasse bezahlt, legt die Kommune im Schnitt zwei Euro drauf. Das ist ein ziemliches Zuschuss-Geschäft und natürlich nicht rentabel für die Kommunen. Aber wenn es nur darum ginge, müssten die Kommunen eher bei den kulturellen Angeboten anfangen, wo eine einzelne Eintrittskarte teilweise mit mehr als 100 Euro bezuschusst wird. Doch auf die Idee, die Opernhäuser und Theater zu schließen, käme nie jemand, dafür ist die Lobby der Kulturbeflissenen zu groß. Die Zahlen der Schwimmbadbesucher sind in den vergangenen Jahren nach oben gegangen, was unter anderem auch mit den immer heißer werdenden Sommern zu tun hat. Die Auslastung der Bäder ist bei weitem höher ist als bei Theatern und Konzerten. Aber die Schwimmbäder haben keine Lobby und werden als erstes als unwichtig eingestuft und eingespart.

Freibäder bringen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zusammen

Das ist so unfassbar dumm! Unsere Kindheit und vor allem unsere Jugend wurde von unseren Sommern im Freibad geprägt. Wenn die jetzt zugemacht werden, wo sollen alle Badbesucher, alle Jugendlichen und Kinder denn bitte hin? Etwa in die Oper?  

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Freibäder noch eine extrem wichtige Aufgabe haben, die keine andere Institution erledigt: Sie bringen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zusammen. Und das ist in Zeiten, in denen die sich auseinander bewegen, umso wichtiger. Wenn die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer und die Mittelschichtler immer nervöser werden, ziehen sich die Menschen zurück. Es gibt nur noch sehr wenige Orte, an denen alle zusammenkommen. In der Oper und im Theater trifft man nur seinesgleichen - laaaaangweilig. Das Freibad ist neben den Bibliotheken einer der wenigen demokratischen und vor allem demokratisierenden Orte. 

Denn vor dem Bademeister sind wir alle gleich: gleich halbnackt und gleich lächerlich. Und das macht das Freibad zu einem so unfassbar kostbaren Ort. Es ist nämlich von immenser Bedeutung, dass wir immer wieder Menschen begegnen, die anders sind und anders leben als wir. Sonst wachen wir womöglich eines Tages überrascht in einem Land auf, das gerade die deutsche Version von Donald Trump zum Bundeskanzler gewählt hat. In den USA schreitet das Schwimmbad-Sterben übrigens schon sehr viel länger voran und in sehr viel größeren Schritten – wer weiß, ob da ein Zusammenhang besteht.

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