Wir sollten uns mehr für faire Mietpreise einsetzen

Hasstiraden und Galgenhumor bringen uns nämlich nicht weiter.
Von Nele Spandick

Illustration: Julia Schubert

Als ich Freund*innen erzählt habe, dass ich von Berlin nach München ziehe, kam nach ein paar Witzen über bayerische Spießigkeit immer die eine Frage: „Und, schon was Bezahlbares zum Wohnen gefunden?“ Die einzig legitime Antwort: Etwas zu Wohnen schon, bezahlbar ist es eigentlich nicht. Und so entgegnete ich jedes Mal mit einem resignierten Lachen: „Tja, das Münchner High Life muss man sich eben leisten können.“ Aber letztlich geht es meinen Freund*innen nicht anders. Egal, ob sie in Berlin oder Freiburg wohnen, in London oder Wien nach einer Bleibe suchen, die Mietpreise sind meist irrsinnig hoch. Neben unserem Ärger eint uns noch etwas: Wir tun nichts dagegen. Wir verzweifeln monatelang auf der Wohnungssuche oder halten schreckliche Mitbewohner*innen aus, weil wir nichts besseres finden. Und unsere einzige Reaktion sind Hasstiraden und Galgenhumor. Wir demonstrieren gegen Kohle, versuchen uns in gendergerechter Sprache und kaufen Second-Hand-Mode. Wir engagieren uns für Parteien und raven gegen Rechts. Aber wir tun nichts gegen Mieten, die große Teile unseres Budgets auffressen – obwohl wir alle sehen, dass da etwas falsch läuft.

Und zu diesem „wir“ gehören nicht nur meine Freundinnen und Freunde, sondern eine ganze Menge an Leuten in ihren jungen Zwanzigern, die zwar nicht unpolitisch oder unengagiert sind, aber trotzdem nicht aktiv gegen steigende Mieten vorgehen. Tilman Schaich von der #ausspekuliert-Bürgerinitiative erzählt mir, dass kaum junge Menschen zu den Mieter*innen-Stammtischen in München kommen. Er habe fast das Gefühl, wir würden uns nicht dafür interessieren. Aber das stimmt natürlich nicht. Uns beschäftigt das Thema, wir reden darüber. Nur warum machen wir dann nichts?

Noch können wir in heruntergekommenen WGs und Mini-Zimmern hausen

Ein Grund dafür ist sicherlich, dass viele von uns irre privilegiert sind: Wir verdienen ausreichend, um uns mit ein paar Abstrichen doch eine Wohnung leisten zu können. Oder haben Eltern, die uns den Spaß finanzieren. Wir jammern zwar, haben am Ende aber trotzdem die Möglichkeit, in eine überteuerte Wohnung zu ziehen und das hippe Viertel weiter zu gentrifizieren. Auch, weil wir jung sind und ohne Probleme in heruntergekommenen WGs und in Mini-Zimmern hausen können. Und weil wir ansonsten wenig große Ausgaben und vor allem noch keine teuren Kinder haben. Wenn wir dann etwas gefunden haben, stellt sich die Gemütlichkeit ein. Warum sollten wir uns nun noch mit teuren Mieten beschäftigen? Eigentlich ist die Antwort ganz simpel: Wir werden noch ein paar Jahre die Augen verschließen und unsere Lage ignorieren können, aber irgendwann fällt uns das auf die Füße. Während wir studieren und in den Beruf einsteigen, reicht es uns vielleicht, am Ende des Monats nicht im Minus zu sein. Aber spätestens nach ein paar Jahren im Job sollten wir über Rücklagen und Altersvorsorge nachdenken. Ob wir das bei unseren Mieten dann noch können, ist fraglich. Vor allem wenn wir irgendwann aus der unrenovierten Studierenden-WG ausziehen wollen.

Ein anderer Grund, warum wir nichts tun, ist die scheinbare Aussichtslosigkeit. Wir glauben nicht mehr daran, dass es bezahlbaren Wohnraum in guter Lage geben wird. Wir haben abgeschlossen mit der Vorstellung, irgendwann maximal ein Drittel unseres Gehalts für Wohnen auszugeben, wie es zum Beispiel der Mieterverein fordert. Wir hören uns Enteignungsdebatten und „Nur mit funktionierendem Markt werden Wohnungen gebaut“-Thesen an und ärgern uns oder nicken zustimmend. Aber wir glauben schon lange nicht mehr daran, dass sich die Situation fundamental ändert.

Dabei könnten wir durchaus etwas erreichen: Wenn wir in Mietervereine eintreten, können uns Vermieter*innen nicht mehr mit hohen Mieten oder rechtswidrigen Kündigungen über den Tisch ziehen. Wenn wir nicht immer nur über Politik reden, sondern sie auch mal machen, können wir uns für bessere Gesetze einsetzen. Und wenn wir mit unseren Nachbar*innen mehr als ein „Hallo“ und Pakete austauschen, können wir uns mit ihnen zusammentun, um mehr Macht gegenüber den Vermieter*innen zu haben. Wir müssten nur mal den Arsch hochkriegen. Eben auch, weil der Kampf nicht nur für uns ist, sondern auch für die Leute, die nicht mit reichen Eltern oder guten Jobs gesegnet sind. Also liebe Leute: Lasst uns mal anfangen, was zu tun. In der Kommunalpolitik, bei Genossenschaften und in der Auseinandersetzung mit unseren eigenen Vermieter*innen. Das ist nichts, was Alt-Linke aus der Generation unserer Eltern unter sich ausmachen müssten. Wir sind betroffen von dieser Ungerechtigkeit. Also lasst uns endlich anfangen, etwas zu ändern.

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