„Keine halben Sachen machen“ ist ein unsinniges Mantra

Denn es ist wichtig, Dinge einfach nur ausprobieren zu können.
Von Lara Thiede

Collage: Jessy Asmus

Viele Menschen halten es für eine Tugend, „keine halben Sachen“ zu machen. Allen voran wohl all die Mütter, Väter oder Großeltern, die uns als Kinder mehrmals wöchentlich zum Blockflöten, Turnen oder Ballett zwangen. Ganz egal, wie schlecht wir darin waren oder wie wenig Spaß uns das gemacht hat. Hauptsache, die lieben Kleinen ziehen endlich mal was durch.

Aber auch andere finden dieses Mantra super. Markus Söder zum Beispiel wollte mit diesem Ansatz die Asylpolitik Deutschlands verbessern. Und auch Boris Becker rühmte sich schon mit diesem Satz: „Wer mich kennt, weiß, dass ich keine halben Sachen mache.“ Vertreter der Kirche ermutigen ebenfalls dazu, sich „ganz oder gar nicht” für etwas zu entscheiden.

Ziemlich verpönt also, diese „halben Sachen“. Aber warum eigentlich? Sie sind doch etwas ganz Wunderbares. Denn wer halbe Sachen macht, probiert Dinge einfach aus. Er oder sie hat keine Angst davor, das Angefangene dann nur nebenbei und semi-gut zu machen. Oder, wenn es ihm oder ihr überhaupt nicht gefällt, es wieder aufzugeben.

Was würde denn aus uns, wenn wir alles immer durchziehen müssten?

Für mich ist das der Inbegriff eines guten Lebens: Entspannt und mutig genug zu sein, um sich immer wieder Neuem zu öffnen. Aber dann auch das eigene Scheitern zu akzeptieren – im Optimalfall ohne größere Verluste.

Man stelle sich das nur mal umgekehrt vor: Was würde denn aus uns, müssten wir alles immer durchziehen – auch nachdem wir gemerkt haben, dass das nichts für uns ist? Wenn ich mich beispielsweise nie von meinem ersten Freund getrennt hätte oder den einstigen Wunsch, Lateinlehrerin zu werden, nicht aufgegeben hätte? Ich müsste mich dann heute noch mit einer kaputten Beziehung und lästigen Vokabeln quälen. Nicht auszudenken!

Die Ablehnung halber Sachen nimmt uns das Schönste am Leben: unsere Flexibilität. Sie ist ein Privileg, das nicht jeder Mensch hat. Aber eben auch eines, das viele Menschen, die es haben, nicht zu schätzen wissen. Nämlich die, die sich mit dem Glaubenssatz, alles immer ganz oder gar nicht zu machen, selbst beschneiden.

Denn dieser Anspruch an sich selbst setzt einen wahnsinnig unter Druck. Jede Entscheidung wiegt dann schwer, nichts entsteht aus einer spontanen Laune heraus. Was einmal entschieden ist, ist gesetzt. Da kommt ein Verfechter oder eine Verfechterin dieses Mantras nicht mehr raus, zumindest nicht, ohne sich selbst damit zu enttäuschen.

Halbe Sachen zu machen, ermöglicht die Selbstverwirklichung

Dabei ist das doch unsinnig. Denn zum Zeitpunkt einer Entscheidung, weiß man eben nicht immer, ob sie tatsächlich gut ist und wie sich das Entschiedene letztlich entwickelt. Es ist einfach unmöglich, immer alles konsequent zu Ende zu denken. Dem Mantra zufolge ...

  • … wären vermutlich 30 % der männlichen Bevölkerung Deutschlands bei der Feuerwehr

  • … und ein Großteil der Frauen Ballerinas in rosa Tutus.

  • … wäre Jon Snow tot geblieben.

  • … müsste die Studentin weiter als Verkosterin jobben, auch wenn ihr Magen das nicht verträgt.

  • … wäre ein Backstreet-Boys-Comeback nie zustande gekommen.

Wer nach der Anweisung „Mach bloß keine halben Sachen“ lebt, sollte ab diesem Zeitpunkt also schon sehr genau wissen, was er oder sie im Leben will. Sonst wird es schwierig mit der Selbstverwirklichung. Denn im Grunde lässt sich ja nur übers Ausprobieren herausfinden, was zu einem passt, was glücklich macht.

Ab wann ist eine Sache „ganz“?

Das Problem an dem Mantra ist aber auch eines der Definition. Was sind denn eigentlich diese halben Sachen, die man besser nicht tun sollte? Und ab wann ist eine Sache „ganz“? Ab wann darf Töchterchen Marlene zum Beispiel aufhören, Fußball zu spielen? Wenn sie ihre erste Meisterschaft gewonnen, aber noch immer keinen Spaß am Sport hat? Oder erst, wenn ihr Meniskus gerissen ist?

Klar, wer gefunden hat, was ihm oder ihr Erfüllung bringt, soll das gerne und unbedingt durchziehen. Aber wer sagt, er oder sie mache grundsätzlich keine halben Sachen, ist nicht ganz ehrlich. Vor allem nicht zu sich selbst. Denn niemand kann alles mit vollem Einsatz tun, das Mantra beschreibt eine Utopie. Oder eine Dystopie. Je nachdem, wie man die Sache mit den „ganzen Sachen“ eben findet. Ich jedenfalls bin dankbar, dass ich nicht mehr Blockflöten muss. Und ich denke, die Welt ist es auch.