Warum wir eine „Essen-bestellen-Scham" brauchen

Nicht nur fürs Klima, auch für die Selbstliebe.
Von Berit Dießelkämper

Illustration: Julia Schubert

Es gibt Dinge, die wurden bisher von der Debatte um Klimaunverträglichkeit verschont. Sie wurden nicht mit dem Anhang „-Scham“ versehen, wie beispielsweise Flugscham oder SUV-Scham, um deutlich zu machen, dass sie jetzt einfach nicht mehr cool sind. Zu diesen noch schambefreiten Dingen gehört es, Essen nach Hause zu bestellen. Dabei wäre es meiner Meinung nach höchste Zeit, die „Essen-Bestellen-Scham“ einzuführen, denn es gibt sehr viele, sehr gute Gründe, das zukünftig zu unterlassen – und das sind nicht nur Klima-Gründe!

Aber fangen wir doch mit ihnen an. Denn wer aktuell über die Klimakrise spricht, spricht meistens auch vom Plastikmüll, den man unbedingt vermeiden sollte – womit wir auch schon beim Thema sind. Im Restaurant oder im Imbiss bekommt man das Essen meistens auf einem Teller oder in einer Schüssel und mit richtigem Besteck serviert. Wer hingegen sein Essen bestellt, bekommt es meist in einer Papp- oder Plastikverpackung (oder richtig schlimm: in einer Styropor-Verpackung), nicht selten mit Plastikbesteck, das noch einmal extra in Plastik eingepackt ist, und einem riesigen Haufen Servietten.

Das kann einen großen Unterschied machen, denn es sind immer noch die jungen Menschen, die zwar für eine bessere Klimapolitik auf die Straße gehen, mit ihrem urbanen Lebensstil aber gleichzeitig auch den meisten Verpackungsmüll produzieren. Laut einer Forsa Umfrage kaufen zwei Drittel der Menschen unter 30 mindestens einmal im Monat Essen to go in Einwegverpackungen in Restaurants oder bei Lieferservicen. Die ganzen fancy Kaffee-to-go-Becher sind dabei noch nicht mitgerechnet.

Noch mehr Karma-Minuspunkte kassiert man beim Essen Bestellen durch den zusätzlichen Energieaufwand

Aber damit nicht genug an Klimasünde, denn noch bevor man das bestellte Essen zu Hause aus dem ganzen Plastikmüll wickeln kann, muss es erst einmal dort hinkommen. Damit sind wir schon beim nächsten Problem: Das bestellte Essen wird nicht immer nur mit Muskelkraft bewegt, sondern auch auf einem Roller oder in einem Auto, die durch den Verkehr fahren, die Straßen verstopfen, CO2 ausstoßen und durch Reifenabrieb Mikroplastik hinterlassen. Sollte es mal ein E-Bike sein, das das Essen bringt, müsste man – konsequent wie man ist – sich auch fragen, woher kommt eigentlich der Strom, mit dem das E-Bike betrieben wird? 

„Stell dich nicht so an!“ oder „Kleinkrieg!“, werden jetzt einige sagen, aber wenn wir schon dabei sind: Noch mehr Karma-Minuspunkte kassiert man beim Essen Bestellen durch den zusätzlichen Energieaufwand, den man häufig braucht, um die Pizza zu Hause noch einmal kurz im Ofen aufzuwärmen, oder um die Nudeln noch einmal schnell in die Pfanne zu hauen, weil der Fahrer oder die Fahrerin im überlasteten Großstadtverkehr so fürchterlich lange gebraucht hat. 

Wenn man jetzt aber nicht bereit ist, dem Klima zuliebe auf das Essen Bestellen zu verzichten, dann vielleicht aus Selbstliebe: Wer in der Stadt und in der Nähe von Restaurants oder Imbissen wohnt, bekommt, wenn er oder sie ausgeht, anstatt zu bestellen, nicht nur Bewegung, sondern auch noch Gesellschaft. Das mag nicht immer sehr verlockend klingen, erst recht nicht, wenn man an einem Sonntagnachmittag etwas zerstört (innerlich und äußerlich) auf der Couch liegt und glaubt, jede Bewegung könnte sofort einen Herbststurm in Kopf und Magen auslösen. Aber oft genug ist es ja auch einfach so, dass man nur ein kleines bisschen zu faul oder zu einsam ist, um das Haus zu verlassen. Das ist natürlich anstrengend, aber aufstehen, zu einem Lokal spazieren und dort mit dem Tischnachbar plaudern hilft!

Im Restaurant oder Imbiss kann man vorab gucken, was die anderen Gäste so auf ihren Tellern haben

Und ganz ehrlich: Es schmeckt vor Ort auch einfach besser als zu Hause. Wer schon einmal eine Lieferung mit durch die Verpackung gelaufener Soße oder eine Pizza mit Rucola, der nicht mehr knackig frisch oben auflag, sondern welk im Käse klebte, bekommen hat, weiß, wie groß die Enttäuschung beim bestellten Essen sein kann. Ganz zu schweigen von der manchmal enormen Internet-Realitäts-Schere, bei der der Burger auf den professionellen Studioaufnahmen noch richtig appetitlich aussieht, in der Realität aber entweder zu einem großen, soßigen Burger-Klotz zusammengeklebt ist oder die Zutaten unsortiert in der Schachtel herumliegen. Im Restaurant oder Imbiss kann man vorab gucken, was die anderen Gäste so auf ihren Tellern haben. Sieht das gut aus? Sehen sie zufrieden aus? Außerdem sieht man dort auch – und das ist manchmal noch viel wichtiger – wie und in was für einer Umgebung das Essen zubereitet wird.

Aber vielleicht war das mit der Scham ein wenig überstürzt. Natürlich soll sich niemand ernsthaft schämen, wenn er oder sie Essen bestellt. Es geht eher darum, immer mal wieder die eigenen Lebensgewohnheit zu hinterfragen und das, was man tagtäglich so easy-peasy macht, einem genaueren Blick zu unterziehen. Ein kurzer Check, ob das alles noch so zeitgemäß oder auch vertretbar ist, wie man mal angenommen hatte. Gewohnheiten ändern ist zwar verdammt schwer – insbesondere, wenn jemand (ich) mit einem erhobenen Zeigefinger Veränderung einfordert –, aber am Ende hängt ja doch irgendwie alles zusammen und jede kleine Veränderung kann große Auswirkungen haben. Im besten Fall für alle, mindestens aber für einen selbst.

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