Wir sollten uns öfter trauen, Witze zu erzählen

Ein Plädoyer für mehr Mut.
Von Magdalena Pulz

Illustration: Julia Schubert

„Erzähl mal einen Witz“, sagt die achtjährige Nichte meines Freundes zu mir, während wir durch die Nacht fahren. Oh nein. Nicht das. Nicht heute. Ich bin nicht vorbereitet. Und wir sitzen im Auto, das heißt, die nächsten zehn Minuten sind unumgänglich. Panisches Durchbohren meines Gehirns: jugendfreier, nicht-sexistischer Witz. Verdammt. Mir fällt nicht mal ein Klopfklopf-Witz ein, kein Wortspiel, nichts. Während ich noch stammle, legt Klein-Kebekus einfach selber los: „Eine Frau, die hat einen Papagei äh und der äh und also der soll drei Sätze lernen. Dann öh genau … fliegt der Papagei los ….“ Ich tune aus. Am Ende lache ich halbherzig und denke, die Sache ist gegessen. Aber nein. Gnadenlos legt sie noch einen drauf: „Treffen sich zwei Schnecken an der Straße....“ Ich greife zum Äußersten und drehe das Radio lauter. Nix. Unbeirrt schreit sie: „Was kriegt man, wenn man einen Hund und einen Löwen mischt?“

Es gibt diesen Punkt im Leben, ab dem man keine Witze mehr erzählt. Vielleicht gehört er zum Erwachsenwerden, wie die erste Periode oder die Erkenntnis, dass jeden Tag Fertigpizza auch deprimierend ist. Zumindest bei mir war das so. Dabei finde ich vieles lustig, Spongebob, die „Lifestyle-Rubrik“ von Bild.de, wenn Pfarrer versuchen sich volksnah zu geben, den Stuttgarter Dialekt, Babyhunde, die über ihre eigenen Pfoten fallen, alte Männer, die sich über Busfahrer aufregen und so weiter. Aber Witze. Naja.

Witze sind wie ein Striptease

Dabei haben Witze ihre eigene Magie, so wie ein Striptease: Keiner geht bei der Hälfte, jeder will die letzte Hülle fallen sehen. Wenn du dann nackt vor dem Publikum stehst und die Pointe präsentierst, solltest du verdammt selbstbewusst sein. Selten im Leben bist du verletzlicher, als wenn du sagst: „Ey, kennt ihr den schon?“ Dann musst du liefern. Es ist so schon schwierig, unterhaltsam zu sein. Aber mit Ankündigung jemanden zum Lachen zu bringen, das hat Endgegner-Niveau.

Ich weiß nicht mal, wann mir das letzte Mal jemand einen Witz erzählt hat. Also jemand, der nicht auf einer Bühne stand und älter als zwölf war. Die Gefahr für den sozialen Status ist vermutlich einfach zu hoch. Man kennt das von den Sechzehnjährigen, die vor der Schule rauchen. Wer nichts sagt und besonnen Rauch in den Himmel pustet, wirkt reif und überlegt. Wer andere mit Links zu  „lustige Bilder mit Sprüchen“ belagert, nicht. Dabei ist es genau andersrum. Es gibt nichts Traurigeres als jemand, der sich selbst so peinlich ist, dass er sich nicht traut, mal aus der Gruppe rauszufallen. Alleine über den eigenen Scherz zu glucksen. Da bricht einem doch kein Zacken aus der Krone.

Homer Ich bin so Klug
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Wer von uns gehört schon zu dem mit Gaben gesegneten Teil der Bevölkerung, der von Natur aus unglaublich lustig und irre kluk ist? Der Rest von uns muss es halt üben. Indem man Witze erzählt. Wieder und wieder – bis einer lacht. Gnadenlos wie die achtjährige Nichte meines Freundes. So lernt man, was eine gute Rampe  – ein Set-up – für einen Witz ausmacht, und was eine Pointe braucht, um Lacher zu generieren. Nur wenn man damit ok ist, auch mal ein bisschen blöd auszusehen, kriegt man ein Gefühl für Timing und Publikum. So checkt man auch in normalen Gesprächen, was ein gutes Set-up ist – und kann es eiskalt verwandeln.

Wir sind nicht mehr sechzehn und müssen uns nichts beweisen. Deswegen sage ich: Anstatt zu tanzen, als ob mir keiner zuschauen würde, möchte ich in Zukunft Witze erzählen, als ob es mir egal wäre, wenn keiner lacht. Und übrigens, wenn man einen Hund und einen Löwen mischt ... bekommt man Ärger mit dem Postboten. Höhö.

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