Gemeinsam in eine Schublade gesteckt zu werden, kann auch sehr schön sein.

Gemeinsam in eine Schublade gesteckt zu werden, kann auch sehr schön sein.

Illustration: Federico Delfrati

Nach dem Brexit-Referendum und rund um die US-Wahl im vergangenen Jahr ging es viel um die „Millennials“, also die Generation der zwischen 1980 und den späten Neunzigern Geborenen: Wie die jeweilige Abstimmung ausgegangen wäre, wenn nur die Stimmen der Millennials gezählt hätten. Wie sich die Millennials jetzt engagieren oder engagieren müssten, sollten, könnten. Was sie von ihrer Eltern-Generation – den Babyboomern – oder ihren Vorgängern – der Generation X – unterscheidet. Wie sie sich gerade politisieren, obwohl sie immer als unpolitisch galten. Und so weiter.  

Ich habe zu dieser Zeit beruflich selbst oft mit Millennials gesprochen, über diese Themen oder ähnliche, und ich mochte diese Menschen meistens und fühlte mich ihnen nah. In einem melancholischen Moment dachte ich: „Ach ja, die Jugend – bald werde ich 30 und dann werde ich da langsam rauswachsen und selbst kein Millennial mehr sein.“ Und dann wurde es in mir auf einmal ganz hell, als ich feststellte: Das stimmt überhaupt nicht! Ich werde da nicht rauswachsen, sondern für immer ein Millennial sein! 

Seit Jahren erscheint ein „Generation dies“- und „Generation das“-Text nach dem anderen. Und anschließend folgen immer die Klagen: Menschen beschweren sich über den Generationsbegriff. Ein 1981 geborener Autor der FAZ etwa schrieb darüber, in eine Schublade gesteckt zu werden, in der er nicht sein wolle. Der Organisationsforscher Marcel Schütz mahnte in mehreren Medien (Freitag, Huffington Post, Netzwoche) an, das ganze In-Generationen-Einteilen sei pseudowissenschaftlich und die Gesellschaft viel zu komplex und differenziert, um eine allumfassende Diagnose zu treffen. Und auch aus dem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis kenne ich das Augenrollen und genervte Stöhnen, wenn es um den Generationsbegriff geht. 

Im Prinzip verstehe ich das ja: Auch mir ist klar, dass wir alle viel zu verschieden sind, um im Chor „So und nicht anders sind wir!“ skandieren zu können. Und trotzdem muss ich sagen: Ich finde es schön, Teil einer „Generation“ zu sein. Ich bin gerne ein „Millennial“ und meinetwegen auch gerne eine Vertreterin der „Generation Y“.

Ich sage das nicht, weil ich glaube, dass alles stimmt, was man den Millennials oder der Generation Y zuschreibt. Dass sie sehr vertraut mit Technik und dem Internet sind, dass sie eher auf privates Glück fixiert sind als auf die Karriere, dass sie nach Selbstverwirklichung streben und so weiter – ich kenne für jedes dieser Kriterien mehrere Menschen meines Alters, die perfekte Gegenbeispiele sind. Handys boykottieren, Social Media nicht verstehen, Karriere machen wollen oder völlig unambitioniert sind, beruflich und privat. Gibt es alles.

Trotzdem ist da etwas völlig Wertfreies, das uns verbindet. Das jede Generation verbindet und darum den Generationsbegriff rechtfertigt. Etwas, das uns niemand nehmen kann, das immer schon verbindend war und immer verbindend sein wird, dem wir nicht entkommen, selbst wenn wir wollten: unser Alter. Wir sind gleich alt und wir bleiben gleich alt und das ist wunderschön.

Alle 30-Jährigen dieser Welt haben genau den gleichen Teil der Weltgeschichte miterlebt – das verbindet

Ich bin fest davon überzeugt, dass ich mich einer 30-Jährigen aus Sydney oder Kampala, New York oder Osaka, und auch aus jeder Provinz und jedem ländlichen Gebiet immer näher fühlen werde als meiner 48-jährigen Großcousine aus Schleswig-Holstein. Auch, wenn diese anderen 30-Jährigen und ich in völlig verschiedenen Milieus aufgewachsen sind, auch, wenn wir keine gemeinsamen Hobbys und lauter unterschiedliche Muttersprachen haben, ist da eben die Tatsache, dass wir schon gleich lang auf dieser Welt sind. Dass wir den gleichen Teil der Weltgeschichte miterlebt und vielleicht sogar mitgestaltet haben. Und solange wir leben, werden wir weiterhin genau den gleichen Teil der Weltgeschichte erleben und davon beeinflusst werden und darauf Einfluss nehmen. Daran wird sich niemals etwas ändern, es wird uns für immer verbinden.

Diesen Gedanken finde ich sehr beruhigend. Er gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein. Eingebettet zu sein in eine große Gruppe, die gemeinsam und jedes Mal genau zeitgleich einen Schritt nach vorne macht und niemals einen zurück. Die Gruppe ist so groß, dass manche weiter vorne und manche weiter hinten gehen, aber alle bleiben dicht beisammen. Wenn ich Angst vorm Alter habe, dann denke ich an diese große Gruppe. Ihretwegen werde ich nicht befürchten müssen, als einsame, alte Frau von der großen Gruppe jüngerer Generationen überrollt zu werden und nicht mehr mitzukommen. Ich werde nicht denken müssen: Die Welt ist jung geblieben, nur ich bin alt geworden. Sondern ich werde wissen: Die jungen Menschen, die ich kennengelernt habe, als ich selbst jung war, sind jetzt auch alt und wir gehen immer noch unaufhaltsam gemeinsam weiter, bis der Tod die Gruppe auflöst. Und dass wir mal jung waren und was wir erlebt haben, das kann uns niemand mehr nehmen. Ich bin mir ganz sicher, dass mich das trösten wird.

Der Generationsbegriff gibt uns in unserer durchindividualisierten Gesellschaft die Möglichkeit, uns einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Ein „Wir“ zu fühlen, das nicht über Nationalität oder Religion, politische Gesinnung oder Musikgeschmack definiert wird, sondern über etwas so Neutrales wie das Alter. Niemand kann es beeinflussen, niemand kann es instrumentalisieren oder dadurch in die Radikalisierung getrieben werden. Und niemand kann es uns wegnehmen. Pseudowissenschaft und Schubladen hin oder her, ich halte das für sehr wertvoll.

Und apropos Schublade: Noch etwas macht mich froh, Teil meiner Generation zu sein. Ich habe schon sehr viele Menschen in meinem Alter kennengelernt, die ich bewundere, die klug und stark sind, kreativ und mutig – und ich kann mir wirklich nichts Besseres vorstellen, als mit ihnen Zeit in einer Schublade zu verbringen.

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