Ich sehe andere Frauen immer als Konkurrenz

Das liegt vor allem an unserer Gesellschaft, sagt eine Psychologin.
Von Berit Dießelkämper

Illustration: Julia Schubert

Neulich saß mir eine junge Frau im Zug gegenüber. Ich konnte nicht aufhören, sie anzustarren, denn ihre Haut war so glatt und so strahlend. Sie sendete ein „Mir ist noch nie irgendetwas Schlimmes passiert, nicht mal ein verdorbener Joghurt, den ich aus Versehen gegessen habe“ aus. Ich wollte so unbedingt in sie hineinschlüpfen, einfach nur sie sein. Nicht, dass meine Haut schlecht wäre, ich bin 24, aber trotzdem bin ich wahnsinnig defizitär. Zumindest ist es das, was ich glaube. Oder es ist das, was man will, dass ich es glaube.

Ich würde behaupten, dass ich auf Männer stehe, und doch schaue ich nur auf Frauen. Ich scanne sie ab, ihre Outfits, ihre Körper, ihr Make-up. Ich will das nicht. Aber irgendetwas in meinem Kopf zwingt mich, sie mir alle ganz genau anzusehen und zu bewerten. Ich habe dabei keine festgelegten Kriterien, ich vergleiche sie einfach nur mit mir selbst.

Ich schreibe das mit meinem „defizitären“ Gefühl nicht, damit irgendjemand jetzt zu mir sagt, „Ach Schätzchen, nein, du bist ganz wundervoll!“ Das wäre tatsächlich sehr nett, würde mir aber nur kurzfristig helfen. Denn aus irgendeinem Grund glaube ich, dass die schlanken Beine oder die strahlende Haut anderer Frauen einen Nachteil für mich bedeuten könnten. Und das liegt nicht (nur) an meiner eigenen Unsicherheit, sondern auch daran, dass ich das irgendwo gelernt habe.

In meinem Kopf ist die Vorstellung verankert, dass es nicht genug Jobs, Möglichkeiten und Partner für alle Frauen auf dieser Welt gibt. Deswegen fühle ich mich bedroht und glaube, im Wettstreit mit anderen Frauen zu sein. Das ist kein gesundes Streben nach Verbesserung oder Selbstwirksamkeit, sondern vollkommen bescheuert. Aber warum fällt es mir so schwer, andere Frauen nicht als Konkurrenz zu sehen? Und vor allem: Wie werde ich das wieder los?

Weibliche Konkurrenz funktioniert subtiler mit versteckter Aggression und sozialem Ausschluss

Auf die Frage, warum Frauen (und natürlich auch Männer) untereinander konkurrieren, gibt es verschiedene Antworten. Die evolutionspsychologische Erklärung beruht auf dem Lebensziel, einen Partner zu finden, um sich zu vermehren. Während Männer dabei ihre körperliche oder ökonomische Stärke (Muskeln und Geld) herausstellen, weil diese Dinge (angeblich) auf Frauen anziehend wirken, betonen Frauen ihre Jugend und Attraktivität. Wenn Frauen versuchen, ihre Konkurrentinnen schlecht zu machen, dann tun sie das weniger konfrontativ als Männer, weil sie – so die evolutionspsychologische Erklärung – ihre Gebärmutter vor Angriffen schützen müssen. Weibliche Konkurrenz funktioniert deshalb subtiler mit versteckter Aggression und sozialem Ausschluss.

Eine andere Erklärung aus der feministischen Psychologie beschreibt die Konkurrenz zwischen Frauen nicht als biologische Notwendigkeit, sondern als einen sozialen Mechanismus. In einer Gesellschaft, in der Männer das Sagen haben, übernehmen Frauen den male gaze, den männlichen Blick, in dem Frauen Objekte männlicher sexueller Begierde sind. Das heißt: Frauen machen ihren eigenen Wert davon abhängig, wie Männer sie sehen und konkurrieren auf Grundlage dieser Norm.

„Der männliche Blick ist wichtiger, als der weibliche Wille“

Es gibt jedoch nicht nur eine Norm, der ich versuche zu entsprechen. Wenn es nicht die strahlende Haut der Frau aus dem Zug ist, dann sind es andere Dinge, die ich an Frauen sehe und dann unbedingt auch haben will. Meistens sind das alles nur Äußerlichkeiten, die für ein erfülltes Leben völlig irrelevant sind und dennoch glaube ich, nur sie könnten mir mit allem Unerfüllten in meinem Leben helfen. Aber woher kommen diese Gedanken?

Ich rufe bei Dr. Sandra Konrad an. Sie ist Psychologin und Autorin des Buches „Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will“. Darin beschreibt sie, wie die frühere männliche Beherrschung der Frauen in eine weibliche Selbstbeherrschung übergegangen ist. „Im Moment leben wir immer noch in einer Welt, in der der männliche Blick wichtiger ist, als der weibliche Wille“, sagt Konrad. Frauen seien es gewohnt, von Männern für ihr Aussehen bewertet zu werden und würden sich deshalb auch oft untereinander vergleichen.

Das führe zum einen dazu, dass Frauen sich an ein vermeintliches Schönheitsideal anpassen und zum anderen, dass sie die Unangepasstheit ihrer Konkurrenz hervorheben. „Aus diesem Grund geht es bei weiblicher Konkurrenz auch seltener um Leistung oder Macht, sondern um Äußerlichkeiten“, sagt Sandra Konrad, „Weibliche Schönheit war und ist eine der wenigen Möglichkeiten, dass eine Frau sich mächtig fühlen kann und darf, ohne dass Männer sich dadurch bedroht fühlen.”

Ich bringe es nicht über mein Ego, sie aus dem Nichts mit einem Kompliment zu beschenken

Im Zug bei der jungen Frau habe ich Angst, dass mein Anstarren sie verunsichern könnte. Das würde es mich umgekehrt zumindest. Ein paar Mal sieht sie zu mir rüber. Unsere Blicke treffen sich, es ist mir total unangenehm, aber natürlich löse ich die Situation nicht auf mit einem lockeren, „Hey, tut mir leid, dass ich dich so anstarre und das klingt jetzt vielleicht ein bisschen komisch, aber deine Haut sieht wirklich fantastisch aus!“ Dann könnte ich sie noch danach fragen, ob sie bestimmte Produkte benutzt, sich vegan ernährt oder Eigenblut spritzen lässt. Und dann würde sie mir sagen, was ihr „Geheimnis“ ist und wir könnten gemeinsam fantastische Haut haben. Allerdings passiert das nie. Allein schon, weil ich es nicht über mein Ego bringe, sie aus dem Nichts mit einem Kompliment zu beschenken. Das könnte ich nur im Club oder in einer Bar, wenn ich genug getrunken hätte, mein Ego mir egal und alle meine liebsten Freunde wären.

Auch dieses Verhalten ist mir als Frau ansozialisiert. Studien haben gezeigt, dass Männer, nachdem sie die Hierarchien untereinander ausgefochten haben, sich eher unterstützen und wohlwollender zueinander sind, während Frauen sich weniger häufig miteinander verbünden oder einander fördern. Das hat auch damit zu tun, dass Männer, die erfolgreich sind, als beliebter wahrgenommen werden, während erfolgreiche Frauen als unsympathisch gelten. Es geht also nicht nur um strukturelle Ungerechtigkeiten und Machthierarchien, die aufgelöst werden müssen, sondern auch um Solidarität unter Frauen.

„Es ist wichtig dass Frauen einander unterstützen und sich fördern, anstatt weiterhin nur mit der männlichen Macht zu koalieren“, sagt Konrad, „wenn Frauen nicht zusammenarbeiten, dann schwächen sie sich.“ Dafür müssten gleichzeitig Frauen Konflikte aber auch offener austragen und gleichgeschlechtliche Konkurrenz als weniger negativ empfinden – im Sinne einer gegenseitigen Wertschätzung und der Anerkennung der Fähigkeiten der anderen. Aber was ist, wenn ich nicht darauf warten möchte, bis sich die Gesellschaft ändert?

Ich kenne nämlich auch die andere Seite. Selbst angestarrt zu werden. Als ich durch den Zug gehe, kommt mir ein Mann entgegen. Er guckt auf eine Stelle irgendwo auf der Höhe meines Hosenknopfes. Er geht vorbei. Es war kein flüchtiger Blick, irgendetwas muss da sein. Meine Hand wandert beinahe automatisch nach unten und überprüft, ob mein Hosenstall offen ist. Ist er nicht. Noch im Weitergehen überlege ich, was es gewesen sein könnte und schiele möglichst unauffällig auf diese Stelle meines Körper. Was hat er wohl gesehen? Und vor allem, was hat er sich dabei gedacht? Weiß er jetzt auch, dass ich defizitär bin?

Während ich über alle potenziellen Schwachstellen meiner Bauchregion nachdenke, kommt mir nicht in den Kopf, dass er mich vielleicht auch einfach nur attraktiv fand, dass er meine High-Waist-Jeans für eine fantastische modische Wahl hielt oder dass er einfach nur keinen Bock hat, fremden Menschen in die Augen zu sehen. Das Problem bin immer ich.

Ich bin zu mir selbst und zu anderen Frauen so hart, weil ich unsicher bin

Ich hasse diese Gedanken und ich hasse es, sie hier aufzuschreiben. Ich weiß, dass Menschen sagen werden: „Ja, selbst schuld, was bist du auch so unsicher?“ Das Schlimmste daran ist, dass sie recht haben. Ich bin zu mir selbst und zu anderen Frauen so hart, weil ich unsicher bin.

Im Umkehrschluss gilt aber auch, dass wenn ich keine Lust habe, darauf zu warten, dass die Gesellschaft weniger kritisch gegenüber mir und meinem Körper wird, die Lösung mehr Selbstliebe ist. „Wenn ich mich mag, wie ich bin, dann orientiere ich mich weniger an anderen und fühle mich weniger bedroht, wenn eine andere Frau eher den Normen entspricht“, sagt Sandra Konrad, „Bewusstsein ist wichtig und wir sollten immer mal wieder innehalten und uns selbst fragen: Was will die Gesellschaft, aber was will ich? Und wie kann ich die Freiheit, die mir die Gesellschaft bietet, mit meiner Selbstbestimmung ausfüllen?“  

Ich will mich selbst mehr mögen und muss auch andere Frauen mehr schätzen für das, was sie sind und was sie können. Das ist auch der Grund, warum ich das hier überhaupt schreibe und mich so wahnsinnig angreifbar mache. Vielleicht muss einfach nur jemand den ersten Schritt machen und darüber sprechen, wie es sich anfühlt, zu gucken und angeguckt zu werden. Denn ich weiß aus Gesprächen mit anderen Menschen, dass es sehr vielen ähnlich geht. Es ist ein schwieriger Spagat zwischen „die Schuld für diesen Konkurrenzdruck von sich weisen“ und „die Lösung bei sich selbst finden“.

Als ich meinem Gepäck hinterher aus dem Zug falle, schäme ich mich für meine Feigheit. Um das zu kompensieren, gehe ich in die nächste Bahnhofsparfümerie und kaufe eine teure Bodylotion mit Glitzerpigmenten. Meine Haut ist natürlich weiterhin die gleiche, aber seitdem überziehe ich alles, was ich in meinem Leben berühre mit einer Schicht Glitzer – auch im übertragenen Sinne. Ich mache öfter ehrliche Komplimente, ohne jedoch zu glauben, dass ich genau das auch brauche oder sein muss, um ein gutes Leben zu haben. Ich bin mir sicher, das kann uns allen helfen.

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