Metalheads sind die besseren Menschen

Metal-Fans können auf den ersten Blick furchteinflößend wirken. Zeit, mit einigen Klischees aufzuräumen.
Von Hannah Berger
metalhead

Illustration: FDE

In zotteligen Strähnen fällt das fettige Haar dem 1,90-Hünen in das bärtige Gesicht. Er blickt finster drein. Seine Klamotten sind so schwarz wie seine Seele. In grimmiger Entschlossenheit reckt er den muskelbepackten, volltätowierten Arm gen Himmel, um seinem Meister zu huldigen: Satan. Mit den Zähnen öffnet er eine Bierdose, er leert sie in einem Zug. Unter fürchterlichem Gebrüll zerdrückt er die Dose wie ein lästiges Insekt und wirft sie zu den anderen hundert, die sich zu seinen Füßen häufen. Heute Nacht werden Babykatzen geopfert! 

So oder so ähnlich dürften sich die meisten Menschen den klassischen Metal-Fan vorstellen. Und erst die Musik! Wenn man das überhaupt so nennen kann. Lärm trifft es eher. Statt zu singen wird gegrölt, geschrien, gekreischt. Statt zu tanzen, geht man unkontrolliert aufeinander los, schubst und pöbelt durch die Gegend und lässt die Matte kreisen, dass die Flöhe nur so fliegen. 

Metal-Fans sind besser als ihr Ruf

Mit diesen Klischees muss dringend mal aufgeräumt werden, finde ich.  Denn: Die große Mehrheit der Metalheads ist wesentlich besser als ihr Ruf – vielleicht sogar besser als so mancher Fan einer ‚zahmeren‘ Musikrichtung. Metalheads sind nicht die personifizierte Boshaftigkeit. Im Gegenteil. Tatsächlich sind Metalheads meiner Erfahrung nach die herzlichsten, sanftmütigsten und friedlichsten Menschen überhaupt. Zugegeben: Das äußere Erscheinungsbild einiger Metaller kann auf den ersten Blick abschrecken. Und auch Bandnamen wie ‚Cannibal Corpse‘, ‚Grave Digger‘ oder ‚Bloodbath‘ tragen nicht unbedingt zu einer Aufhellung des doch eher düsteren Images bei. 

Und es stimmt: Viele Metal-Fans mögen Bier, haben langes Haar und eher wenig farbenfrohe Klamotten im Schrank. Das war’s aber in den meisten Fällen auch schon mit dem wahren Kern hinter den Klischees. 

Solidarität gehört zur Metalszene wie Patches auf eine Kutte

Bei meinen regelmäßigen Ausflügen in die Metalszene habe ich die Community immer als unglaublich respektvoll und hilfsbereit erlebt. Als durchschnittlich große Frau werde ich auf Konzerten von rücksichtsvollen Zwei-Meter-Riesen nach vorn gelassen, weil sie mir nicht die Sicht auf die Bühne versperren wollen. Und auch, wenn es von außen wirken mag wie ein heilloses Durcheinander an wahllos umher pöbelnden Menschen: Moshpits, Circle Pits und Walls of Death haben durchaus System. Das Ziel dabei ist keineswegs, sich gegenseitig mutwillig zu verletzen. Natürlich kann es passieren, dass man versehentlich einen Ellenbogen abbekommt. Und auch auf Handys und andere zerbrechliche Gegenstände sollte man Acht geben. Wer diesbezüglich eher ängstlich ist, sollte lieber in Deckung gehen (am Rand ist man meistens einigermaßen sicher). Rührend zu sehen ist es, wenn harte Kerle ritterlich ihre zierlichen Freundinnen vom ‚Schubskreis‘ abschirmen. Noch rührender ist es, wenn sich Pärchen einfach gemeinsam ins Getümmel stürzen. Grundsätzlich aber gilt: Wer sich nicht im Moshpit befindet, wird auch nicht geschubst. Sollte jemand im Eifer des Gefechts doch zu Boden gehen, wird ihm sofort aufgeholfen. 

Einmal habe ich beobachtet, wie ein junger Mann seine Brille verloren hat. Innerhalb von Sekunden wurde der gesamte Moshpit gestoppt und der Boden gemeinschaftlich nach der verlorenen Brille abgesucht. Diese Solidarität gehört zur Metalszene wie Patches auf eine Kutte. Und auch ich selbst durfte die Hilfsbereitschaft der Metalheads am eigenen Leib erfahren: Als ich auf Rock im Park meine Freund*innen verloren hatte, irrte ich wie ein hilfloses Hundebaby verzweifelt und alleine über ein riesiges Festivalgelände. Wenig später sprachen mich zwei bärtige Metaller an: Ob alles in Ordnung sei, ob ich jemanden suchen würde, ob ich Hilfe bräuchte. Sie gaben mir ein Bier aus, machten mir völlig ironiefreie Komplimente zu meiner Gänseblümchen-Leggins, klärten mich nebenbei über die Historie der Festival Location auf und halfen mir, meine Freund*innen wieder zu finden.

Auf Veranstaltungen anderer Musikrichtungen ist die Stimmung oft aggressiver

Nun könnte man das alles natürlich auch auf den allgemeinen Festival-Spirit schieben, der die Menschen unabhängig von ihren musikalischen Vorlieben zusammenschweißt (kommt übrigens von schwitzen, nicht von schweißen, wissen die wenigsten). Da ich mich aber auch auf Konzerten und Festivals außerhalb der Rock- und Metalblase bewege, habe ich den direkten Vergleich. Und tatsächlich meine ich einen deutlichen Unterschied festzustellen. Auf Festivals anderer Musikrichtungen schien mir die Stimmung oft insgesamt aggressiver und angespannter zu sein. Vor der Bühne wurde unsanft gedrängelt, Ellenbogen wurden ausgefahren und nach unfreiwilligen Bierduschen bekam ich statt einer Entschuldigung auch noch einen blöden Spruch zu hören. Auch die Möchtegern-Pits wurden von der Mehrheit offenbar als Freifahrtschein zum munteren Pöbeln missverstanden. 

Metal hat eine beruhigende Wirkung und kann Stress reduzieren

Dass Metal-Fans überdurchschnittlich freundlich, solidarisch und friedfertig sind, scheint nicht nur meine subjektive Wahrnehmung zu sein: Als eines der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt gilt das Wacken Open Air gleichzeitig als eines der friedlichsten. Zufall? Eher nicht. Denn auch die Wissenschaft bestätigt: Metal-Fans sind nette Menschen. Zu diesem Ergebnis kommt der Psychologie Professor Bill Thompson von der Macquarie University in Sydney, der die emotionale Wirkung von Musik erforscht. Untersuchungen der Universität in Queensland haben darüber hinaus gezeigt, dass Metal eine beruhigende, ausgleichende Wirkung haben kann und zur Stressbewältigung beiträgt. Dass aggressive Musik automatisch aggressiv macht, ist demnach zu kurz gegriffen. Extreme Musik scheint vielmehr einen kathartischen Effekt zu haben und einen positiven Umgang mit Gefühlen zu fördern. Loyal und treu sind Metalheads obendrein – nicht nur ihren Festivalbändchen und Lieblingsbands gegenüber, sondern auch in Partnerschaften.

Keine Frage: Unsympathische und aggressive Menschen gibt es überall. Auch unter Metal-Fans. Fest steht aber auch, dass viele ein völlig falsches Bild von Metal-Fans im Kopf haben. Die große Mehrheit ist weder aggressiv, noch furchteinflößend. Mit Babykatzen wird im Normalfall lieber geschmust als sie zu opfern. Und wer Metaller für ungepflegt hält, wäre erstaunt, mit welcher Hingabe und Sorgfalt die üppige Haarpracht bisweilen gepflegt wird. Klarer Fall von ‚harte Schale, weicher Kern‘? Für einige Metalheads mag das durchaus zutreffen. Auf jeden Fall ist die Metal-Community sehr viel bunter und vielseitiger als ihre Kleiderwahl vermuten lässt.

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