Wie die Hitze mich zu einem besseren Menschen macht

Das Geheimnis der Selbstoptimierung liegt in der Außentemperatur.
Von Teresa Fries
Foto: Vicko Mozara/Unsplash

Ja, es ist heiß. Du schwitzt. Ich schwitze. Alle schwitzen. Und die Hitze macht uns nicht nur träge, sie macht uns auch dumm. Oder besser ausgedrückt: Sie reduziert unsere kognitive Funktionstüchtigkeit. Eigentlich wussten wir das schon seit dem ersten heißen Tag, den wir auf dem kleinen Stühlchen im Klassenraum der 1a, b oder c verbracht haben. Aber eine vor kurzem erschienene Studie hat es uns auch noch einmal wissenschaftlich fundiert bewiesen. US-Wissenschaftler untersuchten, was hohe Temperaturen im Schlafzimmer mit unseren Gehirnen machen. Die Antwort: nichts Gutes. 

Das ist ärgerlich. Und ich verstehe auch die Leute, die zur aktuellen Hitzewelle sagen: „Ich beschwere mich ja nicht über gutes Wetter, aber das geht zu weit.“ Aber ich kann nicht mehr in die schweißnasse Jammerei einsteigen, seit mir eines aufgefallen ist: Die Hitze macht mich zu einem besseren Menschen. Und zwar in mehreren Lebensbereichen:

1. Die Hitze macht mich zum Vegetarier

Das mit dem Vegetarismus steht schon lange auf meiner Liste. Ich esse nicht viel Fleisch, aber ganz aufgehört hab ich damit doch nie. Keine Bücher, keine Dokus, keine Vegetarierfreunde konnten mich bisher vollends motivieren. Aber jetzt hat’s einer geschafft: der Wettergott. Denn bei den Temperaturen gerade ist es einfach unmöglich, etwas anderes als Obst oder Salat zu essen. Ja, okay, Sommerwetter ist Grillwetter, aber da gönnt man sich ja dann mittlerweile als hipper Mensch immerhin das Bio-Steak von den glücklichsten Kühen, die man finden kann. 

2. Die Hitze macht mich sozialer

Ich bin wirklich die letzte, die gut im Small-Talken ist. Und die erste, die vielleicht lieber mal mit einer Staffel “Queer eye” oder “Orange is the new black” zu Hause auf dem Sofa bleibt, statt in wechselnder Begleitung jeden Abend After-Work-Drinks zu kippen. Aber was soll ich sagen, meine Verabredungsrate steigt direkt proportional mit dem Quecksilber in der Glasröhre des Thermometers. Die Aussicht auf den Backofen, in den sich meine Dachgeschosswohnung verwandelt hat, lässt mich um die Häuser ziehen, rausgehen, Menschen treffen und kennenlernen. Wobei wir direkt beim nächsten Punkt wären: 

3. Die Hitze macht mich zu einem besseren Trinker

Nicht unbedingt, was die Menge angeht. Aber in Sachen Professionalität. Der professionelle Trinker kennt nämlich den Trick mit dem Glas Wasser zu jedem Drink nicht nur, er befolgt ihn auch. Was ich als Anfänger normalerweise immer vergesse. Aber nicht in diesem Sommer. Da ist das Glas Wasser ein Muss, ständig und überall und immer wieder. Und das Beste ist: Trotz erhöhter Wasserzufuhr steht man trotzdem nicht ständig in der Schlange der Clubtoilette. Man schwitzt schließlich alles direkt wieder raus. Win-Win-Win, würde ich sagen. 

4. Die Hitze macht mich pünktlicher

Noch so was, an dem ich normalerweise jeden Tag scheitere: aufstehen. Doch selbst das geht momentan problemlos trotz After-work-um-die-Häuser-Ziehen. Denn einmal auf dem schweißnassen Laken aufgewacht, erscheint einem der Gedanke kalt zu duschen plötzlich viel verlockender, als der, sich nochmal umzudrehen. Und wenn man kalt duscht, ist man auch gleich doppelt so wach wie nach der sonst üblichen Warmdusche. 

5. Die Hitze lässt mich das mit der Bodypositivity verinnerlichen

Wenn jemand im Winter zu mir sagt: „Komm, wir gehen mal ins Schwimmbad oder in die Sauna“, dann löst das meist keine begeisterte Zustimmung bei mir aus. Der Gedanke, den in dieser Zeit eigentlich so bequem eingepackten Körper in einen Bikini  zu zwängen und der Öffentlichkeit zu präsentieren, bereitet mir Unbehagen. Ich bin das nicht gewohnt. Jetzt schon. Je weniger Klamotten, die an einem kleben können, desto besser. Die Twitter-Userin @Nurirgendeine hat das schön auf den Punkt gebracht: “Und jeden Morgen bei diesen Temperaturen vor dem Kleiderschrank dieselbe Frage: „Ist das sommerlich oder schon sexuelle Belästigung.” Die Hitze hat sämtliche Körperkomplexe dahinschmelzen lassen. Diesen Text schreibe ich am Fenster in Unterwäsche. Im Blick meines Nachbarn liegt nichts anderes als Verständnis. Und gleichzeitig passiert aber auch das:

6. Die Hitze tut etwas für meine Figur

Ist es erstmal 33 Grad, ist alles Workout. Treppensteigen: Workout. Staubsaugen: Workout. Die Wasserflasche zum Mund heben: Workout. Ach was: Bikram Workout! Hocheffizient, normalerweise sehr teuer, jetzt aber zum Wahnsinnspreis von ein paar Hirnzellen (Hitze schränkt die kognitive Leistung ein, stand in der Einleitung, falls du es vergessen hast.) Und zu guter Letzt:

7. Die Hitze macht mich zufriedener mit meinem Beziehungsstatus

Ich befinde mich den Sommer über in einer sehr fernen Fernbeziehung. Das ist an sich nicht unbedingt etwas Gutes. Eigentlich gar nicht. Aber in den Momenten, in denen ich – alle Viere von mir gestreckt – abends im Bett liege und mich in den Schlaf transpiriere, erscheint mir der Verzicht auf eine zusätzliche Wärmequelle neben mir plötzlich doch sehr viel einfacher. Für Singles dürfte das Gleiche gelten. Und ich bin mir sicher, auch Paare macht die Hitze glücklicher. Wenn auch aus anderen Gründen. Zum Nackt-Schlafen gibt es bei der Wärme keine Alternative. Naja und wenn man schon mal nackt ist, …

Wir sollten also ein bisschen dankbarer sein. Ja, ich weiß, Klimawandel, Erderwärmung, gegen all das müssen wir vorgehen. Aber dann lasst uns lieber das machen, anstatt über fehlende Klimaanlagen zu jammern.  

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