Klar, beim Public Viewing (im Bild: Hamburg zur WM 2014) sieht man viel Schwarz-Rot-Gold. Aber eigentlich sollten wir alle auch an ganz normalen Tagen die Flagge schwenken.

Klar, beim Public Viewing (im Bild: Hamburg zur WM 2014) sieht man viel Schwarz-Rot-Gold. Aber eigentlich sollten wir alle auch an ganz normalen Tagen die Flagge schwenken.

Foto: Axel Heimken/dpa

Ich trage diesen Sommer Flagge. Ich sage das hier in aller Deutlichkeit und ich bitte euch, liebe Mitmenschen in Deutschland, es auch zu tun. Ich bitte euch, jeden Quadratzentimeter eures Körpers (wahlweise auch des Balkons, Autos oder Fahrrads) in ein schwarz-rot-goldenes Kunstwerk zu verwandeln – und das nicht nur zur Fußball-WM, sondern an jedem Tag. Aus dem einfachen Grund, dass man der AfD, Pegida und den rechten Kräften nicht die Deutungshoheit über die Deutschlandflagge überlassen sollte. 

Die Flaggenfrage, also ob man die deutsche Flagge zeigen darf, soll oder will, kommt konsequent immer dann auf, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft ein internationales Turnier spielt. So auch in diesem Jahr. Aber dieses Jahr ist es anders, denn seit der letzten Bundestagswahl sitzt eine rechtspopulistische, nationalistische Partei im Bundestag, deren Vertreter immer wieder neue rhetorische Abgründe erkunden. Besagte Partei hatte vor drei Wochen zu einer „Großdemonstration“ in Berlin aufgerufen. Die Teilnehmer (in ihrer Zahl recht überschaubar) schwenkten massenweise Deutschlandfahnen. Die Idee dahinter ist so einfach wie effizient: Sie deuten die Deutschlandflagge für ihre Zwecke um, denn sie, so behaupten sie, seien „das deutsche Volk“. Das ist mindestens unangenehm, meist besorgniserregend oder sogar gefährlich. 

In der vergangenen Woche schrieb ein Autor im Stern, es sei für ihn heute undenkbar geworden, in Schwarz-Rot-Gold auf die Straße zu gehen, denn dies rücke ihn in die Nähe von Menschen, mit denen er absolut nichts zu tun haben will. Diese Beobachtung ist richtig. Die Konsequenz, die er aus ihr zieht, ist jedoch der erste Schritt ins Verderben. Denn der Glaube, man könne sich mit dieser Einsicht nun entspannt und in zivil gekleidet zurücklehnen ist an rückgratloser Blobfischartigkeit kaum zu überbieten. „Die Nazis haben mir den Spaß am Fußball verdorben. Menno! Ich gucke trotzdem, weil ist ja Fußi, aber Position will ich nicht beziehen“ – diesen Hochmut können wir uns aktuell nicht leisten. Denn keine Position zu beziehen wäre mit stiller Zustimmung gleichzusetzen. Zustimmung dazu, dass das Symbol unserer freiheitlichen Gesellschaft immer nur mit einer sehr kleinen, aber sehr lauten Minderheit assoziiert wird. 

Man muss die Deutschlandfahne nicht schön finden und man muss auch kein Fußballfan sein, denn hier geht es weder um das eine noch um das andere. Es geht darum, Haltung zu zeigen. 

Ein bisschen mehr (guten) Patriotismus, bitte!

Sich zum Fußball zu bekennen ist leicht. Sich zu Deutschland zu bekennen scheint ein Akt der Unmöglichkeit zu sein – zumindest für die, die für eine offene Gesellschaft und ein buntes Deutschland sind. Im Vergleich zu anderen Ländern haben die Deutschen, geschichtlich bedingt, ein etwas gestörtes Verhältnis zu ihrer Nation. Im Ausland hält man die Information, dass man aus Deutschland kommt, gerne mal zurück. Es ist nichts, auf das man sich wirklich stolz zu sein traut. Der Stern-Autor schreibt, Deutschland sei weit weg von einem „gesunden Patriotismus“. Stimmt. Aber auch nur, weil die Einzigen, die in Deutschland Patriotismus betreiben, einen „ungesunden“ betreiben. Die Frage, die sich nun viele stellen, ist: Wie viel Patriotismus verträgt das Land in Zeiten von AfD und Pegida? Die Fragen müssten richtigerweise lauten: Wie kriegen wir einen „gesunden Patriotismus“ hin? Und wie viel davon muss man aufbringen, um den „ungesunden“ von AfD und Pegida zu kompensieren?

Es ist zu einfach zu sagen, die Deutschlandflagge (oder auch jede andere Flagge) fördere Nationalismen und sei daher schlecht. Patriotismus muss nicht notwendigerweise ausgrenzend sein und leitet sich auch nicht unmittelbar aus dem Hass auf andere ab. Er kann ebenso konstruktiv sein. Ein Beispiel: Ich mag Deutschland. Ziemlich viel funktioniert hier ziemlich gut. Demokratie? Cool! Rechtsstaat? Cool! Presse- und Meinungsfreiheit? Megacool! Es ist eigentlich ganz einfach.

Die Befürchtung, mit der Fahne werfe man sich nun auch einen ganzen Strauß an Bösartigkeiten und Ressentiments über die Schulter, ist ein Trugschluss. Weil die Deutschlandflagge historisch betrachtet nämlich für genau das Richtige steht. In ihren Ursprüngen waren die Farben Schwarz, Rot und Gold 1813 die Farben der Uniformen einer Einheit während der Befreiungskriege gegen Napoleon. 1832 demonstrierten rund 30.000 Teilnehmer auf dem Hambacher Fest für nationale und demokratische Ziele – bei sich trugen sie schwarz-rot-goldene Fahnen. Nach dem ersten Weltkrieg waren es die Nationalfarben der Weimarer Republik, die von den Nationalsozialisten wieder abgeschafft wurden – sie kehrten zu den Farben des Kaiserreichs zurück, also Schwarz, Weiß und Rot, die sich auf der Hakenkreuzflagge wiederfanden. Nach den Grausamkeiten des Dritten Reiches wurde die schwarz-rot-goldene Fahne 1949 mit Inkrafttreten des Grundgesetzes als Bundesflagge eingeführt. Sie steht seitdem für unsere freiheitliche, demokratische Grundordnung und genau dieses Symbol der Verfassung sollten wir nicht aus Protestfaulheit oder falscher Scham den Rechtsradikalen überlassen. 

Wer die Deutschlandflagge dennoch als ein zu einseitiges Statement empfindet, kann sie gerne mit einer Europaflagge, einer Regenbogenflagge oder einem „Kein Mensch ist illegal“-T-Shirt, wie es der Stern-Autor als Alternative vorschlägt, kombinieren. Das wäre dann die (Schwarzwälder) Kirsche auf dem schwarz-rot-goldenen Kunstwerk.

Lasst uns der Welt zu zeigen, dass auch nette, vernunftbegabte Nicht-Nazis wissen, wie man eine Deutschlandfahne hält

Liebe Mitmenschen, kleidet euch in Schwarz-Rot-Gold, legt die Deutschlandflagge über eure Profilbilder, tragt auch die billigste Plastik-Hawaiikette in Nationalfarben mit einem Stolz, als seien sie Verdienstorden, und lasst die Nationalflagge nicht zu einem Symbol der Nazis verkommen. Lasst uns die WM als Anlass nehmen, der Welt zu zeigen, dass auch nette, vernunftbegabte Nicht-Nazis wissen, wie man eine Deutschlandfahne hält. Und nach der WM hören wir dann einfach nicht wieder damit auf.

In den ersten Wochen werdet ihr wahrscheinlich von euren Nachbarn im Treppenhaus mit sorgenvollem Blick angesehen: „Oh nein, der/die Arme ist immer noch nicht darüber hinweg, dass wir im (hier bitte beliebiges Spiel einsetzen) gegen (hier bitte beliebigen Gegner einsetzen) rausgeflogen sind!“ Mit der Zeit wird sich dieses Mitleid vermutlich in Argwohn verwandeln. Die anderen Mieter werden tuscheln und sich gegenseitig verwundert fragen, ob die Dauerbeflaggung einfach nur ein Zeichen der dekorativen Nachlässigkeit ist oder doch ein Indiz dafür, dass hinter der Tür im zweiten Stock ein Mensch mit rechtem Gedankengut wohnt. Zuletzt schlagen die Gefühle möglicherweise in pure Verachtung um. Die Mieterversammlung wird einberufen, Tagesordnungspunkt: „Verhängen der historischen Fassade mit Nationalsymbolen“, Ergebnis:  „BITTE UNTERLASSEN!!!“ Aber bleibt standhaft. Spätestens in zwei Jahren, wenn der Mainstream wieder mitmacht und die Deutungshoheit über die Flagge zurückgewonnen hat, fällt es nicht mehr auf. Und bis dahin habt ihr eine Mission. 

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