Diesel gegen Hate-Speech: „Faggot“-Jacke sorgt für Kontroverse

Das Modelabel schießt mit seiner Kampagne teilweise am Ziel vorbei.

Foto: Screenshot Youtube

Darf eine große, internationale Modemarke das populäre Schimpfwort „Faggot“ („Schwuchtel“) so prominent auf eine Jacke kleistern? Genau das macht nämlich „Diesel“ momentan und legitimiert seine Hate-Couture-Kampagne (ja, Hate, nicht Haute) mit dem Slogan „The more hate you hear, the less you care“. Der Gedanke dahinter ist wohl: Wer sich mit den Kommentaren schmückt, die ihn beleidigen sollen, nimmt sie den Hatern weg und raubt ihnen somit ihre Kraft. Die Aktion der Marke hat jetzt jedenfalls für ordentlich Kontroverse in den sozialen Netzwerken gesorgt.

Aber eins nach dem anderen: Um die Aktion öffentlichkeitswirksam an den Mann zu bringen, hat das Label sich flux ein paar große (und möglichst polarisierende) Namen des Showgeschäfts gepackt und nach den schlimmsten, ihnen zugetragenen Kommentaren auf sozialen Plattformen gefragt.

Das Ergebnis sah dann so aus, dass Barbie Ferreira, ein bekanntes „Curve Model“ und wichtige Figur der Body Positivity-Bewegung, sich in einem Oberteil zeigt, auf dem in großen Lettern „FAT“ konsequent wiederholt wird:

Nicki Minaj wurde in eine Jeansjacke mit großem „THE BAD GUY“-Patch gesteckt:

Und der amerikanische Musiker Gucci Mane (oder auch „der Rapper mit dem Face-Tattoo“) trägt in der Kampagne einen Pullover mit „F*ck You, Impostor“-Schriftzug:

Soweit, so gut. Kritisch für Diesel wurde es aber vor allem durch die oben abgebildete „FAGGOT“-Jacke. Getragen von Tommy Dorfman, bekannt als Ryan Shaver aus „13 Reasons Why“.

Denn ob man der von Diesel verfolgten Logik auch im Falle von „faggot“ – einem Ausdruck, der seit Jahren benutzt wird, um eine gesellschaftliche Gruppe in ihrer Gesamtheit zu beleidigen – folgen kann, ist die Frage. Zumal man sich auch überlegen muss, ob die Absicht des Labels überhaupt wirkt, wenn man sie als Beobachter auf der Straße gar nicht kennt. Für den unbeteiligten Passanten, dem die Kampagne fremd ist, ist die Jacke von Diesel lediglich ein Kleidungsstück, auf welchem großflächig eine Beleidigung prangt. Die Jacke an sich wird also abhängig davon, wer sie trägt und wer sie sieht, gänzlich anders verstanden. Funktionierendes Aufbegehren gegen Hate Speech geht anders.

Auf Twitter gibt es nun einigen, auch prominenten Gegenwind. Der Schauspieler Andrew Hayden-Smith („The Who“)  beispielsweise schreibt: „Nein, Diesel. Ein abfälliges Wort über den ganzen Rücken gekritzelt zu haben ist nicht der Weg, sich gegen Hass zu wehren.“

Diesel darf den Kampf nicht für andere kämpfen

Phil Stamper, ein schwuler Autor, äußert ebenfalls seine Bedenken: „Ich glaube nicht, dass Diesel es zusteht, dieses Wort für unsere Community zurückzugewinnen.“

Damit spricht er einen streitbaren Punkt an. Diesel, als riesiges, globales Unternehmen, versucht, die Beleidigung für die schwule Community „zurückzugewinnen“. Diesel tritt also an die Stelle derer, die eigentlich diesen Kampf führen. Und nimmt diesem so seine Bedeutung. Ganz zu schweigen davon, dass das Wort „Faggot“ immer noch flächendeckend missbraucht wird, um schwule Männer zu beleidigen. „Es ist immer noch sehr umstritten und bringt für viele schwule Menschen traumatische Erinnerungen mit sich“, so Stamper weiter.

Er fühle sich an die SlutWalks Anfang der 2010er Jahre erinnert. Eine Bewegung von Frauen, die gegen Rape Culture protestierten, die auf die Straße gingen und dabei das Wort „Slut“ vereinnahmt haben, um es denen, die sie damit beschimpft haben, wegzunehmen. Es wurde auf Shirts gedruckt und auf Plakate und Autos geschrieben.

Eine großartige Aktion, die mit millionenschweren Unternehmen im Rücken allenfalls merkwürdig erschienen wäre.

Diesel nimmt zu der Aktion auf Anfrage des Magazins Mic wie folgt Stellung: „Unser Ziel ist es, diejenigen zu entmachten, die Hass und Negativität kreieren. Jeder Star in der Kampagne hat einen persönlichen Bezug zu dem Problem. (...) Zusammen nutzen Diesel und Tommy Dorfman diese als Plattform, um Hater zu schwächen und zeigen, dass Mode einem dabei helfen kann.“

schja

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