Nachhaltige Mode ist der schlimmste Influencer-Trend

Denn auch ethischer Konsum bleibt: Konsum.
Von Christina Waechter

Foto: Unschuldslamm / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Das Unbehagen begann mit einer eigentlich sehr hübsch anzusehenden Strickjacke: Oversized und aus dicker, ungebleichter Wolle gestrickt, sieht sie aus, als hinge sie schon seit Generationen im Schrank. Eine Art wollige Umarmung, die auch den morgendlichen Gang zum Briefkasten zu einem gemütlichen und sehr stylishen Ausflug werden lässt. Plötzlich war diese Jacke überall: In den Insta-Feeds von Mama-Bloggerinnen, die auf Nachhaltigkeit und Holzspielzeug wert legen und mit Vorliebe in Erdtönen durch hoch stehendes Gras wandern; in den Blogeinträgen von Lifestyle-Bloggerinnen, ja sogar im echten Leben begegnet sie mir inzwischen bisweilen - und immer an Frauen, die darin sehr weiß, sehr zerbrechlich und sehr wohlhabend aussehen.

Die Recherche nach dem Hersteller war nicht schwer, denn all die Bloggerinnen und Influencerinnen hatten freundlicherweise einen Link zur Hersteller-Website gesetzt – auf dass ihre Follower*innen gleich bestellen können. Der Preis von etwa 230 Euro für die Jacke hat mich erst einmal schlucken lassen, beim Blick auf die Herstellungsweise erschien er allerdings irgendwie berechtigt, schließlich wird die Wolle von spanischen Schafen in Spanien von „Kunsthandwerkern“ gesponnen, verstrickt und ebenfalls in Spanien von Hand vernäht. Wer sich ein bisschen mit den Bedingungen in der Modeindustrie beschäftigt hat, weiß, dass gute Qualität ihren Preis hat, besonders wenn sie in unter menschenwürdigen und möglichst umweltschonenden Bedingungen hergestellt wird. Der Preis an sich war also kein Grund für das Unbehagen.

Influencer*innen pervertieren Nachhaltigkeit

Das Unbehagen kommt daher, dass nachhaltige Mode zunehmend zu einem Distinktionsmerkmal für wohlhabende Menschen zu werden scheint, die als Influencer*innen für diese Kleidungsstücke werben – und damit die Idee von Nachhaltigkeit komplett pervertieren. Und nur damit das klar ist: „Babaà“ steht an dieser Stelle nur als Beispiel für ein viel größeres Phänomen. Genauso gut könnte man diese Geschichte anhand der Hosen von Jesse Kamm (ca. 350 Euro), der Tunikas von Elizabeth Suzann (ca. 180 Euro) oder der Kleider des „State"-Labels (ca. 230 Euro) erzählen. All diese Kleidungsstücke sind zu allgegenwärtigen Statement-Pieces für Influencer*innen geworden, die einen vermeintlich nachhaltigen Lebensstil führen und dabei weiter fröhlich vor sich hin konsumieren, aber eben mit (vermeintlich) allerbestem Gewissen.

Denn auch wenn es extrem unsexy und anstrengend klingt: Ein nachhaltig hergestelltes Kleidungsstück mag eine bessere Umweltbilanz haben als ein Teil, das auf die herkömmliche Art und Weise hergestellt wurde – trotzdem ist es nicht nachhaltig, dieses Kleidungsstück zu kaufen. Nachhaltig wäre es, überhaupt nichts zu kaufen. Dazu kommt noch ein zweiter Gesichtspunkt, der das Unbehagen weiter ankurbelt: Die saftigen Preise für all diese nachhaltigen Trend-Stücke verleihen ihren Träger*innen automatisch einen exklusiven Touch, ähnlich wie bei teuren Designer-Klamotten. Denn man muss es sich schon leisten können, solche Influencer*innen nachzuahmen.

Luxusmarken vernichten und verbrennen weiterhin ihre nicht verkaufte Ware

Natürlich ist es großartig, dass das Bewusstsein für die Umwelt in der Modeindustrie wächst – und dass immer mehr Labels ihre Kleidungsstücke unter ethischen und umweltfreundlichen Bedingungen herstellen. Das liegt aber weniger daran, dass die Modeketten plötzlich ihr Gewissen entdeckt hätten, sondern daran, dass es ein spürbarer Trend ist. Die Suchanfragen für „nachhaltige“ oder „ethische“ Mode sind im vergangenen Jahr um 60 Prozent angestiegen. 75 Prozent der Konsument*innen halten Nachhaltigkeit in der Mode für sehr bis extrem wichtig. Da ist es kein Wunder, dass laut dem „2018 Puls of the Fashion Industry“-Report drei Viertel aller befragten Marken angaben, in den vergangenen Jahren ihre sozialen und ökologischen Bemühungen verstärkt zu haben. Wie genau die aussehen, ist dagegen nicht ganz so klar. Denn „Nachhaltigkeit“ ist ein sehr unpräziser Begriff ohne klare Definition. Und „Greenwashing“, also das Überbetonen von umweltfreundlichen Maßnahmen und gleichzeitige Verschweigen der umweltschädlichen Produktionsbedingungen, ist in der Modeindustrie gang und gäbe.

Und trotz des großen Nachhaltigkeits-Trends, kommen weiter nahezu täglich Horror-Nachrichten aus der Modeindustrie: Luxusmarken vernichten und verbrennen weiterhin ihre nicht verkaufte Ware, um weiter die Illusion von Exklusivität aufrecht zu erhalten. Genauso halten es Fast-Fashion-Ketten wie H&M oder Zara. In Australien werden alle zehn Minuten sechs Tonnen Textilien auf den Müll geworfen. Auch drei Viertel der britischen Textilien landen im Müll, nur ein Viertel wird gespendet oder in den Second-Hand-Kreislauf zurückgeführt. Und selbst wer seine Klamotten brav in den Container wirft, weiß eigentlich, dass er damit nicht wirklich Gutes tut, sondern dazu beiträgt, dass die Textilindustrie in Schwellen- und Entwicklungsländern zugrunde geht, weil die Märkte mit Billigware aus dem Westen überflutet wird.

Um nachhaltig zu handeln, muss man verzichten

Dementsprechend wäre es also sehr viel bewundernswerter, wenn all diese „nachhaltigen Influencer*innen“ nicht die neueste ethisch korrekt hergestellte Mode durch die Landschaften spazieren führten, sondern wenn sie darüber reden würden, wie sie täglich dieselbe Hose tragen, ohne dass es ihnen zum Hals raushängt. Oder wenn sie ein Loch an einem viel geliebten Pullover stopfen würden, statt ihn sofort durch einen neuen zu ersetzen. Oder im Second-Hand-Shop eine kaputtgegangene Hose durch eine „neue“ ersetzt haben, die eh schon da war. Das wäre ein wahrhaft nachhaltiges Influencer*innen-Dasein. Die neuesten teuren Trend-Klamotten mit gutem Gewissen spazieren zu tragen, ist dagegen dasselbe Kapitalismus-Spielchen, wie es all die herkömmlichen Influencer*innen spielen – nur halt in gedeckten Erdtönen.

Um wirklich nachhaltig zu handeln, muss man sich als Konsument*in in Verzicht üben und sollte nicht der Illusion erliegen, dass ethischer Konsum (was auch immer das heißen mag) einem ein gutes Gewissen verschaffen kann. Denn auch wenn ein Kleidungsstück unter noch so nachhaltigen Gesichtspunkten produziert wurde: Um Längen besser für die Umwelt wäre es gewesen, das Teil gar nicht zu produzieren.

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