Sollte es weiterhin Facefilter bei Instagram geben?

Gehören die nunmal zur Plattform dazu? Oder richten sie einfach zu viel Schaden an? Ein Pro und Contra.
Von Lina Wölfel und Franziska Setare Koohestani
instafilter pro contra cover

Foto: drobotdean / Freepik / Bearbeitung: jetzt

Unter dem Hashtag #filterdrop ruft Sasha Louise Pallari, Model und Make-up-Artistin, auf Instagram dazu auf, Selfies ohne Filter zu posten. Aber macht das die Plattform wirklich besser? 

Lina findet, dass Facefilter unreflektierte Schönheitsideale vermitteln und dem Make-Up-Marketing zugute kommen: 

instafilter pro contra no

Lina sagt „Nein“ zu Filtern.

Was damit anfing, dass um Fotos eine dunkle Vignette gesetzt, die Kontraste erhöht oder eine sanfte orange-Tönung vorgenommen wurde, steigert sich in Instagram-Stories seit einiger Zeit ins Absurde. Auf einmal fliegen einem Schmetterlinge um den Kopf, man kann herausfinden, in welches Hogwarts-Haus man gehört – was ich, zugegeben, auch gemacht habe – oder, und da geht meine persönliche Genervtheit in Ablehnung über, das Gesicht von Poren und Falten befreien.

Klar, wer will nicht wissen, wie „hübsch“ man ohne die ganzen bescheuerten menschlichen Makel aussieht? Aber in Deutschland sind sowieso schon etwa vier von fünf Menschen mit ihrem Äußeren unzufrieden. Soziale Medien wie Instagram machen das nicht besser: Zwei von fünf Mädchen und jungen Frauen zwischen 11 und 21 Jahren sind unzufrieden damit, im richtigen Leben nicht so auszusehen wie online. Rund ein Drittel würde kein unbearbeitetes Foto von sich hochladen. Durch Beauty-Filter werden währenddessen immer weiter unerreichbare Schönheitsideale gesetzt. Ich finde es stattdessen schön, dass durch Initiativen wie #filterdrop Pickel und Fältchen, Cellulite und Augenringe, Make-Up-Ansammlungen und Poren gefeiert werden.

„Dadurch wird nicht nur das Model aufgehübscht, sondern das Produkt gleich mit“

Noch schlimmer finde ich Filter, wenn es um Werbung geht: Ihr Einsatz muss nämlich überhaupt  nicht gekennzeichnet werden. Dadurch wird nicht nur das Model aufgehübscht, sondern das Produkt gleich mit. Starkes Make-Up wird zum Beispiel einfach weichgezeichnet – dann sieht es noch feiner und natürlicher aus. Und wenn du dir den Concealer dann kaufst und aufträgst, sieht es aus, als hättest du Heilerde im Gesicht.

Es geht mir dabei gar nicht darum, Filter oder eher deren Verwendung zu shamen. Aber es wäre einfach wichtig, eine Bild-Bearbeitung, vor allem in bezahlte Posts von Influencer*innen, zu kennzeichnen. Mein Problem ist die fehlende Transparenz. Face-Filter, wie der Paris-Filter auf Instagram, machen nicht deutlich, dass sie ein Filter sind, sondern verfeinern lediglich die Poren, hellen das Gesicht auf und verblenden Pickel und andere Hautunreinheiten. Wenn das nicht explizit erwähnt wird, checkt man das manchmal nicht beim ersten Hinschauen oder Drüberscrollen. Ohne das Wissen um die Bearbeitung kann das Bild aber nicht als bearbeitet reflektiert werden und wird erstmal als „natürlich“ eingestuft. Klar, dass man dann, wenn man den eigenen Körper mit all den gefilterten Körpern vergleicht, nur feststellen kann, dass der eigene Körper mehr angebliche Makel hat.

Sasha Louise Pallari bietet dafür eine Lösung an, mit der sie zugleich die Medienkompetenz ihrer Follower*innen schult. Sie postet immer zwei Fotos von sich: eines auf dem sie Make-Up trägt, und eines ohne. Auch wenn es eigentlich klar sein sollte, wird so vermittelt: Es ist okay, sich zu schminken, es ist okay, sich zu inszenieren – Du bist aber genauso schön ohne Make-Up. Und ohne Filter.

instafilter pro contra yes

Franzi sagt „Ja“ zu Filtern!

Für Franzi gibt es sowieso keine Realness auf Instagram. Sie will die Filter lieber zelebrieren:

„Please DON’T drop Filters!“ Und bevor mir jetzt jemand vorwirft, ich sei total Body Negative: Natürlich finde ich es super, dass unterschiedliche Körper auf Social Media stattfinden und gefeiert werden, gerade auch die abseits der Glatt-und-Schlankheits-Norm. Ich sehe gerne große Nasen und Körperbehaarung. Aber ich habe trotzdem ein Problem mit dieser ganzen #NoFilter-Bewegung.

Denn dadurch wird suggeriert, man könne Instagram zu einem Ort machen, an dem jede*r so richtig real sein kann – mit all den Dehnungsstreifen, Pickeln und vermeintlichen Problemzonen, die man als Normalo halt so hat. Ich glaube aber, es gibt keine vollständige Realness – und schon gar nicht auf Instagram. Einer Plattform, die von Künstlichkeit und Selbstinszenierung lebt und man sowieso immer nur kleine und sorgsam kuratierte Ausschnitte des „echten Lebens“ zeigt. Aufgenommen aus einem ganz bestimmten Winkel, in einem ganz bestimmten Licht. So ist die Plattform nunmal gemacht. Deswegen sollte man diese inhärente Künstlichkeit lieber reflektieren und zelebrieren, statt gegen sie anzukämpfen. Also: Feiert die Filter!

Die meisten Filter finde ich gerade deshalb so toll, weil sie total unrealistische Bilder zeichnen und unheimlich fake sind. Die mit den künstlichen Wimpern, Glubschaugen, dem Schimmer auf den Wangen, dem Heiligenschein. Da ist einfach klar, dass so die Wenigsten wirklich aussehen. Genauso gut finde ich aber auch die Filter, die das eigene Gesicht krass verzerren. Sie sind das Material, aus dem eine gute Online-Performance gemacht ist! Und: Je künstlicher die Performance, desto eher kann sie als solche gedeutet werden. Sprich, je krasser der Filter, desto besser erkennt man ihn als solchen. Fake ist in dem Fall das wahre real.

„Nur weil auf einem Selfie kein Filter liegt, ist es nicht gleich Ausdruck der Realität“

Wenn auf Instagram aber im großen Stil Natürlichkeit, #NoFilter und Realness propagiert wird, könnte der Eindruck entstehen, dass es dort wirklich etwas „Echtes“ gibt. Etwas ganz Ungekünsteltes, Unverklärtes. Und daran glaube ich nicht. Denn auch dieses ganze NoFilter-Natürlichkeitsding ist ja im Grunde eine Performance und damit zu gewissem Grade künstlich – auch, wenn das ungewollt passiert. Nur weil auf einem Selfie kein Filter liegt, ist es nicht gleich Ausdruck der Realität, irgendwie post man ja immer so, dass man sich aus dem besten Winkel zeigt. Auch das kann neue Schönheitsideale produzieren.

Dabei würde ich umgekehrt natürlich niemals sagen: Bilder ohne Filter haben auf Instagram nichts zu suchen. Aber sie sollten nicht ausschließlich dazu dienen, die mit Filter bearbeiteten Fotos als „unecht“ oder „unaufrichtig“ zu entlarven.

Es sind genau diejenigen Beauty Filter, die so ganz dezent weichzeichnen und verschlanken, die besonders trügerisch sind. Die, wo man kaum erkennen kann, ob da jetzt ein Filter drauf liegt oder nicht. Das perfide ist: Diese Filter funktionieren nach der Schönheitsnorm „natürlich“ aussehen zu müssen, sich ohne Filter zeigen zu müssen Je mehr man Filter verteufelt, umso unauffälliger und damit trügerischer werden sie.

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