"Solche Fragen sind echt low, Alter!"

Ein Gespräch mit den Beginnern – über deutschen Rap und Souveränität mit Ende 30. Nach Drogen aber sollte man sie lieber nicht fragen.
Interview von Jakob Biazza
Foto: David Königsmann

Man sollte möglicherweise kurz über Sprache reden. Sprache kann ja viel über Menschen verraten – das Alter zum Beispiel, oder die Haltung zur Welt. Das ist hier deshalb wichtig, weil die Sprache der Beginner weder besonders gut zu ihrem Alter passen will, noch zu dem Hotel mit den so flauschig die Geräusche schluckenden Teppichen, in dem sie Interviews geben. Irgendwo zwischen 30 und 40 müsste es ja eigentlich final-befremdlich werden, in jedem zweiten Satz „derbe“, „geil“ und „flashig“ zu sagen. Das seltsame an den Beginnern ist nun aber: Es wird nicht komisch. Man nimmt Jan Delay (Jan Eißfeldt) und Denyo (Dennis Lisk) das alles ab. Die Rap-Floskeln. Den Jugendjargon. Und die damit verbundene Haltung – dieses kleinäugige Herumgeflätze und das leicht gequälte Seufzen bei den erwartbaren Fragen. Aber auch die Euphorie, die Liebe und den Drang, wenn es um Themen und Künstler geht, die ihnen wichtig sind. Sätze, die eigentlich Phrasen sein müssten, werden dann plötzlich das, was man unbedingt glaubwürdig nennen möchte. Oder hier wahrscheinlich eher „credible“. Der Erfolg der Band, die diese Woche ihr Album „Advanced Chemistry“ veröffentlicht, wird mit genau diesem Phänomen zusammenhängen.

jetzt: Die Idee war eigentlich, mit euch drüber zu reden, wie man im Hip-Hop in Würde altern kann. Aber wer euer Album hört, merkt: Ihr seid ja noch richtig hungrig.

Jan: Ja? Geil! Genau so soll es sein. Darum geht es!

Dennis: Wird sind sogar noch extrem hungrig. Und das auf einem künstlerischen Level. Auf einem Hip-Hop-Level. Natürlich haben wir auch Bock auf Erfolg, aber wir sind vor allem Fans geblieben – und haben deshalb Bock, was zu beweisen. Wenn wir das nicht gewollt hätten, hätten wir das Album nicht gemacht.

Wem wollt ihr was beweisen?

Jan: Den anderen, die auch Rap machen und unsere Freunde sind. Und die vor allem so wahnsinnig gut geworden sind. Im Deutschrap sind in letzter Zeit so viele geile Sachen passiert, ohne die es unser Album nie gegeben hätte.

Welche denn?

Jan: Das Niveau ist extrem gestiegen. Und dann will man natürlich noch mal zeigen, was hier Beginner-mäßig noch geht. Wie Dennis sagt: Man ist derbe Fan geblieben – und das treibt das Feuer unterm Kessel an.

Wem konkret wolltet ihr das zeigen?

Jan: Letztlich den ganzen Jungen, die auf unserer Platte sind. Dazu auf jeden Fall den Orsons. Und Marteria sowieso. Marteria ist für mich der Torch von dem ganzen Neuen, das den Deutschrap in den vergangenen Jahren wieder geil gemacht hat. Damit ging das los. Verstehst du?

 

Nicht ganz.

Jan: Torch war der Urvater für Leute wie uns. Und Marteria ist das für die aktuelle Generation. "Zum Glück in die Zukunft" war das erste Album, das mich seit Dynamite Deluxe wieder komplett weggeblasen hat. Sam (Samy Deluxe; Anm. d. Red.) ist quasi der Torch für die Generation dazwischen. Und Marterias Album war das erste in den zehn Jahren seither, das ich wirklich wieder komplett durchhören konnte und von jedem Song geflasht und inspiriert war. Von 2000 bis 2010 kamen natürlich immer mal wieder coole Songs oder coole Artists. Aber keiner hat so ne derbe Platte gemacht.

Dennis: Das war so durchgestylt und lyrisch und beatmäßig so dicht. Und das war dann auch der Punkt, an dem ich gemerkt habe: Okay, alles klar, es geht doch noch! Das war auch ungefähr die Zeit, 2009 und 2010, wo wir meinten: Lass mal wieder anfangen. Was ein großer Schritt war, weil wir nach "Blast Action Heroes" einfach komplett ausgelaugt waren.

 

Jeder für sich oder ihr als Band?

Dennis: Beides.

Jan: Und die Musik für sich auch.

Dennis: Mir schien das fast ein weltweites Phänomen. Die Primo-Beats-Ära war over. Die ersten Synthie-Beats kamen, die waren aber noch nicht geil. Es wurde düsterer. Es wurde trister. Und wir auch. Jan hat sich mit "Mercedes Dance" befreit und wollte noch einen nachlegen mit "Wir Kinder vom Bahnhof Soul". Ich hab’ mich befreit mit meinem Singer-Songwriter-Album – im kleineren Rahmen. Und dann kam 2010 eben der Impuls. Und dann haben wir anderthalb Jahre erst mal gestylt.

 

Stylen heißt in dem Fall jetzt …?

Jan: Richtig intensiv an Songs arbeiten.

 

Ist dann ja aber erst mal nix draus geworden.

Dennis: Weil wir gemerkt haben: Ist geil, aber ist nicht geil genug. Wir sind noch nicht richtig fit. Und das wird auch in nem halben Jahr nichts. Jan hatte parallel an seinem Rockalbum gearbeitet, was alles viel fixer ging als gedacht – weil er da auch voll im Training war. Dann kam das eben noch davor. Ich habe die ganze Zeit geübt, geübt, geübt. Geschrieben, geschrieben, geschrieben. Dann hab’ ich mein Album "Derbe" gemacht. Und dann haben wir gemerkt: So, jetzt sind wir alle wieder auf Level.

 

Und dann?

Dennis: Dann haben wir uns die Sachen aus der alten Rutsche noch mal angehört – und uns schlapp gelacht: "Wie schlecht ist das denn?!" Und dann haben wir losgelegt und aus dem Wahnsinn unserer unterschiedlichen Erfahrungen alles gebündelt und dieses Album geformt. Und dabei extrem drauf geachtet, dass wir alles als Team geil finden.

 

Wie geht das?

Dennis: Indem wir einander sehr genau beobachtet und versucht haben, aus jedem das Beste rauszuholen.

 

Sagt ihr euch dann gegenseitig: Du bist noch nicht da, wo du hinmusst?

Jan: Die ganze Zeit. Davon redet er ja.

Dennis: Wie viele Lines ich verworfen habe, weil Jan meinte: Ja, schon geil aber noch nicht ganz. Und natürlich auch andersrum. Und am Ende kommen dann im besten Fall eben die Beginner raus. Und die haben hoffentlich nichts mit "in Würde altern" zu tun.

 

Und wie klingt "souverän" als Beschreibung für euch?

Dennis: Besser.

 

Wie wird man souverän?

Jan: Na ja, diese Souveränität kann man nur dann erreichen, wenn man die ganze Zeit macht und tut und alles immer weiter verbessert. Was hart ist. Am Anfang hat man ne Vorstellung davon, was souverän ist, merkt aber ziemlich schnell, dass man diese Vorstellung noch nicht erreicht. Und dann tut man und macht man weiter und kritisiert sich gegenseitig – und irgendwann hat man sie.

 

Souveränität kommt also aus harter Arbeit?

Jan: Ich hab' das jetzt bezogen auf Musik, Beats und Raps. Damit das souverän klingt, überlegen, damit es dieses "Bäm!" bekommt, das man im Hip Hop erreichen will, dafür braucht es eine Kombination aus – in aller erster Linie – Leidenschaft, und dann Talent und harter Arbeit.

 

Helfen Drogen?

Dennis: Nein.

Jan: Nein.

Dennis: Und solche Fragen sind auch echt low, Alter!

 

Was genau ist denn das Problem an der Frage?

Dennis: Ach komm: Mag sein, dass das für Leute spannend zu lesen ist, und du jetzt deshalb hier irgendwelche Storys schreiben willst. Aber das ist doch wack!

 

Sollen wir mal nachzählen, in wie vielen eurer Songs es ums Kiffen geht?

Jan: Ich glaube, man ist eher souveräner, wenn man nicht so viele Drogen nimmt.

Dennis: Also gut: Ne Droge, auch ne leichte wie Weed, pusht dich halt in den Moment. Und der gegenwärtige Moment, davon habt ihr nur alle keine Ahnung, ist das Krasseste, was es gibt. In den kommst du über Musik, übers Schreiben, über jeden kreativen Prozess sehr schnell rein. Deswegen sind Musiker meistens auch gesund und glücklich. Also: Es geht hier nicht um Drogen. Es geht um den jetzigen Moment. Um den Flash. Und den hast du, wenn du schreibst, wenn du Mucke machst, wenn du auftrittst. Und das ist auch das, was die Besonderheit ausmacht – und was die Leute als souverän wahrnehmen.

 

War Ego ein Thema, als ihr wieder angefangen habt, Musik zu machen?

Dennis: Wieso sollte es das gewesen sein?

 

Weil es bei der Musik, die ihr macht, für sich doch schon ein großer Antrieb ist. Und weil einer von euch zwischendrin immerhin einer der größten Popstars des Landes geworden ist.

Jan: Schau: Wir haben das ja auch zusammen alles schon mal erlebt. Wir sind alle zusammen schon mal die größten Popstars des Landes geworden. Deshalb braucht man darüber auch nicht zu reden, wenn’s einem noch mal passiert. Die anderen wissen ja genau, was das ist und was es bedeutet.

Dennis: Und es gilt bei uns schon immer der Grundsatz: Die beste Idee gewinnt. Daran ändert der Erfolg von irgendwem nichts. Es gilt nur: Ich hab' grad nen Flash, hast du den Flash auch? Ohne Hierarchien. Wir sind die Beginner. Wir sind keine Firma. Unser Lebensentwurf ist ja genau die Alternative zum normalen Geschäftsbetrieb. Warum sollten wir jetzt anfangen, so zu ticken? Dann wäre ich nicht dabei. Und Jan auch nicht.

Jan: Könnte DJ Mad mal sehen, wo er bleibt. (alle lachen)

Dennis: Das ist hier keine Ego-Nummer und keine Geld-Nummer. Das ist ne Flash-Nummer! Alles ist auf Augenhöhe, weil alles extrem derbe ist. Weil es meiner Meinung nach kaum besser geht.

 

Sollte man das von sich selbst sagen?

Dennis: Keine Ahnung. Ich empfinde das so, also sage ich es auch so. Die Hooks von Jan sind derbe. Die Strophen von mir sind derbe. Die Strophen von Jan sind derbe. Die Strophen von den Gästen sind noch mal krasser – was ist mit denen los eigentlich?! Die spinnen ja alle total!

Jan: Ich find das bombe so. Ich finde, von allen steckt da das Beste, was sie können, drinnen.

Dennis: Und dazu muss man noch sagen: Ego ist ein Begriff, der sehr viel Projektionsfläche hat. Ego bedeutet für jeden was anderes. Und: Ego kann man formen. Du kannst dich fragen: Was ist meinem Ego wichtig? Und ich habe mein Ego dahingehend geformt, dass es mir wichtig ist, dass diese Band glücklich ist mit dem Produkt. Wir alle haben unsere Egos so geformt, dass sie für das größere Ganze sind. Nur so kannst du eine Band so lange halten.

Jan: Genau. Wie viele Bands gibt es, die das 25 Jahre machen – und dabei so wenig Scheiß produziert haben? (lacht)

 

Wie würdet ihr Credibility definieren?

Jan: (lange Pause) Ich weiß nicht. Ich finde Credibility ist nur dann gegeben, wenn man sich über so nen Scheiß keine Gedanken macht. Was soll man sich über Authentizität (hier verhaspelt er sich ein bisschen) – was man noch nicht mal aussprechen kann – Gedanken machen? Entweder, man ist so, oder man ist nicht so.

Dennis: Das Schöne ist ja: Die Jungs, die wirklich nen Fick drauf geben, was andere über sie denken, sind die Leute, die am Ende am erfolgreichsten sind. Weil sie authentisch sind. Und Leute wollen authentische Menschen.

 

Kann man das auch auf andere Bereiche übertragen? Politik zum Beispiel?

Dennis: Ich will jetzt nicht jedem Kanzler und Präsidenten und Diktator unterstellen, dass er einfach nur authentisch ist. (lacht) Aber in der Musik ist es auf jeden Fall so.

 

Ist Glaubwürdigkeit etwas, woran man aktiv arbeiten kann – oder sogar muss?

Jan: Nein, das ist genau das, was ich meine. Sobald du anfängst, über so einen Scheiß nachzudenken, wird es unglaubwürdig. Die Leute fühlen das nur, weil wir lieben, was wir machen. Wir sind, wie wir sind. Und wenn wir etwas ändern, dann nur, weil wir merken, dass es noch nicht geil ist. Nicht stylish, nicht flashig.

 

Ihr habt mit Gzuz und Haftbefehl allerdings Leute auf der Platte, die in Bereichen glaubwürdig sind, in denen ihr das nicht seid, oder?

Jan: Die sind aber nur da, weil sie ein Instrument spielen, das wir nicht spielen können. Weil sie eine Farbe reinbringen, die wir nicht im Repertoire haben.

 

Weil sie für etwas stehen, für das ihr nicht steht.

Jan: Ich sehe das eher musikalisch. Denk an Lemmy: Keiner konnte Bass spielen wie der. Deshalb haben die Leute ihn so gefeiert. Und deshalb wollten Musiker ihn auf ihren Platten haben. Genau in dem Geiste rufen auch wir Musiker an und sagen: Wir haben dich gehört und finden das geil. Wie bei Gzuz. Der ist da drauf wegen seiner Stimme – und natürlich, weil wir Fans sind.

Dennis: Und wegen seiner Haltung. Wenn konservative Fans uns dann vorwerfen, der sei zu Straße, zu böse, dann würde ich denen empfehlen, die Dinge einfach mal nicht zu wörtlich zu nehmen. Weil: Man sollte die Dinge nicht wortwörtlich nehmen. Was sind denn Worte? Letztendlich stecken hinter Worten doch Energie und Haltung. Und wenn sich jemand über tourette-artige Schimpfauswüchse von dieser irgendwie engen Gesellschaft befreit, einer Gesellschaft, in der er nicht gesehen oder akzeptiert wird, und wenn er sich da rausbrüllt, dann ist das ne geile Haltung. Und diese Haltung feiere ich dann, auch, wenn für den ein oder anderen manche Lines politisch unkorrekt klingen mögen. Ich sehe, was dahintersteckt. Noch mehr, wenn jemand Humor hat. Gzuz hat Humor. Eminem hat Humor.

Jan: 187 haben Humor.

Dennis: Hafti hat auch Humor. Aber er hat vor allem einen tiefen Schmerz, den ich sehr interessant finde. Und aus dem entwickelt er eine wahnsinnige Poesie. Da mikroskopisch klein zu analysieren, ob das jetzt alles noch FSK 0 ist, bringt doch nichts. Schaut doch lieber mal: Wie wirkt das insgesamt auf mich?

 

Wie lief das dann ab, nachdem ihr die angerufen habt?

Jan: Die kommen und dann passiert das einfach.

 

Ach was.

Jan: Nimm "Macher": Den Song gab’s schon. Der Refrain war schon da, aber uns hat genau Haftis Instrument gefehlt – diese Stimme, der Schmerz, die Wut. Und der kommt dann und findet das alles so geil, dass er gleich noch ne Strophe schreibt, die dann der absolute Wahnsinn ist. Aber wir haben ihn nicht drum gebeten. Er hatte einfach Bock drauf. So entsteht das. So was kannst du nicht planen. Einem Typen wie Haftbefehl kannst du nicht erzählen, was er vielleicht schreiben sollte.

Dennis: Kannst du vielleicht noch irgendwie das Wort "Bambule" reinbringe, das würde doch ne super Brücke zu uns schlagen. (lachen) Bloß nichts mit "Ficken" und "Bitches".

Jan: "Fotze" auch nicht!

Dennis: So arbeitet man nicht mit solchen Künstlern. Die lässt man von der Leine und gut ist.

 

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