[object Object]

Foto: unsplash / Sam Moghadam Bearbeitung: jetzt

Als im vergangenen Jahr die erste Headliner-Ankündigung für das "Hurricane Festival" veröffentlicht wurde, sorgte das Line-up für – gelinde gesagt – Verwunderung: Von den 25 Künstlern waren genau null weiblich. Dass es sehr wohl auch anders geht, zeigt das „Puls Open Air“.

Andy Barsekow leitet beim Jugendangebot Puls vom Bayerischen Rundfunk die Musikplanung und ist auch für die Bandförderung zuständig. Er ist verantwortlicher Booker beim Puls Open Air, das dieses Jahr zum vierten Mal stattfindet.* Diesmal gibt es einen großen Unterschied zu den vergangenen Jahren: Auf der Bühne werden gleich viele Frauen wie Männer stehen. Das klingt vielleicht selbstverständlich – ist es aber nicht. Die Repräsentation von Frauen in der Popmusik ist noch immer ein ziemlich kontroverses Thema.  

jetzt: Andy, ihr habt auf dem Puls Open Air in diesem Jahr im Line-up einen Frauenanteil von 50 Prozent. War das Absicht oder eher Zufall?

Andy: Das war pure Absicht. Wir arbeiten tatsächlich schon eine Weile darauf hin, ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis hinzubekommen. Ich habe am Anfang nicht damit gerechnet, dass wir das dieses Jahr schon hinkriegen. Aber wir haben es geschafft.

Ist es schwieriger, mit einer solchen Vorgabe ein Festival zu planen?

Es war tatsächlich sehr kompliziert. Allerdings gibt es durchaus positive Entwicklungen auf dem Gebiet, die da helfen können. Das Projekt „Keychange“ vernetzt beispielsweise Musikerinnen und Veranstalter weltweit. Beteiligte Festivals haben sich das ausgewogene Geschlechterverhältnis für 2020 als Ziel gesetzt. Da ist echt Bewegung drin. Das ganze Vorhaben mit dem 50-Prozent-Anteil an sich ist aktuell noch eine ziemlich große Aktion. Und dabei sind wir noch in der privilegierten Lage, ein Festival abseits des musikalischen Mainstreams zu veranstalten. Ich denke, dass Festivals für die große Masse größere Probleme haben dürften, ein geschlechtergerechtes Line-up hinzukriegen.

[object Object]

Bild: Markus Konvalin

Ist das so? Ich hätte gedacht, dass gerade im Indie-Bereich die Jungs-Bands dominieren.

Ich glaube, die großen Bands sind das Problem. Wenn man alleine im deutschsprachigen Bereich schaut, welche Bands aktuell die Arenen füllen, dann stellt man fest, dass da sehr wenige mit weiblicher Beteiligung dabei sind. Klar gibt es auch bei den kleineren Bands noch einen deutlichen Jungsüberschuss. Aber im Indie-Bereich gibt es viele gute Bands mit weiblicher Beteiligung oder die komplett weiblich besetzt sind. Insofern tun wir uns als Indie-Festival im Verhältnis noch relativ leicht.

Hast du eine Erklärung für diese Männerdominanz in der Popkultur?

Das ist eine lange gewachsene Struktur und auch ein kleiner Teufelskreis, weil dazu auch die komplette Musikindustrie gehört. Man könnte ja schon in der musikalischen Früherziehung ansetzen und fragen, warum eigentlich immer Jungs der Meinung sind, Bands gründen zu müssen. Aber eigentlich fängt es bei den Labels an – da war lange Zeit ein sehr deutlicher Männerüberschuss da und in vielen entscheidenden Positionen ist das auch immer noch so. Und auch im Booking-Bereich sind 80 bis 90 Prozent der Beschäftigten männlich. Und Männer buchen offenbar lieber andere Männer. Dadurch wurden die Jungs-Bands erfolgreicher und deshalb auch wieder mehr gebucht. Als Festival-Organisator befindet man sich am Ende der Nahrungskette und muss Bands buchen, die eine gewisse Bekanntheit haben, damit man seine Karten auch verkauft.

Habt ihr schon Feedback bekommen zu dem 50/50-Line up?

Na klar. Das Feedback war sehr gemischt, das ging von sehr positiven Rückmeldungen bis zu sehr kritischen. Das Thema ist aber auch so wahnsinnig komplex, dass man es auf den ersten Blick nicht greifen kann. Interessanterweise bringen viele unserer Kritiker ein solches Ziel mit einer Einbuße an Qualität zusammen. Viele schreiben: „Ist mir doch wurscht, ob da ein Mann oder eine Frau auf der Bühne steht, Hauptsache, die sind gut.“ Das kapiere ich nicht. Wir machen ja kein schlechteres Booking, sondern ein ausgeglicheneres. Ehrlich gesagt kann ich die Kritik insgesamt nur schwer nachvollziehen, wenn man sich einmal näher mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Uns war schon immer wichtig, das als Thema zu setzen und darauf hinzuarbeiten, dass es irgendwann völlig normal wird, ein ausgeglichenes Verhältnis zu haben.

Es geht schon auch um Repräsentation, oder?

Wenn man Leute fragt, ob sie gemerkt haben, dass bei den Festivals der vergangenen Jahre ungefähr 90 Prozent der Menschen auf der Bühne männlich waren, dann sagen sie häufig, das fällt ihnen nicht auf. Aber wenn da nur Jungs auf der Bühne stehen, dann wird sich das immer wieder reproduzieren. Und wenn junge Frauen auf einem Festival viele Künstlerinnen auf der Bühne sehen, dann gehen sie womöglich inspiriert nach Hause und gründen vielleicht selbst eine Band. Denn darum geht es: Den Kreislauf zu durchbrechen und Vorbilder zu schaffen, auch wenn das so blöde pädagogisch klingt.   

*  jetzt ist Kooperationspartner des Bayerischen Rundfunk von Puls.